Martin Grubinger kann die Fantasien des Publikums in mehrfacher Hinsicht wecken. Eben nicht nur, weil der Schlagzeuger auf der Bühne ein Magier ist, der aus seinem Instrumentarium Klänge hervorzaubern kann wie kaum ein anderer. Überrascht hat er sein Publikum auch mit der Ankündigung seines Bühnenabschieds. Seit Jahren sprach er zwar immer wieder beiläufig davon, mit 40 aufhören zu wollen. Aber wer glaubte bei seinem Erfolg schon daran? Am 29. Mai wird er 40, und er hört tatsächlich auf. Der bemerkenswert frühe Zeitpunkt – selbst für Künstler – weckt sicherlich einige Fantasien beim Publikum im arbeitsfähigen Alter. Seine Abschiedstour geht noch bis Sommer. In Berlin wird Grubinger sich in den beiden Konzerten des Deutschen Symphonie-Orchesters am 28. und 29. Januar von der Bühne verabschieden.

Man fragt sich schon, warum es einen vergleichsweise jungen Virtuosen, der obendrein eher wie ein Student aussieht, nicht mehr auf die Bühne drängt? Andere Künstler schleppen sich mit 90 noch auf die Bühne, weil es für sie überlebenswichtig ist. „Ich will Geschichte studieren“, sagte Martin Grubinger kürzlich bei seinem Abschied in Zürich, das sei ein langgehegter Traum. Er tritt zweifellos auf dem Höhepunkt seiner Laufbahn ab. Zwei Jahrzehnte lang war er omnipräsent. Es brauche ihn nicht mehr als „Leuchtturm“, glaubt er. Vielleicht muss man auch noch hinzufügen, dass er seit dem Studienjahr 2018/19 Professor für klassisches Schlagwerk/Multipercussion an der Universität Mozarteum Salzburg ist. Dort hatte er selbst studiert. Die Professur ist eine stattliche Aufgabe, die viele Künstler gerne übernehmen würden. „Das ist der nachhaltigere Weg“, sagte Grubinger mit Blick auf seine Schüler.

Grubinger ist mehr der Fußballertyp und weniger der verträumte Feingeist

Auch als Moderator hat sich Martin Grubinger einen Namen gemacht. Mit der Cellistin Sol Gabetta führt er seit Jahren alternierend in der Sendung „Klickklack“ im Bayerischen Fernsehen durch die klassische und jazzige Musikwelt. Wobei er unter den Klassikmusikern sicherlich mehr der hemdsärmelige Fußballertyp ist als der verträumte Feingeist. Der gebürtige Salzburger ist geradlinig in all seinem Tun.

Der österreichische Schlagzeuger Martin Grubinger als virtuoser „Pausenfüller“ beim Eurovision Song Contest 2015 in Wien.
Der österreichische Schlagzeuger Martin Grubinger als virtuoser „Pausenfüller“ beim Eurovision Song Contest 2015 in Wien. © picture alliance / dpa | Georg Hochmuth

Das mit dem Fußball hat biografische Hintergründe. Der Fußball spielende Vater spielt eine prägende Rolle in seinem Leben. Schlagzeuger sind von der Kondition her meist auch Sportler. Ersten Unterricht erhielt Grubinger von seinem Vater, Martin Grubinger senior, einem Schlagzeuger und Lehrer für Schlaginstrumente am Mozarteum. Inzwischen trainiert der Pensionär eine Fußballmannschaft. Ansonsten berichtete Grubinger im Züricher Gesprächskonzert noch aus seiner frühen Kindheit von einer „Trommel, die mitten in der Küche stand.“

Grubinger kennt keine Scheu vorm Crossover

Die höchsten Weihen hat Grubinger im Klassikbetrieb erhalten. Er war Resident bei großen Orchestern und wurde mehrfach geehrt. Er trat in der New Yorker Carnegie Hall, im Amsterdamer Concertgebouw, dem Brüsseler Palais des Beaux-Arts, dem Leipziger Gewandhaus oder in den Philharmonien von Köln und Luxemburg auf. Mit den Berliner Philharmonikern war er in der Waldbühne zu erleben. Auch große amerikanische Orchester hatten ein Auge auf den Showman am Schlagwerk geworfen. Grubinger kennt keine Scheu vorm Crossover. Beim Eurovision Song Contest 2015 in Wien trat er im sogenannten Interval Act auf. Als einen sensationell grimassierenden „Pausentrommler“ bezeichnete ihn der „Spiegel“, als „ein gedoptes Duracell-Häschen, dem man mit wachsender Fassungslosigkeit bei seiner irren Klöppelei zusehen konnte.“

Vielen Stücken hat der Virtuose ins Leben verholfen. Dazu gehören Avner Dormans „Frozen in Time“ (2007), das „Konzert für Schlagzeug und Orchester“ von Friedrich Cerha (2008) oder Tan Duns Schlagzeugkonzert „Tears of Nature“ (2012). Die Uraufführung von „Speaking Drums“ mit dem Mahler Chamber Orchestra unter der Leitung des Komponisten Peter Eötvös folgte 2014. Grubingers großbesetzte Projekte wie „The Percussive Planet“, „Century of Percussion“ und „Caribbean Showdown“ stehen für sein Wirken.

In der Philharmonie performt er Daniel Bjarnasons Schlagzeugkonzert

In den beiden Konzerten mit dem Deutschen Symphonie-Orchester wird sich der gerade noch 39-jährige Grubinger von seinem Berliner Publikum verabschieden. In der Philharmonie performt er das ihm gewidmete Schlagzeugkonzert des Isländers Daniel Bjarnason. Das Stück ist unter Leitung von Andris Poga kombiniert mit Mussorgskis „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“ und Prokofjews Suite aus dem Ballett „Romeo und Julia“.

Nach den Berliner Abenden zieht Grubinger weiter nach Göteborg, Stuttgart, Freiburg, Mannheim und Wien. Insgesamt hat der Schlagzeuger noch 26 Abschiedskonzerte vor sich, ob in Genf, Budapest oder Hamburg. Ein Recital beim Rheingau Musik Festival setzt am 28. Juli den Schlusspunkt. Was bleibt sind jede Menge von Bild- und Tonaufzeichnungen. Grubinger veröffentlichte die CD „Drums ‘n’ chant“ sowie einen Live-Mitschnitt des „Percussive Planet“ auf DVD für Deutsche Grammophon. Weitere Einspielungen erschienen bei verschiedenen Labels.

Philharmonie Tel. 20298711 Grubingers Berliner Bühnenabschied am 28. und 29.1. um 20 Uhr