Als gefeierter Film- und Schauspiel-Star war Tilla Durieux die meistporträtierte Frau ihrer Zeit. Immer wieder hieß es, sie sei keine Schönheit. Ihr Gesicht mit breiter Nase und vorstehenden Backenknochen entsprach wahrlich nicht den klassischen Maßen. Aber es war immens ausdrucksstark, erscheint stets vollkommen anders. Eine Frau mit vielen Gesichtern. Gleich mehrfach wurde sie als Circe mit dem verheißungsvollen Blick einer Femme fatale gemalt. In Auftrag gegeben 1912 von ihrem zweiten Mann, dem Berliner Kunsthändler und Verleger Paul Cassirer. Franz von Stuck gelang es durchaus, die Durieux in seinen Pastellzeichnungen hochattraktiv einzufangen. Auf den Fotografien einer Modestrecke wirkt sie indes trotz glamouröser Outfits eher unscheinbar.
„Tilla Durieux. Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen“ heißt die von Daniela Gregori kuratierte Schau, die nun im Georg Kolbe Museum zu sehen ist. Präsentiert werden rund 200 Arbeiten. Darunter Gemälde, Skulpturen, Papierarbeiten, Fotografien und Filme von bedeutenden Künstlern wie Ernst Barlach, Max Oppenheimer und Max Slevogt. Es ist vor allem ein facettenreiches Panorama der Künstlerin Tilla Durieux, da sie fast ausschließlich einen Blick auf ihre Rollen gewährte. Nur ihrem ersten Ehemann Eugen Spiro gelang es 1905, mit dem Gemälde „Dame mit Hund“ ihre private Seite einzufangen.

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Leopold Museum in Wien und der Akademie der Künste Berlin. Leicht modifiziert, fehlt unter anderem das in Wien gezeigte Porträt der Schauspieler von Auguste Renoir, dessen Rahmen in einem so schlechten Zustand war, dass es zurück ans Metropolitan Museum in New York ging.
Tilla Durieux war in gutbürgerlichen Verhältnissen aufgewachsen
Wer aufmerksam durch die Räume geht, entdeckt allerdings immer wieder lilafarbene Aufkleber unter oder neben den Werken. Es sind Anregungen zu einer aktuellen Sicht auf Tilla Durieux. Mit dieser feministischen Intervention in Zusammenarbeit mit Künstlerin Alice Escher will man die Schau ins Heute projizieren. Was angesichts ihrer emanzipierten Haltung und ihres politischen Engagements fast überflüssig erscheint.

Die Biographie der Schauspielerin wird schlaglichtartig anhand der Arbeiten erzählt. Geboren 1880 als Ottilie Helene Angela Godeffroy in Wien, wuchs Tilla Durieux in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Wie seinerzeit üblich, erlernte sie alle Fertigkeiten einer Hausfrau. Dabei wusste sie schon als Kind, dass sie Schauspielerin werden wollte. Einen Beruf, der seinerzeit verrufen war. Ihre Entscheidung quittierte die Mutter mit einer schallenden Ohrfeige. Man ahnt nur, welche Entschlossenheit und Stärke nötig waren, um dieser Welt des 19. Jahrhunderts zu entfliehen, in der das Leben einer Frau als vorgezeichnet war.
Ihren Durchbruch feierte Tilla Durieux in der Titelrolle von Oscar Wildes Stück „Salome“ in Berlin an Max Reinhardts Deutschem Theater. Danach lag ihr die Stadt zu Füßen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten flüchtete die Schauspielerin mit ihrem dritten Mann Ludwig Katzenellenbogen ins Exil. 1952 kehrte sie jedoch zurück an die Spree. 1971 starb sie 90-jährig im Krankenhaus Oskar-Helene-Heim an den Folgen einer Operation. Ihre letzte Ruhestätte fand sie unweit des Georg Kolbe Museums auf dem Friedhof Heerstraße.
Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Charlottenburg. Tel. 304 21 44 Bis 20.8. Mi.-Mo. 11-18 Uhr


