Stiftung Stadtmuseum

Märkisches Museum Berlin: Freier Eintritt vor der Schließung

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Paul Spies, Direktor des Märkischen Museums, lädt noch einmal ins Museum ein, bevor 2023 die Renovierungen starten.

Paul Spies, Direktor des Märkischen Museums, lädt noch einmal ins Museum ein, bevor 2023 die Renovierungen starten.

Foto: Jörg Krauthöfer / FUNKE Foto Services

Freier Eintritt im Dezember, bevor das Märkische Museum für mehrere Jahre schließt. Ein Gespräch mit Museumsdirektor Paul Spies.

Berlin. Seit 2016 ist der niederländische Kunsthistoriker Paul Spies Direktor der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Er hat die Ausstellung "Berlin Global" im Humboldt Forum kuratiert und den „Masterplan 2025“ für die Stiftung Stadtmuseum erarbeitet. Nun schließt das Märkische Museum, das Kernhaus der Stiftung, mehrere Jahre für umfassende Renovierungsarbeiten. Wir haben mit Paul Spies gesprochen.

Das Märkische Museum wird ab Januar 2023 renoviert. Wie lange bleibt es voraussichtlich geschlossen?

Paul Spies: Die Baumaßnahmen dauern bis 2027, dann muss noch die Ausstellung eingerichtet werden. Geplant ist die Wiedereröffnung des Märkischen Museums für das Jahr 2028.

Gibt es in der Zwischenzeit ein Ersatzprogramm für die Berliner Stadtgeschichte?

Das Märkische Museum ist nur einer der sechs Standorte der Stiftung Stadtmuseum Berlin – neben dem Ephraim-Palais, dem Museum Nikolaikirche, dem Museum Knoblauchhaus, dem Museumsdorf Düppel und der „Berlin Global“-Ausstellung im Humboldt Forum. Natürlich ist das Märkische Museum unser Kernhaus, wir haben hier eine Überblicks-Ausstellung für die Berliner Geschichte. Diese Ausstellung werden wir erneuern, bevor sie übergangsweise in das Ephraim-Palais zieht. Es wird für die Zeit der Renovierung des Märkischen Museums das Kernhaus für Berliner Geschichte.

Ab wann können die Besucherinnen und Besucher die Berlin-Ausstellung im Ephraim-Palais besuchen?

Die Berlin-Ausstellung wird voraussichtlich im Sommer 2023 für Besucher im Ephraim-Palais zugänglich sein. Aber das ist nicht alles: Die beliebten Automatophone – das sind mechanische Musikinstrumente – werden im Bezirksmuseum Pankow im Prenzlauer Berg ausgestellt. Das trifft sich gut, denn die meisten von ihnen wurden in dieser Gegend hergestellt. Schon zugänglich sind unsere Ausstellungsstücke in der Berlinischen Galerie. Dort werden Highlight-Gemälde unserer Sammlung aus dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ausgestellt. Es sind Porträts von wichtigen Berliner Persönlichkeiten und Stadtbilder, gemalt von Künstlern wie Ernst Ludwig Kirchner und Edvard Munch.

Was genau wird im Zuge der Renovierungsarbeiten am Märkischen Museum erneuert?

Das Märkische Museum bekommt einen neuen Eingangsbereich. Aktuell ist das Museum nicht inklusiv, es hat Treppen. Dank der guten Zusammenarbeit mit dem Denkmalamt dürfen wir einen ebenerdigen Eingang zum Innenhof hin schaffen. Nach dem Windfang wird sich ein Großraum erstrecken, der über alle drei Stockwerke sichtbar ist. Für Menschen mit Behinderung gibt es dort einen Lift. Der Rundgang zieht sich über die drei Ebenen – nach jeder Ebene endet man wieder in dem Großraum, ein Korkenzieher-Prinzip. Der ebenerdige Eingangsbereich wird dauerhaft kostenfrei zugänglich sein. Dort wollen wir die weiteren Angebote des Museums mit folgendem Format anteasern: „10 Gründe die Stadt zu lieben, zehn Gründe die Stadt zu hassen“. Diese wollen wir partizipativ mit der Stadtgesellschaft auswählen.

Gegenüber des Märkischen Museums liegt das Marinehaus. Wie ist dort der Stand der Dinge?

