Bernhard hat alles bis ins Kleinste durchorganisiert. Der Strom ist abbestellt, die Versicherungen gekündigt und die Wohnung blitzblank geputzt. Schließlich will er so gehen, wie er gelebt hat. Bloß keine Spuren hinterlassen in der traurig grauen Wohnung. Fehlt nur noch der Abschiedsbrief. Ein knappes „Adieu“ ans Fenster geklebt muss reichen, weil er es nicht mit dem Schreiben hat. Deshalb hört er so gerne Musik. Songtexte sind für ihn Poesie. Wie Lauryn Hills „Doo Wop“, in dem Herzen gebrochen werden und Frauen Männer hassen. Was ihn auch nicht gerade fröhlich stimmt. Also klettert er auf die Fensterbank und schickt sich an, aus dem vierten Stock zu springen. Ausgerechnet da klingelt es. Vor der Tür steht ein Typ mit Waffe und Schnurrbart, der ihn töten will. Und Bernhard stellt überrumpelt fest, dass es auf einmal gar nicht mehr so leicht ist, seinem Leben ein Ende zu setzen.

Matthieu Delaportes dramatische Komödie „Einszweiundzwanzig vor dem Ende“, die ihre 2022 Uraufführung in Paris feierte, lebt von der absurden Situation, dass ein vermeintlicher Mörder einen Selbstmörder am Suizid hindert. Von Regisseur Sebastian Sommer rasant und pointiert im Renaissance-Theater inszeniert, ist die deutsche Erstaufführung wie im Titel angekündigt 82 Minuten lang und hat das Zeug zum Bühnenhit. Was am glänzenden, fesselnden Spiel der prominenten Darsteller liegt, allesamt Debütanten am Charlottenburger Haus.

Tatsächlich stellt sich der Gast als leibhaftiger Tod im Einsatz vor

Endvierziger Aljoscha Stadelmann gibt den tapsigen 38-jährigen Bernhard. Und wird deshalb von seinem Gast aufgezogen, der ihm attestiert, älter auszusehen. Irgendwas um die 50. Harald Schrott spielt den exaltierten Mann mit der Waffe im glitzernden Rollkragenpullover, mit Hang zum Wodka und billigen Witzen. Schnell stellt sich heraus, dass er total unfähig ist, Bernhard zu töten. Dabei ist der durchaus gewillt, sich erschießen zu lassen. Nur nicht in Sofanähe. Die Couch hat ihm nämlich seine Mutter geschenkt. Die soll nicht schmutzig werden. Daher behilft er sich mit dem Regencape seines verkappten Mörders. Das hat ziemliche Ähnlichkeit mit einer schwarzen Kutte. Und tatsächlich stellt sich der Gast als leibhaftiger Tod vor.

Verblüfft über die Banalität des Sensenmannes, erfährt Bernhard, dass es der erste Arbeitstag des Todes ist. Daher hat man ihn der leichtesten Gruppe zugeteilt: Den Selbstmördern. Die kommen schließlich alle freiwillig mit. Doch Bernhard wird bockig. Er will für sein erstes Mal beim Sterben einen erfahrenen Tod. Keinen Azubi, der auch noch alle paar Minuten von seinem Ausbilder Karlheinz angerufen wird. Denn offenbar steht hinter dem Tod eine ganze Behörde mit vielen Schnittern.

Es entspinnt sich eine immer schräger werdende Diskussion zwischen beiden. Dabei stellt sich heraus, dass Bernhard noch Jungfrau ist. Hoffnungslos romantisch, am Leben und an der Liebe gescheitert. Für den Tod kein Grund, sich umzubringen. Auch er hat schlechte Tage wegen der Langeweile. Zwei verlorene Rädchen im Getriebe, die sich ähnlicher sind, als sie ahnen. Und sich langsam anfreunden. Der Tod bietet Bernhard sogar das Du an, richtet sich immer häuslicher bei ihm ein. Bis Karlheinz ihm steckt, dass er sich im Stockwerk geirrt hat.

Eine Etage drüber will sich angehimmelte Clara mit Gas umbringen

Der Job wartet eine Etage höher. Die von Bernhard aus der Ferne verehrte Clara will sich mit Gas umbringen. Der Tod weiß, das dauert. Womit Bernhard die Chance hat, sie zu retten. Nur will er dafür nicht aus seiner Wohnung raus, nichts wagen. In diesem Augenblick wird die Einsamkeit von Bernhard geradezu greifbar. Er versagt bei kleinsten Hürden des täglichen Lebens, nimmt die Herausforderung nicht an, sondern lässt sich aus der Bahn werfen.

Ironie der Geschichte: Ausgerechnet der Tod bringt ihn in die Spur. Sorgt dafür, dass Bernhard zu Clara (Julia Jäger) geht. Kaum heraus aus seiner persönlichen Hölle, erlebt er Leichtigkeit und Optimismus. Und erkennt, wofür es sich zu leben lohnt. Leider zu spät, wie der Titel „Einszweiundzwanzig vor dem Ende“ verrät. Bis zum Ende ein wendungsreicher Mix aus schwarzem Humor und existenziellen Fragen mit einem fabelhaften Duo Infernale.

Renaissance-Theater, Knesebeckstr. 100, Charlottenburg, Tel. 3124202 Termine: 6.-10.6. um 19.30 Uhr, 11.6. um 18 Uhr, bis 5.11.