Mahlers Dritter Symphonie fehlt es an allem, was diese Gattung auszeichnet: In ihr gibt es keine thematische Arbeit, also die entwickelnde Varianz von Motiven und Melodien, und sie verschmäht auch den klassischen Formaufbau. Ein struktureller Zusammenhang zwischen den sechs (statt üblicherweise vier) Sätzen ist nur rudimentär gegeben. Warum? Weil Mahler es einmal anders machen wollte, weil sich sein Genie den Verzicht auf Konventionen leisten konnte. Er kompensiert die Mängel durch eine philosophische Erzählung von den Uranfängen des organischen Lebens bis zur Liebe Gottes. Eine Fülle packender Tonbilder reiht sich aneinander, ein gigantischer Orchesterapparat quält und jubelt sich durch das überlange Werk. Teodor Currentzis braucht am Dienstag in der Philharmonie für den Kopfsatz 35 und für das Finale 30 Minuten, was im Vergleich zu anderen Interpretationen nicht ungewöhnlich lang ist.

Ungewöhnlich hingegen ist der dynamische Überdruck, den der griechisch-russische Dirigent ablässt. Das von ihm gegründete, internationale Utopia-Orchester soll laut Selbstverständnis die „innere Essenz eines Musiktextes“ realisieren, doch davon ist man ein Stück weit entfernt, es sei denn, bei dieser inneren Essenz handelte es sich um das ohrenbetäubende Dröhnen der Schöpfung; Currentzis‘ Auffassung von dem, was ein fortissimo ist, darf jedenfalls als rekordverdächtig gelten. Mag sein, dass Gustav Mahler ähnlich exaltierte Klangvisionen hatte – dem Verständnis des Werkes wäre mit ein wenig akustischer Zurückhaltung besser gedient. Wir würden gern hören und genießen, was in der Partitur steht, statt schrille Lärmattacken zu erleiden, für die hier in erster Linie die hohen Streicher zuständig sind.

Currentzis’ Projekt Utopia ist eine wirkliche exzellente Truppe

Die Streicher spielen übrigens im Stehen, eine respektable Leistung bei dem 110minütigen Werk. Sie spielen auch äußerst homogen, sind in der Mittellage und im piano von großer Klangschönheit. Das gilt in gleichem Maße für Blech- und Holzbläser. Eine wirklich exzellente Truppe, diese Utopia. Nur schade, dass sie es mehr auf Überwältigung als Überredung abgesehen hat. Von Mahler heißt es, dass er, zumindest in jungen Jahren, nervtötend zappelig dirigiert haben soll; Currentzis‘ Gestik ist eleganter, aber ebenfalls von permanenter Unruhe erfüllt. Für die Momente auratischer Stille war Wiebke Lehmkuhl zuständig, deren leuchtende Altstimme wie aus einer anderen Welt herein klang. Der Berliner Staats- und Domchor und das Vocalconsort schafften es in ihren kurzen Passagen, sich gegen die entfesselten Tonfluten der Instrumente zu behaupten.

Ist Mahler mit einem solchen klanglichen Overkill gedient? Die Magie seiner Musik erschließt sich so oder so. Über die Größe des Erfolgs entscheiden aber diverse Kriterien. Teodor Currentzis, der zu Putins Krieg beharrlich schweigt, nahm die Philharmonie im Sturm. Im Publikum war reichlich Russisch zu hören, was den dröhnenden Triumph dieses Konzertes erklären dürfte: es war eine Demonstration.