Edward Elgar gehört zu den Granden seiner Generation. Heute wagt es kaum noch jemand, an seinem Rang zu zweifeln, also daran, dass Englands erster Komponist in einem Atemzug mit Mahler und Strauss, Debussy und Sibelius zu nennen ist. Vor ein, zwei Jahrzehnten war das anders. Deutsche Kritiker und Wissenschaftler plapperten unverdrossen den Satz Nietzsches nach, demzufolge es Engländern prinzipiell an Musik mangele; deutsche Demagogen ließen ihre Wut über die Geringschätzung Schönbergs an dem international viel erfolgreicheren Elgar aus; und die hierzulande tätigen Dirigenten boykottierten mehr oder weniger konsequent den genialen Mann von der Insel. Erst Daniel Barenboim und die Staatskapelle Berlin haben für eine – auch diskographisch beeindruckend belegte – Umkehr gesorgt. Das jüngste Konzert des Orchesters leitete Andrew Davis, in Sachen Elgar heute der weltweit führende Dirigent und Experte, wie eine stolze Aufnahmeliste von Werken belegt, die selbst in England selten zu hören sind.
Andrew Davis: Es beginnt mit Rachmaninow
Er begann zurückhaltend, denn es galt zunächst, Leif Ove Andsnes zu begleiten. Rachmaninows 3. Klavierkonzert d-Moll eröffnete das ungewöhnliche Programm, jenes gigantische und äußerst komplexe Stück, das der Komponist 1909 in New York aus der Taufe hob und 30 Jahre später für die Schallplatte einspielte, zügig, unsentimental, beinahe lakonisch. Seitdem stellt sich bei Aufführungen jedem Auditorium die Frage: Wird es so klingen wie beim Meister selbst – oder bekommen wir eine erzromantische Interpretation geboten? Andsnes wählte ein deutlich langsameres Grundtempo, gestattete sich auch schöne Rubati, also Temposchwankungen, und vertraute voll und ganz auf seinen klaren, doch niemals kühlen Klavierton. Dass es im Zusammenspiel mit dem Orchester zu einigen Überlagerungen kam, ließe sich wohl nur durch eine kleinere Besetzung vermeiden.
Mit Präzision und Passion den Führungsanspruch untermauert
Auch Haydns „Symphonie mit dem Paukenschlag“, Nummer 94 G-Dur, wurde mit vollen Kräften angegangen, hier aber gelang die Balance weitaus besser, und Davis durfte endlich die Führung übernehmen. Zu ganz großem Format lief der bald Achtzigjährige dann bei Elgars phantastischen „Enigma-Variationen“ auf. Die beiden zuvor gegebenen Werke nahmen, rückblickend bewertet, den Charakter von bloßen Vorspielen an, Elgars Musik triumphierte in einem Maße, wie es gewöhnlich nur Bruckner oder Mahler vergönnt ist. Man könnte einwenden, dass Bernstein und Barbirolli noch zwingendere Deutungen des Werkes geliefert haben – aber das ist sehr lange her. Andrew Davis untermauerte in der Philharmonie mit Präzision und Passion seinen derzeitigen Führungsanspruch, wobei ihn die Staatskapelle dank langjähriger Elgar-Erfahrung und wunderbarer instrumentaler Valeurs ideal unterstützte. Es hat ziemlich lange gedauert, bis Jean Sibelius die gebührende Anerkennung fand in Deutschland – jetzt scheint es auch Edward Elgar gelingen zu wollen. Und vielleicht erleben wir eines Tages auch noch die Rehabilitation von Nielsen, Glasunow, Albéniz, Roussel und anderer Genossen dieser begnadeten Generation.


