Auf der Probebühne des Berliner Ensembles ist ein Wohnzimmer in Lebensgröße aufgebaut. Eigentlich sind es nur die Wände des Zimmers, und um ganz genau zu sein: Es ist nur ein Gerüst, zwischen dem als Wände transparente Flächen gespannt sind, auf die man ein Wohnzimmer projizieren kann – das Zimmer des Frankfurter Kaufmanns Felix Ganz und seiner Ehefrau Erna im Jahr 1941. Der Architekt Matt Shaw und die Digitalingenieurin meriko borogove haben den Raum in ihrem Londoner Kreativstudio Scan LAB Projects mit Hilfe von 3D-Scan- und Projektionstechnologie zu neuem Leben erweckt. Er dürfte ursprünglich knapp 20 Quadratmeter groß gewesen sein.

Donnerstag
Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost
Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin
Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.
Es war die letzte Wohnung des Ehepaars Felix und Erna Ganz. Im sogenannten „Judenhaus“ in Mainz wurde ihnen der Raum von den NS-Behörden für einige Monate zugewiesen, bevor sie zunächst nach Theresienstadt deportiert und 1944 dann im Konzentrationslager Auschwitz ermordet wurden. Zum einen angesichts der bürgerlichen Möbel, die sie aus ihrer Frankfurter Villa mitnehmen durften, zum anderen angesichts der Enge des Raums: Die erzwungene Heimstätte war Angelpunkt ihrer sehnsuchtsvollen Rückblicke auf ein besseres Leben und zugleich Gefängnis.
Shaw und borogove aus London führen zwei Wochen vor der Premiere im Berliner Ensemble vor, wie ihre digitalen Projektionen diese Ambivalenz des „Judenhaus“-Zimmers veranschaulichen können: Sie stellen sich in eine Ecke des Raumes. Plötzlich rücken die Wände samt Schränken und aufgehängten Bildern auf sie zu, werden kleiner. Sie ducken sich, weil sie selbst in ihrer Animation den Raum Stück für Stück kleiner zaubern.
Der Raum in Felix’ Erinnerungen wird sich drehen und Farben wechseln
Es ist einer von vielen 3D-Effekten der kommenden Aufführung „Felix’s Room“. Am 28. Juni wird das Musiktheater-Stück im Berliner Ensemble in Koproduktion mit der Komischen Oper Premiere haben – mit Solisten der Komischen Oper wie Alma Sadé, Johannes Dunz und Julia Domke, die Musik des Komponisten Christoph Breidler singen. Veit Schubert spielt den titelgebenden Felix. Der Raum wird sich in seinen Erinnerungen drehen und seine Farben verändern, während er sich temporär und zu Klängen zur Istanbuler Moschee oder zu einem orientalischen Markt verwandelt.
Das einzige reale Requisit in dieser Aufführung wird eine neobarocke Kommode aus dunkelbraunem Holz sein. Sie ist der Nukleus dieses experimentellen Digital-Bühnenprojekts – auch was dessen Entstehung angeht. Entdeckt hat die Kommode der Urenkel von Felix Ganz. Adam Ganz ist seit vielen Jahren Professor für Drehbuchschreiben an der Royal Holloway University of London. „Es gab bei uns in der Familie immer Schweigen – auf zwei Ebenen. Ein großes Schweigen über den Holocaust als Ganzes, ein kleines Schweigen über das Schicksal der Familie.“ Immerhin ist Adam Ganz, heute nahe dem Rentenalter, nur am Leben, weil seine Großeltern gemeinsam mit seinem Vater als Kind in den 1930er-Jahren nach England entkommen konnten. Der namhafte Senior der Familie, Felix, blieb mit seiner Ehefrau zurück.
„Ich wusste nie, wie genau ich diese Geschichte erzählen soll“, sagt Adam Ganz, immerhin als Leiter eines Writers Room im „Immersive-Storytelling“-Labor seiner Universität ein erfahrener Geschichtenerzähler. Doch dann identifizierte er am Landesmuseum in Mainz 2019 die Kommode des Ehepaars Ganz. „Ich wusste, dass diese Kommode im Zimmer von Felix gestanden hat. Denn er hat Zeichnungen hinterlassen: Er hat eine Skizze von diesem Raum an seine Tochter Annemarie in der Schweiz geschickt. Wenn man nun dieses Objekt zum Sprechen bringen könnte – was würde es sagen?“ Die Idee zum Musiktheater-Digitalprojekt „Felix’s Room“ war geboren.
Neue Technologien verschmelzen mit klassischen Elementen
Adam Ganz und das „Scan-LAB“-Team bewarben sich im Frühjahr 2022 auf eine Ausschreibung der Kulturstiftung des Bundes in Deutschland für das Projekt „Spielräume“ von Komischer Oper und Berliner Ensemble: Rund 300 Bewerber wetteiferten um finanzielle Mittel aus dem „Fonds Digitales“. Hier sollten künstlerische Formate entwickelt werden, „die neue Technologien mit den klassischen Elementen, Fähigkeiten und Ressourcen von Theater und Oper verschmelzen“. Es ist ein experimentelles Projekt mit offenem Ausgang. Das Geld hat vor allem die Möglichkeiten eröffnet, die virtuellen Möglichkeiten digitaler Theaterräume zu erkunden. Es sei die ungewohnte Freiheit eröffnet worden, „nicht so genau zu wissen, was dabei herauskommt“, so Oliver Reese, Intendant des Berliner Ensembles.
Das Londoner Unternehmen ScanLAB Projects ist neu im Theaterbetrieb – die berufliche Vorgeschichte des Mitbegründers Matt Shaw liegt eigentlich bei Architektur, Storytelling und Spekulationen über digitale Städte der Zukunft. Die Augen seiner 3D-Laserscanner richtet er normalerweise auf mannigfaltige Objekte: auf riesige Spiegelskulpturen, arktische Eisschollen, römische Abwasserkanäle oder anmutige Tänzerinnen. Mit Millionen von Laserstrahlen vermisst sein digitales Instrument LiDAR Räume und Objekte und erweckt sie dreidimensional in Hologrammen zum Leben.
„Wir sehen es als ein Instrument, um Raum zu verstehen und mit Raum zu spielen.“ Die kreative Spontanität, aber auch die Art, wie Präzision im Theaterbetrieb verstanden wird, ist für die ScanLAB-Leute neu. „Im Theater werden Dinge oft in letzter Minute entschieden, während wir in unserem Business eigentlich alles programmieren und vorausplanen“, sagt meriko borogove. Und Digital-Architekt Matt Shaw fügt hinzu: „Für mich war der eigentlich magische Moment, als die Sänger ihren Mund öffneten. Das hat unseren digitalen Raum noch mal auf ganz andere Art transformiert.“




