Auf zwei Dinge kann sich das Publikum der Berliner Philharmoniker verlassen: Wenn Chefdirigent Kirill Petrenko die Führung hat, stammt das Programmheft stets von Malte Krasting, dem Dramaturgen der Bayerischen Staatsoper. Und wenn Petrenko verhindert ist, springt zufällig der Engländer Daniel Harding ein. So war es bereits Ende 2014 bei Mahlers Sechster Sinfonie, lange vor Petrenkos Amtsantritt als Chef der Philharmoniker. So war es auch zu Beginn der aktuellen Saison, als Petrenko wegen einer schweren Fußverletzung die Hälfte des Tourneeprogramms in Salzburg, Luzern und London abgeben musste.

Und jetzt schon wieder: Harding ersetzt Petrenko beim Eröffnungskonzert der sogenannten „Biennale der Berliner Philharmoniker“, eines Festivals mit dem diesjährigen Schwerpunkt Musik der 1950er und 1960er Jahre. Debussys „La Mer“ als Hauptwerk des Abends ist geblieben. Auch „Lontano“ und „Atmosphères“ von György Ligeti stehen natürlich weiterhin auf dem Programm – als Hommage an den ungarischen Komponisten, der am 28. Mai 100 Jahre alt geworden wäre.

Daniel Harding sprang für Kirill Petrenko bei den Berliner Philharmonikern ein.
Daniel Harding sprang für Kirill Petrenko bei den Berliner Philharmonikern ein.© Stephan Rabold

Neu hinzugekommen sind dagegen Sibelius‘ Tondichtung „Die Okeaniden“ und Brittens „Four Sea Interludes“ aus der Oper „Peter Grimes“. Eine Handvoll Wassermusiken, die eng an Debussys „La Mer“ anknüpfen, aber auch gut zu Ligeti passen. Kompositionen mit subtilen Klangverschiebungen und viel Wellenbewegung, mal ruhig und beschaulich, mal brausend und stürmend. Während Britten dabei durchaus auch zu drastischen Mitteln à la Schostakowitsch greift, wirkt Sibelius‘ Musik über die Nymphen des Ozeans gedämpfter, sphärischer – und in den Seitenthemen sogar wie eine Referenz an Debussys Impressionismus.

Ligetis „Lontano“ erinnert an ferne Galaxien

Die Philharmoniker bewegen sich beim Sibelius behutsam zwischen Intimität und Ernst, zwischen Geschmeidigkeit und Düsternis. Verhaltener Applaus danach – und auch nach dem folgenden „Lontano“ von Ligeti. Eine raffiniert gewebte Klangflächenmusik von 1967, die an ferne Galaxien und Filme von Stanley Kubrick erinnert. Schade allerdings, dass die Philharmoniker dieses Werk am Donnerstagabend wie eine Etüde spielen. Es fehlt das Geheimnis, es fehlt die Sinnlichkeit.

Und das könnte auch an Daniel Harding liegen. Denn Harding gehört zu denjenigen Dirigenten, die musikalische Abläufe sehr gut organisieren können. Doch um die Inspiration muss sich das Orchester selbst kümmern. Die Folge: Man hört ziemlich genau, auf welche Werke die Philharmoniker tatsächlich Lust haben. Und in diesem Fall haben sie mehr Lust auf „Atmosphères“ nach der Pause, eine noch berühmtere Klangflächenmusik von Ligeti.

Bleiben noch Brittens „Sea Interludes“ und Debussys „La Mer“: Feine Details und klare Strukturen lässt Harding hier herrschen. Der Debussy glänzt metallisch, wirkt nüchtern und straff. Es ist ein Debussy mit doppelt gestärktem rotem Faden und einigen ausgewählten Passagen, in denen sich die Bläser-Solisten selbstverwirklichen dürfen. Die Tempi sind insgesamt ziemlich rasch, am Ende sogar gesteigert bis zur Raserei. Großer Jubel danach.