Befeuert durch die Serie „Babylon Berlin“, ist die Faszination an den Goldenen Zwanzigern ungebrochen. Ein Grund dafür ist auch das Moka Efti Orchestra, das in den ersten zwei Staffeln der Erfolgsproduktion das Lebensgefühl der Dekade mit seinem vibrierenden Soundtrack perfekt einfing. Momentan ist die kleine Bigband auf Konzertreise, fiebert aber bereits dem krönenden Tour- und Jahresabschluss am Sonnabend in Berlin entgegen. Im Huxleys heißen die Musiker dann noch einige hochkarätige Gäste willkommen. „Wir werden 19 Personen auf der Bühne sein und freuen uns schon darauf, das für uns alle schwierige Jahr so schön zu Ende zu bringen“, sagt Sebastian Borkowski.

Der 44-Jährige ist Bandleader, Saxophonist und Arrangeur des Moka Efti Orchestra. Geboren in Lübeck, hat er in der Hansestadt schon früh musikalische Erfahrungen gesammelt. Erst in der Knabenkantorei, dann am „Johanneum“, einem Gymnasium mit musikalischem Schwerpunkt. Was ihm viel für seine Laufbahn mitgegeben hat. In ihm wurde nicht nur die Leidenschaft für die Musik geweckt. Es wurde ihm auch vorgelebt, wie es ist, ein Musiker zu sein. Nur eines fehlte: „Es gab kein Vorbild abseits des klassischen Orchestermusikers. Für den Rest des Weges brauchte ich Eigeninitiative und viel Fantasie,“ erinnert er sich.

Sie wurden bereits 2016 von den Regisseuren angesprochen

Vieles hat er sich autodidaktisch angeeignet. Etwa, indem er Genres jenseits der Klassik gehört hat. Nach dem Abitur konnte er sich aber dennoch nicht vorstellen, Musiker zu werden. Letztlich hat ihn ein Freund überredet, an der Musikhochschule vorzuspielen. Studiert hat er schließlich an der Hochschule für Musik Hanns Eisler in Berlin, wo er heute noch lebt. Seit 2015 ist er zudem fester Teil der Hamburger Techno-Marching-Band Meute. Außerdem ist er Gründungsmitglied des Moka Efti Orchestra, das ursprünglich zusammengestellt wurde, um die Filmmusik von „Babylon Berlin“ aufzunehmen. Doch schon im Studio war allen Beteiligten klar, dass es schade wäre, das 14-köpfige Ensemble mit dem energiegeladenen, wilden, dreckigen und glamourösen Klang aufzulösen.

Saxophonist Sebastian Borkowski.
Saxophonist Sebastian Borkowski.© post@johnnyjohnson.de | Johnny Johnson

Bereits 2016 wurden Nikko Weidemann und Mario Kamien von den Regisseuren Tom Tykwer, Henk Handloetgen und Achim Borries beauftragt, die Musiken von „Babylon Berlin“ im Bild zu betreuen. Im Fokus stand dabei nicht die historische Genauigkeit. Mit den Kompositionen und Arrangements sollte vielmehr ein auf das Heute übertragbares Gefühl geschaffen werden. „Wir wollten und sollten uns an gewisse Musikstile anlehnen, hatten aber auch die Freiheit, dem Sound unseren eigenen Stempel aufzudrücken,“ erzählt Sebastian Borkowski. Besser als im Titelsong „Zu Asche, zu Staub“ hätte das kaum gelingen können. Mit dem packenden, von Severija Janušauskaitė gesungenen Hit hat sich das Moka Efti Orchestra nicht nur in die Herzen der Zuschauer von „Babylon Berlin“ gespielt, sondern auch zahlreiche begeisterte Fans landauf, landab erobert.

Nach Staffel zwei kam das Aus für die Bigband. Aber längst schon hat sich aus der für die Serie zusammengestellten Gruppe von Musikern ein Orchester mit eigener Identität geformt. „Die Serie hat uns einen wahnsinnigen Rückenwind gegeben. Die Leute verorten uns immer noch in der Welt von „Babylon Berlin“ und kommen auch teilweise wie in der Serien gekleidet zu unseren Konzerten, was sehr schön ist. Aber als Musiker wollten wir uns ohnehin von der Produktion emanzipieren und einen eigenen unabhängigen Weg einschlagen,“ sagt der Bandleader.

Auf dem neuen Album wird geswingt

Das Moka Efti Orchestra, dessen Name vom legendären Berliner Café und Tanzhaus der 1920er- und 1930er-Jahre entlehnt ist, trat daher schon 2018 auf Konzerten auf. Ein Jahr später folgte eine umjubelte Tour vor ausverkauften Häusern, 2020 das erste eigene Album „Erstausgabe“. Vor wenigen Wochen erschien der zweite Longplayer „Telegramm“. Spielte die Bigband zunächst Swing, Hot-Jazz und Ragtime, erweiterte sich die Klangpalette im Laufe der Jahre zunehmend. „Wir haben schon in der Serie die musikalische Schublade immer weiter aufgemacht. Aber natürlich entwickeln wir unseren Klang weiter,“ sagt Sebastian Borkowski.

Auf dem neuen Album wird immer noch geswingt. „Beim Schreiben und Arrangieren haben wir imaginäre Filmbilder vor Augen, plötzlich finden wir uns 1959 in einer Bar in Havanna wieder“, verrät Borkowski. Der rote Faden sei dabei der Klangkörper. „Wir haben nicht vor, ihn um E-Gitarren oder Synthesizer zu erweitern. „Wir schreiben mehr und mehr ganz speziell für unser Orchester, für unsere Musiker und Musikerinnen.“

Für die Live-Konzerte hat man dem Sound des Moka Efti Orchestra allerdings mit einer Vibraphonistin und zusätzlicher Percussion weitere Farben hinzugefügt. In Berlin werden außerdem als Stargäste mit von der Partie sein Milky Chance-Frontmann Clemens Rehbein, der schillernde Sänger und Flaneur Friedrich Liechtenstein sowie Chansonsänger und Schauspieler Karsten Troyke. Und natürlich die charismatische Severija. Performt werden Tracks aus „Babylon Berlin“ und aus dem beiden Alben. Der Tanz auf dem Vulkan trifft auf afro-kubanische Rhythmen und Latin Grooves. Ein heißer Mix in der kalten Jahreszeit.

Huxleys, Hasenheide 107-113, Neukölln, Tel. 30 10 6 80 85,17.12. um 20 Uhr