Das Musical, das gerade an der Neuköllner Oper zur Uraufführung vorbereitet wird, heißt schlicht „Radioland“. Erzählt wird die bizarre Geschichte des Fürstentums Sealand. Das ist ein winziger „Staat“ in Europa, der aber überraschend viel mit Deutschland zu tun hat. „Es ist erstaunlich, dass es nur wenige Leute gibt, die Sealand kennen. Die meisten halten es für ein Aquarium“, sagt Regisseur und Textautor Fabian Gerhardt. „Dabei ist es für mich eine der fünf besten wahren Geschichten aller Zeiten. Es wäre eigentlich ein Hammer-Hollywoodfilm. Es ist eine Geschichte, die vom Zweiten Weltkrieg bis ins Heute hin zu den Reichsbürgern geht.“
Die Geschichte habe so viele absurde, erzählenswerte Seitenstränge, sagt der Textautor, dass es das größte Problem gewesen sei auszuwählen, was man auf der Bühne erzählen will. „Im Musical konzentrieren wir uns auf die turbulenteren Phasen, beginnend mit der Radiopiratenzeit.“ Das Bühnenbild wird im Hintergrund auch eine Radiostation zeigen, das Publikum sitzt quasi um Sealand herum.
Die Handlung spielt auf einer Flak-Plattform
„Das Setting ist wahnsinnig lustig und absurd“, sagt Fabian Gerhardt. „Darüber hinaus liebe ich konkret verortete Kammerspiel-Situationen im Theater. Die Handlung spielt auf einer Flak-Plattform aus dem Zweiten Weltkrieg in der Nordsee. Sie liegt weit genug vor der Küste Englands und befindet sich damit in internationalen Gewässern. Vater Roy Bates war ein hochdekorierter Kriegsheld, der nach dem Krieg kein bürgerliches Leben mehr führen wollte.“ Und er habe einen Spleen gehabt, sagt der Regisseur. Das Wort Spleen sagt er mehrfach, und es klingt irgendwie bewundernd.
„Die Geschichte erzählt viel über unsere Begriffe von Freiheit“, erklärt der Regisseur. „Man sollte schon etwas genauer hinschauen, wenn die Tempofreiheit auf deutschen Autobahnen im gleichen Atemzug mit der Freiheit in der Ukraine genannt wird. Der Begriff ist in letzter Zeit auch im Zusammenhang mit Impfverweigerern oder Reichsbürgern etwas fragwürdig geworden.“ Das Musical will sich mit dem Verhältnis von Staatsbürger und Staatsbürgerlichkeit befassen. „Sealand war das Radikalexperiment eines Staates, der von seinen Bürgern gegründet wurde. Es gab erst einmal nur vier Bewohner, die Familie Bates.“
Die frühen Beatles und Rolling Stones brauchten die Piratenradios
Das Musical beginnt in den 1960er-Jahren, als die große Zeit der Piratenradios in England war. „Die BBC hat in der Zeit keine Popmusik gespielt, weil sie sich mit der Musikergewerkschaft nicht über die Tantiemen einigen konnte“, sagt Fabian Gerhardt. „Das ganze heiße Zeug der frühen Beatles oder Rolling Stones lief nicht im staatlichen Radio.“ Die Piratenradios konnten viel Geld mit dem Verkauf von Werbung verdienen.
Möglich wurde die ganze Sealand-Geschichte nur, weil die Briten im Zweiten Weltkrieg verhindern wollten, dass die Deutschen über die Themse nach London gelangen. „Die britischen Flak-Inseln vor der Themse-Mündung sehen eher aus wie Bohrinseln auf zwei Beinen und sind halb so groß wie ein Fußballfeld“, erklärt Gerhardt. Man kann nur empfehlen, sich im Internet einmal die Sealand-Plattform und die historischen Filme darüber anzuschauen. Die Piratenradios entdeckten den nach dem Krieg stehengelassen Betonkoloss.
