Jonas Kaufmann setzt sich ans Kopfende eines schmucklosen Sitzungstisches in der Villa im Olympiapark. Er strahlt. Die Sonne scheint, die Waldbühne ist von hier fußläufig erreichbar. Dort wird das Berliner Konzert des Startenors am 8. Juli stattfinden – ein Abend, den der Münchner Sänger, mittlerweile in Österreich lebend, gemeinsam mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin, dem Dirigenten Jochen Rieder und der US-amerikanischen Sopranistin Rachel Willis-Sørensen bestreitet. Das Konzert ist das erste von Jonas Kaufmann seit 2018, das Programm dürfte mittlerweile bestens sitzen.
Die beiden Künstler haben es schon mit wechselnden Klangkörpern an verschiedenen Orten aufgeführt. Dennoch dürfte sich das Publikum der Hauptstadt geschmeichelt fühlen. Neben Tenor-Hits wie „Nessun dorma“ aus Puccinis „Turandot“ und Highlights der Wiener Operette von Johann Strauß und Franz Lehár wird es auch etliche Nummern aus Berliner Tonfilm-Schlagern der 1920er- und -30er Jahre geben, darunter Ralph Erwins und Fritz Rotters „Ich küsse Ihre Hand, Madame“. Diese elegante Berliner Schmierigkeit ist ein Novum in Programmen des Sängers.
Jonas Kaufmann ist besonders von seiner – im Olympia-Park nicht anwesenden – Sopran-Kollegin Willis-Sørensen begeistert. „Sie ist eine wunderbare Sängerin und Kollegin, mit der ich ganz spontan agieren kann. Da muss ich keine Sorge haben, dass sie hinterher beleidigt ist, wenn ich einen Ton zu lange halte.“ Da interessiert man sich natürlich intuitiv dafür, wie die Diskussionen hinter der Bühne wohl aussähe, wenn andere Sängerkolleginnen und -kollegen aus entsprechenden Gründen dann doch mal beleidigt sind. Schließlich ist Jonas Kaufmann der Star an solchen Abenden, eventuell wird er seine Töne so lange halten, wie er es für richtig hält. Über etwaige Beschwerden von jeweils Mitsingenden allerdings scheint Kaufmann, glaubt man seinen und anderen Künstleragenten, relativ generös hinwegzugehen.
Der erfahrene Sänger lässt sich nicht schnell aus der Ruhe bringen
Für so kontroverse Fragen schämt man sich an diesem blauen Mittag und geht da nicht weiter ins Detail, schließlich möchte man das Strahlen im Olympiapark nicht trüben – wiewohl Jonas Kaufmann, 53 Jahre alt und immer wieder in den Klassik-Charts, sich nicht schnell aus Ruhe und positiver Weltanschauung bringen zu lassen scheint.
Aber vermutlich ist alles nicht ganz so einfach, sonst wäre Kaufmanns Vorab-Flug nach Berlin und dieser Pressetermin vor einer kleinen Runde der Hauptstadtpresse nicht nötig. Die rund 20.000 Besucher fassende Waldbühne mit Jonas Kaufmann als klassischem Tenor füllen zu wollen, wie der Veranstalter Semmel Concerts es vorhat: Dieses Unterfangen wäre vor einigen Jahren noch eine relativ sichere Sache gewesen – zur Zeit scheint es ambitioniert.
Vielleicht ist in seiner Branche, in seinem Repertoire im deutschen Sprach- und Kulturraum Jonas Kaufmann schon der einzige Künstler, dem man so etwas zutraut. Ein männliches Pendant zu Anna Netrebko, die aufgrund ihrer Putin-Sympathie nicht mehr viele Freunde hat unter deutschen Konzertveranstaltern. Ein Pendant auch zu einstigen Größen wie den Drei Tenören Carreras, Pavarotti und Domingo, von denen seinerzeit jeder Einzelne wohl kein Problem mit dem Füllen der Waldbühne gehabt hätte. Doch klassische Musik – so unverwüstlich und nachhaltig sie perspektivisch im Beliebtheitsranking bleiben wird – gilt in der Nach-Coronazeit und dem schwindenden Geld nicht als Garant für volle Arenen.
Der Tenor hat seine eigenen Rituale entwickelt, um die Stimme zu pflegen
Aber mit Jonas Kaufmann ist eventuell alles doch nicht ganz so schlimm. Denn der Tenor ist, wiewohl Kritiker nicht zu Unrecht seine nicht immer zuverlässige Stimme monieren, ein Garant für Wohlfühl-Atmosphäre und Begeisterung im Publikum. Das liegt auch daran, dass er die Rituale seiner Stimmpraxis unbeirrt von irgendwelchen Anfeindungen durchhält: gut schlafen, drei bis fünf Liter Wasser am Tag trinken – und Yoga sogar in den Pausen einer Vorstellung – die Schleimhäute müssten eben in jeder Situation gut befeuchtet sein.
Auch an die Unwägbarkeiten, die eine Open-Air-Vorstellung für Sänger haben kann, ist Kaufmann durch jahrelange Erfahrung gewöhnt: Sollte es beim Konzert zum Beispiel acht Grad kälter sein als bei der Anspielprobe und auch die Luftfeuchtigkeit sich verändern, müsste man sich als Solist auch auf eine veränderte Akustik einstellen.
Eine junge Journalistin stellt die Frage, ob das Programm denn auch eine politische Aussage enthalte? Zu Recht kann Jonas Kaufmann das nicht direkt beantworten. Öfters macht er sich während dieses Pressetermins dafür stark, dass man den Menschen gerade in schwierigen Zeiten als Künstler eine Flucht aus dem Alltag anbieten müsse. „Musik hatte ihre Blüte in Zeiten, in denen es Menschen nicht so gut ging.“ Jonas Kaufmann jedenfalls scheint es trotz aller Unwägbarkeiten seines Berufs und seiner Stimme gut zu gehen. Dennoch: An Erfolgen muss auch er weiterhin hart arbeiten. Wann wäre für Jonas Kaufmann, fragt man sich, ein Konzertabend ein gelungener Konzertabend? „Wenn ich es geschafft habe, dass meine Gefühlswelt der musikalischen Welt, in die ich eintauche, ganz entsprochen hat.“
Waldbühne am 8. Juli um 20 Uhr. Tel. 01806-570070 Tickets von 47 bis 199 Euro.


