Die Tragödie lässt sich nicht zu Ende erzählen. Zwei sachlich-knappe Hinweise stellt der Berliner Anwalt und Buchautor Karl Alich seiner Biografie „Freispruch für Stella Goldschlag“ voran, die das ganze menschliche, juristische und gesellschaftliche Dilemma umreißen. „Stella wurde am 7. März 1946 in Liebenwalde/SBZ verhaftet“, schreibt Alich. „Ihre Verurteilung zu zehn Jahren Haft erfolgte durch ein sowjetisches Militärtribunal am 31. Mai 1946. Ihr wurde vorgeworfen, untergetauchte Juden in Berlin aufgespürt und an die Gestapo verraten zu haben.“ Nach ihrer Haftentlassung geriet die Jüdin in die Mühlen der West-Berliner Justiz. Für Alich begann damit eine sich lang hinziehende antisemitische „Hexenjagd“. Das vollzieht er in der Biografie detailliert nach. Seine Position dazu ist bereits am Buchtitel ablesbar.
Stella Goldschlag war 1922 in Berlin in eine Musikerfamilie hinein geboren worden und träumte von einer eigenen Karriere. Später hatte die Wilmersdorfer Jüdin unter Folter und unter Androhung der Deportation ihrer Eltern in den 1940er-Jahren mit der Gestapo kollaboriert und als „Greiferin“ in Berlin untergetauchte Juden verraten. Von 300 Fällen ist die Rede. 1994 beging sie nach der Ausstrahlung der TV-Doku „Die Greiferin“ Selbstmord.

Alichs zweiter Hinweis am Buchbeginn zitiert das Bundesverfassungsgericht von 2009: „Es gehört zum personalen Selbstverständnis der heute in Deutschland lebenden Juden, als zugehörig zu einer durch das Schicksal herausgehobenen Personengruppe begriffen zu werden, der gegenüber eine besondere moralische Verantwortung aller anderen besteht, und dass dieses Teil ihrer Würde ist.“ Im Fall von Stella Goldberg stellt sich demnach die Frage, ob es die Persönlichkeitsrechte verletzt, wenn sie als Jüdin jetzt zu einer Symbolfigur des Massenmordes der Nazis stilisiert wird? Jeder Auschwitz-Besucher erfährt heute, auf welch perfide Weise die Nazis ihre Opfer in den eigenen Vernichtungsprozess hineingezwungen hatten. Stella Goldschlags Fall als Denunziantin in dem System ist komplizierter und weckt verschiedene Geister.
Karl Alichs Buch ist eine Reaktion auf Takis Würgers umstrittenen Roman

Karl Alich hat auf Entwicklungen in Theater und Literatur reagiert. In einer Art Revue war „Stella“ als das „blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“ 2016 auf die Bühne der Neuköllner Oper gekommen. Die Produktion blieb weitgehend unbeachtet. Gegen den im Hanser-Verlag erschienenen Roman „Stella“ des Berliner Schriftstellers und „Spiegel“-Journalisten Takis Würger hatte Alich aber 2019 Strafanzeige „wegen des Verdachts der Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener“ nach Paragraph 189 des Strafgesetzbuches gestellt. Die Anzeige lief ins Leere, jetzt liegt Alichs Sicht auf den Fall Goldschlag als Biografie vor. Es ist das erste Buch des früheren Notars.
An Würgers Buch hatte Alich kritisiert, dass es eine „banale Romanze im Dritten Reich“ sei und Stella Goldschlag es nicht verdient habe, „mit ihrem menschlichen Elend noch posthum ausgebeutet zu werden.“ In Würgers Roman ist der Ich-Erzähler Friedrich ein junger Schweizer. In Berlin trifft der stille Gutmensch auf den zwielichtigen, charismatischen SS-Mann Tristan von Appen und das bildschöne Nacktmodell Kristin ohne Nachname. Kristin ist eine blonde Verführerin. Später stellt sich heraus, dass es die Jüdin Stella ist. Und sie ist raffgierig, etwas unheimlich, klug und verschlagen. Gleich mehrere antisemitische Topoi werden in der Darstellung der „schönen Jüdin“ bedient.
Letztlich steht der Journalist Würger in einer fragwürdigen „Spiegel“-Tradition. Als im Januar 1979 der US-amerikanische Vierteiler „Holocaust“ ausgestrahlt wurde, Millionen Deutsche vor ihren Bildschirmen die Leidensgeschichte der Familie Weiss verfolgten, steuerte das Nachrichtenmagazin seine Sicht bei. „Holocaust: Der Judenmord bewegt die Deutschen“ lautete der Titel, das große Hinguckerfoto zeigte einen jungen, schnittigen SS-Mann mit Totenkopf-Abzeichen.
Der umstrittene Roman bekam den Euregio-Schüler-Literaturpreis
Mag sein, dass es in nachfolgenden Generationen eine Retro-Mix-Sehnsucht gibt, die die Nazi-Geschichte in Cabaret, Ufa-Glamour und Chi-Chi, mit smarten Bond-Typen und ins Mikrofon hauchenden Blondinen auflösen möchte. Aber in Zeiten, wo sonst alles auf politische Korrektheit oder kulturelle Aneignung hin befragt wird, sollte sich auch das Thema „Juden verraten Juden“ nicht mal schnell als Popularkultur ohne Kontextualisierung verramschen lassen. Es sollte nachdenklich stimmen, dass Würgers umstrittener Roman 2022 in Aachen den Euregio-Schüler-Literaturpreis erhalten hat. „200 Schüler*innen“ hätten abgestimmt, hieß es.

Karl Alich meidet alles Glamouröse, und hüllt seine literarische Fiktion stattdessen weitgehend in die deutsch-deutsche Nachkriegsgeschichte. Die Handlung beginnt im Januar 1956 mit Stella Goldschlags Entlassung aus dem Frauengefängnis Hoheneck in die real existierende DDR. In Goldschlags Erinnerungen lebt noch einmal die verwöhnte Kindheit in Berlin auf, 1926 spielte sie als Vierjährige an der Seite von Henny Porten im Film „Rosen des Südens“ mit. Beim Besuch einer „Mitropa“-Bahnhofsgaststätte geht es um die Kartoffelsuppe. „Als sie noch als Greiferin in Berlin unterwegs war, spielte sie die Rolle der ausgehungerten Jüdin, die darum bat, ihr eine Kartoffelsuppe auszugegeben. So lockte sie ihre Opfer in die Gaststätten um den Kurfürstendamm, in die Nähe eines Telefons.“ Während ihre Opfer auf die Kartoffelsuppe warteten, rief sie die Gestapo an.
Alich zeigt nur wenig Sympathie mit seiner Klientin. Er weist jedoch auf eine diskriminierende juristische Ungerechtigkeit in der bundesdeutschen Realität hin: Gestapoleute konnten sich vor Gericht auf die Verjährung ihrer Beihilfe zum Mord an den Juden berufen. Der Jüdin Stella Goldschlag blieb das verwehrt. Alich lässt seine Geschichte am 9. Oktober 1972 in Moabit enden. Stella Goldschlag wird nach Jahren freigesprochen, ein Vertreter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin bietet ihr an, offiziell die Opfer um Vergebung zu bitten. Alich sucht in der Tragödie nach Versöhnung.
Literaturhaus Berlin, Fasanenstr. 23, Wilmersdorf. Buchvorstellung am 8.2. um 18,30 Uhr. mit Karl Alich, Shelly Kupferberg und Micha Brumlik.