Das Marinehaus soll bereits 2026 als Aktivitäten-Haus eröffnen. Es wird das partizipative Zentrum der Stiftung Stadtmuseum Berlin. Es bietet einen Veranstaltungssaal für Vorlesungen und Diskussionen. Es ist ein Ort für die Auseinandersetzung mit der Stadt, mit deren Zukunft, für die Stadtgesellschaft, für Communities. Wir wollen das Marinehaus nicht nur selbst bespielen, sondern als Möglichmacher anderen Initiativen der Stadt Raum bieten, ihre Formate zu zeigen. Neben dem Veranstaltungssaal gibt es im Marinehaus Werkräume und Studios für Freischaffende, Proberäume und ein Stadtlabor. Es wird nicht nur Kunst und Geschichte, sondern auch Musik, Theater und Gastronomie geboten. Zwischen dem Märkischen Museum und dem gegenübergelegenen Marinehaus soll eine Zusammenarbeit entstehen: Die Museumsausstellungen sollen als Inspiration dienen, im Marinehaus können die Besucher dann aktiv werden und selbst etwas schaffen, das vielleicht im Museum ausgestellt wird. Eine Art Ping Pong zwischen Inspirationsort, Herstellungsort und Schaufenster. Auch die Konzeptentwicklung für die Ausstellung des Märkischen Museums soll teilweise im Marinehaus entstehen: Nach der Eröffnung des Marinehauses 2026 haben wir knapp zwei Jahre Zeit, um partizipativ mit der Stadtgesellschaft die Ausstellung zu erarbeiten.

Wie das Märkische Museum gehört auch die Ausstellung Berlin Global, die Sie kuratiert haben, zu der Stiftung Stadtmuseum Berlin. In Zukunft werden neue Räume eröffnet. Ist es denkbar, dass „Berlin Global“ das Humboldt Forum verlässt?

Wir haben die Ausstellung im Humboldt Forum für fünf bis sieben Jahre konzipiert. Wir wissen noch nicht, ob wir eine zweite Generation machen, das hängt auch von den Mitteln ab, die wir zur Verfügung gestellt bekommen. Fünf bis sieben Jahre – das ist auch ungefähr die Zeit, in der das Märkische Museum wieder eröffnet. Ich habe noch keine Antwort. Um ehrlich zu sein: Ich bin jetzt 62 Jahre alt, 2025 gehe ich in Rente. Natürlich mache ich mir Gedanken, will, dass die Lage klar ist, wenn ein Nachfolger antritt. Aber ich will mich nicht zu früh festlegen, denn bis dahin kann sich noch viel ändern.

Seit Juli 2021 ist die Ausstellung Berlin Global im Humboldt Forum geöffnet – als einzige kostenpflichtige Dauerausstellung des Hauses. Wie lautet Ihre Bilanz?

Zufriedenstellend. Es gibt ein paar Probleme: Das Humboldt Forum hat noch kein festes Publikum, es muss sich erst positionieren. Die Leute wissen nicht, was sie erwartet, und die Konkurrenz in der Stadt ist riesig. Das Humboldt Forum muss sein Publikum aufbauen, das geht nicht von selbst. „Berlin Global“ ist dabei abhängig von den anderen, wir sind nur ein Teil der Bespieler. Und ja, wir sind die einzigen, die kostenpflichtige Tickets verkaufen. Ich gehe davon aus, dass wir deswegen größere Konkurrenz haben. Wenn die Besucher die Wahl haben zwischen drei Produkten für null Euro und einem für sieben Euro, entscheiden sich sicher manche wegen der Kosten gegen „Berlin Global“. Aber ich habe vernommen, dass auch die anderen Bereiche ab nächstes Jahr Tickets verkaufen – der kostenfreie Eintritt war auf drei Jahre als Probe angelegt. Und natürlich, wir spüren Auswirkungen von Corona; was die Besucherzahlen betrifft sind wir als Stiftung noch nicht auf demselben Level wie vor der Pandemie.

Sie haben die Besucherzahlen erwähnt. Können Sie diesbezüglich schon Aussagen für die Stiftung Stadtmuseum für das Jahr 2022 machen?

Voraussichtlich werden wir nicht die erhofften Besucherzahlen erreichen. Mein Ziel waren 330.000 Besucher – alle Standorte der Stiftung Stadtmuseum zusammen. Das werden wir leider nicht schaffen. 2019 hatten wir ein Top-Jahr mit 250.000 Besuchern – noch ohne Humboldt Forum. Das werden wir dieses Jahr auch erreichen, jedoch inklusive Humboldt Forum. Natürlich hatte ich mir mehr erhofft! Aber es gibt auch eine große Zufriedenheit: Wir haben mit „Berlin Global“ unsere angestrebte Zielgruppe erreicht. Mehr als 50 Prozent unserer Besucher sind unter 25 Jahre und wir haben viel internationales Publikum.

Das Märkische Museum ist im Dezember kostenlos für Besucherinnen und Besucher zugänglich. Wie viele Einnahmen entgehen der Stiftung Stadtmuseum Berlin dadurch?

Wenn wir zurückschauen, ist die Weihnachtszeit ziemlich populär. Nicht unbedingt die Vorweihnachtszeit, aber zwischen den Jahren haben die Menschen Zeit und Lust, ins Museum zu gehen. Diese Einnahmen verlieren wir. Letztlich werden sich die Verluste auf Zehntausende belaufen. Aber wir wollen dieses Angebot machen – für Familien, für Fans des Hauses, für Neugierige. Das Märkische Museum schließt für mehrere Jahre; 89 Millionen sind für die Renovierung freigemacht worden. Das ist Grund zu feiern, zusammen, mit der gesamten Stadt.

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