Wer einmal in München gewesen ist, ob nun gestern oder vor 40 Jahren, dem dürfte kaum das markante Gebäude entgangen sein, das seiner lieblichen Silhouette einen aufregenden Akzent hinzufügt. Das rundliche, silbern schimmernde, 101 Meter hohe Hauptverwaltungsgebäude der Bayerischen Motorenwerke mit seinen schmalen Fenstern, im Volksmund BMW-Vierzylinder genannt, ist mit seinem kraftvollen und zugleich eleganten Gestus eine Ikone der futuristischen Architektur und wird es bleiben. Zugleich ist es das Vermächtnis des österreichischen Architekten Karl Schwanzer.

Regisseur Max Gruber hat ihm mit „Er flog voraus“ ein spannend anzusehendes, halbdokumentarisches Denkmal gesetzt, in dem Nicholas Ofczarek mal auf der Bühne, mal im Ambiente der Schwanzer-Bauten aus den Schriften des Architekten rezitiert und das Charisma eines Mannes wiederbelebt, dem Perfektionismus ebenso selbstverständlich wie Weltoffenheit und perfekt sitzende Anzüge waren.

Mit dem Denkmalschutz hatte dieser Visionär so seine Probleme

Entstanden ist dabei eine erfreulich diskrete, zuweilen etwas unkritische Lebensbesichtigung, die das Werk in den Mittelpunkt stellt und vom Privaten schweigt. Der Vierzylinder, lernen wir von Weggefährten, war eigentlich als Entwurf schon im Mülleimer gelandet, wo ihn Schwanzer aber wieder herausfischte. Um seiner Vision Anschaulichkeit zu verleihen und Zweifel am runden Grundriss der Geschossflächen zu zerstreuen, ließ er in den Filmstudios von Geiselgasteig eine ganze Etage des geplanten Gebäudes als Kulisse zusammenzimmern und setzte Sekretärinnendarstellerinnen hinein, um die Auftraggeber zu überzeugen.

Das Philipps-Gebäude, das Belvedere 21 und die neue Kapuzinergruft in Wien oder die österreichische Botschaft in Brasilia sind weitere Beispiele einer Architektur, die sich nicht in ihrer Wiedererkennbarkeit sonnen, sondern das Neue entdecken und ermöglichen wollte. Kein Wunder, dass Schwanzer als rastloser Visionär mit dem Denkmalschutz so seine Probleme hatte. Und traurig, dass er diese Welt so früh, 1975 im Alter von nur 57 Jahren, freiwillig wieder verließ.

Dokudrama Österreich 2022, 77 min., von Max Gruber, mit Nicholas Ofczarek