Die ukrainische Dirigentin Oksana Lyniv gab am vergangenen Sonnabend ihr Debüt mit dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO). Zwei Stücke waren dafür schon länger geplant worden: Sergej Rachmaninows drittes Klavierkonzert und Antonín Dvořáks achte Symphonie. Nachdem Wladimir Putin seinen brutalen Angriffskrieg gegen die Ukraine begonnen hatte, entschied sich die Dirigentin, ihr erstes Programm beim DSO zu erweitern und das Konzert mit dem Werk eines ukrainischen Komponisten zu eröffnen. Die Dirigentin wählte dafür die „Elegie in memoriam Stanislaw Ljudkewytsch“ des 80-jährigen Jewhen Stankowytsch, der das ukrainische Musikleben als Komponist und Hochschullehrer entscheidend prägte. Das Stück erinnert an seinen Komponistenkollegen Stanislaw Ljudkewytsch, der 1979 im Alter von 100 Jahren starb.

Stankowytsch musikalischer Nachruf ist in einem spätromantischen Stil verfasst, der ein wenig an die Tonsprache Rachmaninows erinnert. Er atmet den Geist der ukrainischen Volkslieder, indem er auf ihre Melodien zurückgreift. Höhepunkt des Stücks bildet das berührende Lamento, das die Solovioline in der dritten Strophe anstimmt. Oksana Lyniv und das DSO interpretierten das Werk auf berührende Weise in dunklen warmen Farben und mit weit gespannten Melodiebögen.

Dirigentin Oksana Lyniv und Pianist Mao Fujita beim Deutschen Symphonie-Orchester.
Dirigentin Oksana Lyniv und Pianist Mao Fujita beim Deutschen Symphonie-Orchester. © MUTESOUVENIR | KAI BIENERT

Anschließend betritt Mao Fujita die Bühne. Der 24-jährige Japaner gewann 2017 den renommierten Clara-Haskil-Wettbewerb in der Schweiz und wurde 2019 beim Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau mit der Silbermedaille ausgezeichnet. Er ist spontan für den russischen Pianisten Nikolai Lugansky eingesprungen und machte schnell klar, dass er viel mehr war als ein akzeptabler Ersatz. Mit seinem wunderbar gesanglichen Spiel verzauberte er das Publikum in der ausverkauften Philharmonie und zeigte, wie viel Poesie in diesem hochvirtuosen Klavierkonzert steckt, das leider allzu oft von derben Virtuosenhänden lieblos runtergebrettert wird. Die lyrischen Episoden kostete er wunderbar aus und gestaltete sie kantabel und mit großer rhapsodischer Freiheit.

Das Spiel des Pianisten Mao Fujita war wunderbar klar und transparent

Mit Oksana Lyniv am Dirigentenpult war dies gut möglich, da sie sehr genau darauf achtete, wie Fujita seinen Solopart gestaltete. Die Koordination zwischen Klavier und Orchester ist bei diesem Konzert besonders schwierig, da sich das Tempo ständig ändert. Doch unter dem ebenso präzisen wie geschmeidigen Dirigat der Ukrainerin war alles wunderbar synchron. Auch die gefürchtete Kadenz im ersten Satz meisterte Fujita hochsouverän. Sicherlich können diese russische Saft-und-Kraftvirtuosen wie Denis Matsuev und Arcadi Volodos noch kraftvoller und monumentaler zum Klingen bringen, da fehlt es Mao Fujita schlichtweg an Körpermasse, doch bei dem Pianisten klang dafür alles wunderbar klar und transparent.

Auch Dvořáks Achte gelang außerordentlich gut. Mit großem warmem Ton und „slawischer Seele“ gestalteten Oksana Lyniv und das DSO den Kopfsatz, voller Melancholie und Pathos erklang das Adagio und mit Anmut und Grazie der dritte Satz. Im Finale ließ es die Ukrainerin mit wuchtigem Tutti-Sound dann nochmals richtig krachen. Für die grandios schmetternden Trompeter gab es da zu Recht einen Sonderapplaus.