Klänge eines Chorals sind nicht das, was für gewöhnlich am Anfang eines Klavierabends in der Philharmonie steht. Zudem nicht in solcher Zartheit, wie Daniil Trifonov sie vor höchst aufmerksamem Publikum in den voll besetzten Saal stellt. Es ist das „Morgengebet“ aus dem „Kinderalbum“ op. 39 von Peter Tschaikowsky.

Trifonov folgt Tschaikowskis Idee inhaltlich treu: Zwar ist das „Kinderalbum“ des großen russischen Komponisten von den „Kinderszenen“ seines deutschen Kollegen Robert Schumann inspiriert. Doch hier wie dort handelt es sich weder um eine zwangsläufig von Kindern zu spielende Klaviermusik noch zwangsläufig um Stücke für Kinder. Situationen des bürgerlichen Lebens, in den Titeln angerissen, werden aus kindlicher Perspektive betrachtet – was von den Interpreten, wenn sie da mitgehen, nicht selten ein Höchstmaß an Anschlags- und Ausdruckskontrolle verlangt.

Der russische Starpianist geht da mit. Trifonov scheint diese kunstvolle Jugendmusik mit Bedacht an den Anfang dieses Programms zu stellen: Er scheint die ersten Miniaturen des Zyklus‘ als eine Art Studie über verschiedene Arten höchst kontrollierten Leise-Spielens unter dennoch voller Entfaltung klanglicher Möglichkeiten anzulegen. Und er verliert dabei die jeweilige Idee der Miniaturen wie auch ihren größeren Zusammenhang als Zyklus keinen Moment lang aus dem Blick.

Mit dem ganzen Körper gestaltet der Pianist die Klänge von Tschaikowski

Wer den jungen Mann mit den langen braunen Haaren nur von hinten sieht, könnte zunächst auf den Gedanken kommen, Trifonov spiele diese andächtig simple Musik völlig körperlos, ohne Bewegung nur aus den Fingern. Der Eindruck täuscht: Mit dem ganzen Körper bis hinunter zum Zwerchfell ist er dabei, gestaltet die Klänge etwa für die „Krankheit der Puppe“ oder das „Russische Lied“ unter Einsatz aller Fasern und doch mit größtmöglicher Ökonomie. Im Ergebnis würde niemand auf die Idee kommen, dass diese „kleine“ Musik nicht in die Philharmonie passt. Trifonov bringt das kunstvoll klein Gefasste kunstvoll ins Großformat und beherrscht dabei den Klang in jedem Augenblick.

Natürlich ist eine großangelegte, technisch anspruchsvolle Klangfantasie wie Maurice Ravels „Gaspard de la nuit“, oberflächlich gesehen, da noch viel eher ein Stück nach Trifonovs Neigungen und Geschmack. Tschaikowski steht vor Schumanns romantisch unsteter Fantasie C-Dur op. 17 – Mozart steht vor Skrjabins vitalistischer Fünfter Klaviersonate mit ihrer maximalen Komplexität.

Vielleicht tendiert Trifonov mittlerweile dazu, sein enormes Vorstellungs- und Umsetzungsvermögen in Sachen Klangvielfalt mit besonderer Liebe auf klassizistische Werke zu übertragen – was dazu führt, dass die Darstellung von Mozarts Fantasie c-Moll KV 475 an diesem Abend ganz besonders überzeugt. Kein Zweifel: Trifonov hat sich auch Mozarts Themen, seiner Einfachheit in so kunstvoll elaborierter Manier angenähert, wie es in einer komplizierter gewordenen Welt angemessen ist – und hat den Schnittpunkt mit dieser Einfachheit kurz vor der Unendlichkeit gefunden.