„Davon hörte Roy Bates und hielt es für eine gute Geschäftsidee“, sagt der 51-jährige Regisseur. „Dabei mochten Roy und seine Frau selber gar keine Rockmusik.“ Die DJs wurden wochenweise per Boot herübergeholt, ernährten sich von Konserven und wurden wieder ausgetauscht. Aber dann schwenkte die BBC um, die Gesetze verschärft, und die goldene Zeit der Piratenradios endete. In der Neuköllner Oper wird die Band in die Rolle der DJs schlüpfen. „Die Musik ist komplett neu komponiert und inspiriert vom psychedelischen Sound um 1970, wir machen keine Jukebox-Nummer mit lustigen 60er-Jahre-Hits.“
Der Herzogtitel des Fürstentums Sealand kostet 599 Pfund
Eine neue Geschäftsidee musste her. Die Bates entschieden sich, eine Mikronation zu gründen. „Sie wollten Firmen registrieren und Schiffe unter Sealand-Flagge fahren. Das hat alles nicht geklappt, weil keine Uno-Nation Sealand anerkannt hat“, sagt der Berliner Regisseur. „Mit dem Verkauf von Sealand-Devotionalien, Pässen oder Briefmarken konnte die Familie sich finanzieren.“ Auf der offiziellen Sealand-Homepage, die großmäulig die „Geschichte einer Nation“ beschwört, kann man aktuell Adelstitel des Fürstentums Sealand kaufen. Der hochpreisige Herzog-Titel liegt bei 599,99 Pfund.
„Einige Jahre nach der Staatsgründung begann die vielleicht absurdeste und auch schrecklichste Episode“, sagt Fabian Gerhard. „Es kamen ein paar windige deutsche Geschäftsleute nach Sealand, die sich als Vertreter eines internationalen Konsortiums ausgaben. Sie wollten aus der Flakinsel eine Art Las Vegas mit Hotel, Spielcasino und Spa auf hoher See machen.“
Ein deutscher Geschäftspartner wurde gefangen genommen
Es wurde zu einer Räuberpistole. „Irgendwann luden die Deutschen die Bates-Eltern nach Salzburg ein, um dort die Verträge zu unterzeichnen“, sagt der Textautor. „Das war ein Hinterhalt, denn zugleich startete ein Hubschrauber mit Söldnern und enterte die Insel. Sohn Michael wurde in die Vorratskammer eingesperrt und dann per Boot nach Holland geschickt.“
Aber die deutschen Eroberer hatten die Rechnung ohne den hemdsärmeligen Roy Bates gemacht. „Der Kriegsheld charterte seinerseits einen Hubschrauber-Piloten, der als Stuntpilot für James-Bond-Filme gearbeitet hatte. Sie übten im Garten das Abseilen aus dem Hubschrauber. Dann überwältigten sie die Söldner auf der Plattform. Einer der deutschen Geschäftspartner, der auch die Sealand-Staatsbürgerschaft hatte, blieb ihr Gefangener. Sie haben ihm einen Prozess gemacht.“ Mit der fiktiven Verhandlung soll das Musical enden. In dem Prozess will Fabian Gerhardt Fragen über Staatlichkeit, Freiheit und Kapitalismus. verhandeln.
Der Premierminister von Sealand sitzt heute im Umland von Berlin
Aber die Geschichte geht jenseits der Neuköllner Oper weiter. „Es gibt eine Kontinuität zu den Reichsbürgern heute“, erzählt der Regisseur. „Nachdem die Deutschen rausgeflogen sind, waren sie der Meinung, sie wären die rechtmäßigen Herren. Irgendwann kam ein Honk dazu, der die Premierministerschaft übertragen bekam. Er sieht sich nach wie vor als Herr von Sealand und sitzt heute im Umland von Berlin.“
Ungespielt bleibt auch die absurde Geschichte, dass der gefangene Deutsche die Botschaft angerufen hat. Die Briten fühlten sich nicht zuständig. Der deutsche Botschafter fuhr nach Sealand, um zu verhandeln. Damit fühlten sie die Sealänder von der Bundesrepublik Deutschland anerkannt. „Das Ganze ist eine Köpenickiade“, weiß Fabian Gerhardt, „aber es zeigt auch, wohin man kommen kann, wenn man einen Spleen hartnäckig verfolgt.“
Neuköllner Oper, Karl-Marx-Str. 131-133, Neukölln. Tel. 68890712 Termine: 26.1. (Uraufführung), 2.,3.,4.2. um 20 Uhr, 5.2. um 18 Uhr.


