Geht’s noch? Das fragten sich das Staatsballett Berlin und seine kommissarische Intendantin Christiane Theobald, als sie für ihren neuen Zweiteiler, der dem Komponisten Igor Strawinsky gewidmet ist, dessen Ballett „Petruschka“ auf den Spielplan nahmen. In einer öffentlichen Veranstaltung Ende Mai wurde darüber auch diskutiert: Kann man diesen Klassiker, den 1911 die berühmte Kompanie Ballets Russes in Paris uraufführte, noch zeigen? Rassistische Stereotype ziehen sich durch die Partitur, ein „Mohr“ tötet die Hauptfigur, den unserem Kasper verwandten Petruschka. Beide verlieben sich in die Ballerina, aber der als hässlich beschriebene Petruschka blitzt ab, während sein Gegenspieler die Tänzerin erobert. Drei Puppen sind es im Original, die auf einem russischen Jahrmarkt lebendig werden und ein knapp 35-minütiges Eifersuchtsdrama aufführen.
Die Version, die das Staatsballett tanzt, hat Marco Goecke 2016 am Ballett Zürich choreographiert. Und das war der zweite Anlass für Diskussionen vorab: Goecke hatte im Februar einer Kritikerin aus Wut über deren schlechte Besprechungen den Kot seines Dackels Gustav ins Gesicht geschmiert. Ein Moment der Entgleisung, der seine Karriere nachhaltig beschädigte. Er verlor seinen Posten als Ballettchef in Hannover, das Nederlands Dans Theater setzte die Zusammenarbeit mit ihm aus und in Mannheim verzichtete man auf die Aufführung einer seiner Arbeiten. Berlin beschloss, das Werk von seinem auffällig gewordenen Urheber zu trennen und Goeckes hoch beschleunigt zuckende Markenzeichen-Moves zu zeigen. Immerhin hatte die Arbeit in Zürich Christian Spuck beauftragt. Ab Herbst übernimmt er die Intendanz am Staatsballett Berlin und kreiert so schon einmal neues Repertoire.

Zur Puppen-Thematik passen die kantigen Bewegungen, die rasend kreisenden Unterarme und zuckend in die Luft gewinkelten Schenkel, mit denen Goecke bekannt geworden ist. Ausdrucksstark gibt Alexandre Cagnat den Petruschka, verdreht die schwarz umrandeten Augen im weißen Gesicht und jammert in Clowns-Manier den Taschenspiegel an, der sein ihm missfallendes Selbst zeigt. Mit einer Umbenennung ist oberflächlich der Rassismus aus dem Stück getilgt: Ihm steht in David Soares nun ein „Rivale“ gegenüber. In ihrem Essay im Programmheft weist die Tanzhistorikerin Hanna Järvinen jedoch darauf hin, dass sich orientalistische, exotisierende Motive auch in der Komposition finden lassen, etwa in der Instrumentierung des „Mohren“-Themas mit Holzbläsern und Zimbeln.
Strawinskys „Sacre“ erzählt von einer heidnischen Gemeinschaft
Giuseppe Mentuccia und die Staatskapelle Berlin schälen die aufregend dissonanten Klangfarben deutlich heraus. Die schwelgerischen Streicher stellen sie klar, aber nicht schroff neben das schwül Flirrende und das Jahrmarktsgeschepper, die Strawinskys Kompositionen fast zu Programmmusik machen. Doch ganz trägt „Petruschka“ nicht: Goecke abstrahiert von der Handlung und verliert dabei die Interaktion zwischen den Figuren aus dem Blick. Durch die Wiederholung eines Pas de deux, erst mit Petruschka, dann mit dem Rivalen, wird zwar klar, dass die Ballerina ihren Gunst neu verteilt, aber Gefühle schwingen nicht erkennbar mit, und auch die Rauferei bleibt ein aseptischer Austausch äußerer Zeichen.
Gerade im Kontrast zum zweiten am Sonnabend in der Staatsoper Unter den Linden aufgeführten Werk wird offenbar, dass sich zu wenig tief Empfundenes oder allgemein Menschliches in Goeckes Adaption offenbart. Mit „Das Frühlingsopfer“ steht auch der wohl bekannteste Strawinsky auf dem Programm. Uraufgeführt wurde „Sacre du printemps“ 1913, in einem immer wieder beschworenen Musiktheater-Skandal mündend, mit ob der Avantgardeklänge und -bewegungen tobendem Publikum. Die jetzt ins Staatsballett-Repertoire aufgenommene Version stammt von Pina Bausch. Choreographiert hat die weltbekannte Wuppertaler Tanztheater-Ikone ihr „Frühlingsopfer“ 1975. Dass dieses Kunstwerk fast 50 Jahre alt sein soll, ist kaum zu glauben, so heutig und intensiv wirkt es noch immer.
In halb transparenten Leibchen verliert sich eine Gruppe Frauen zu den ersten steilen Strawinsky-Klängen in erratischen Bewegungen, die fast immer in Selbstverletzung münden: Zurückgeneigte Köpfe suchen überspannt nach Kontakt mit dem Himmel, Fäuste recken sich nach oben und rammen dann in den Unterleib. Schmerzhaft sieht das aus, verzweifelt wirkt es. Strawinskys „Sacre“ erzählt von einer heidnischen Gemeinschaft, in der ein Opfer auserkoren wird – eine Frau muss sich zu Tode zu tanzen, um die Kräfte der Natur im Gleichgewicht zu halten.
Zum ersten Mal tanzt das Staatsballett ein Werk von Pina Bausch
Bei Pina Bausch wählt ein offenbar befugter Mann willkürlich aus der Reihe der angststarren Frauen, die ihren schützenden Kreis verlassen, um sich seiner Entscheidung auszuliefern. Als Mal des Opfers dient ein rotes Kleid. Schon zu Beginn findet es eine Tänzerin auf der Erde, die den Bühnenboden fast knöchelhoch bedeckt. Torfmull an der Staatsoper: Das berühmte Bühnenbild von Bauschs Lebensgefährten Rolf Borzik hemmt jeden Schritt, klebt am schweißnassen Körper, das Tanzen wird zur Kraftanstrengung, was man bald am lauten Atem des Ensembles hört.
Hoch dynamisch sind die Kreis- und Reihentänze, die bei Bausch als klare Formen auf das Archaische hinweisen, das Strawinskys Opferritual kennzeichnet. Mit den hochgerissenen Armen und dem Aufbäumen bis zum Zusammensinken wirken die Körper wie von bösen Mächten ergriffen. Doch weich fließen die Bewegungen, dem Gewalttätigen zum Trotz. Pina Bausch war eine Meisterin ihrer Kunst.
Vor allem aber beeindruckt ihre emotionale Durchdringung des brutalen Auslese-Vorgangs. Innerliche Zustände finden hier ihren Ausdruck in äußeren Bewegungen. Verzweiflung, Furcht, das Getriebene, das in einer wilden Kopulationsszene kulminiert, aber auch Solidarität und Zartheit finden sich in diesem existenziellen „Frühlingsopfer“. Zum ersten Mal tanzt das Staatsballett eines der Werke von Pina Bausch – und es steht den Tänzerinnen und Tänzern gut. Clotilde Tran als Opfer bekommt stehende Ovationen, während die auf dem Besetzungszettel vermerkte Polina Semionova sich in die Gruppe einreiht. Nach diesem Abend kann sagen: es geht nicht nur am Staatsballett, es läuft.
Staatsballett in der Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Tel. 2060 92630 Termine: 14., 16. und 21. Juni 2023, 19.30 Uhr.


