Sascha Wiederholds Bühnenbildentwurf zu Hellmuth Ungers Fünfakter „Kolpack muss tanzen“ hat das Zeug, Kunstgeschichte zu schreiben. Bis vor wenigen Monaten lag die Collage aus dem Jahr 1929 noch mit acht weiteren Werken des Künstlers im Grafikschrank der Familie Barber. Weil der Professor für Illustration Georg Barber aber eine Inspiration für seine Studenten suchte, stieß er im Internet zu seiner großen Überraschung auf die erste Einzelausstellung des Künstlers.

Im Sommer war der Maler, Grafiker und Bühnenbildner noch nahezu unbekannt. Bis die Ausstellung „Sascha Wiederhold – Wiederentdeckung eines vergessenen Künstlers“ in der Neuen Nationalgalerie eröffnete und ihn bekannt machte. Barber, den man unter seinem Künstlernamen Atak auch als Comiczeichner und Buchillustrator kennt, nahm umgehend Kontakt mit dem Museum auf. Um Wiederholds Arbeiten aus der privaten Sammlung gleich bei der Eröffnung im Juli zu präsentieren, war es damals zu spät. Jetzt jedoch wird die Schau ab sofort um diese Werke und weitere Dokumente ergänzt, die nach Hinweisen aus dem Publikum entdeckt wurden.

Für Kurator Dieter Scholz erweist sich Sascha Wiederhold als zweifacher Glücksgriff. Zum einen, weil es ein riesiges Feedback auf die Ausstellung gibt. Vor allem die Farbstärke und die Muster von nachgerade psychedelischer Qualität fielen auf. Viele seien zudem erstaunt, dass die Werke handgemalt sind, wirken sie doch auf den ersten Blick so, als hätte man sie digital am Computer erstellt.

Mit seiner Frau führte er einen Buchladen im Wedding

Zum anderen, weil sich gleich mehrere Menschen gemeldet haben, die Sascha Wiederhold (1904-1962) kannten. Wie der Buchladen am Bayerischen Platz. Dort hat der Künstler ab 1937 gearbeitet, denn unter den Nationalsozialisten konnte er seine moderne Kunst nicht ausstellen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ist Wiederhold wohl auch deshalb in Vergessenheit geraten, weil er mit seiner Frau einen eigenen Buchladen im Wedding führte und nicht mehr künstlerisch in Erscheinung trat.

Die Neue Nationalgalerie präsentiert bisher unentdeckte Werke des Künstlers Sascha Wiederhold, die sich bisher in Privatbesitz befunden hatten.
Die Neue Nationalgalerie präsentiert bisher unentdeckte Werke des Künstlers Sascha Wiederhold, die sich bisher in Privatbesitz befunden hatten. © FUNKE Foto Services | Jörg Krauthöfer

In den 1920er-Jahren indes verkehrte der Maler in der Berliner Theaterszene. Wie auch Georg Barbers Großvater. Die beiden kannten sich, trafen sich in Cafés. Durch die Bekanntschaft gelangten die neun Arbeiten in den Besitz der Familie. Nun sind sie in drei Vitrinen in der Ausstellung zu sehen. Dieter Scholz schwärmt von ihrer Designlinie, die mit ihrer Formgestaltung so noch nicht in der Schau vertreten ist. Voller expressiver Farbigkeit und mit einer ebensolchen Schrift.

Eine weitere Entdeckung findet sich in einer vierten Vitrine. Ludger Derenthal, Leiter der Sammlung Fotografie im Museum für Fotografie, hat auf einem Zeitungsfoto von 1929 Wiederholds Gemälde „Jazz-Symphonie“ wiedererkannt. Auf dem alten Foto hängt es in der Berliner Galerie „Der Sturm“. Davor zelebrieren Schülerinnen der berühmten Ausdruckstänzerin Gret Palucca eine Übungsstunde, abgelichtet von Ernst Gränert aus verschiedensten Perspektiven. Nun werden auch diese Schwarzweiß-Fotos gezeigt. Ein weiteres Puzzleteil, das beweist, auf dem Höhepunkt seines Schaffens wurde Sascha Wiederholds Werk von seinen Zeitgenossen prominent platziert.

Neue Nationalgalerie, Potsdamer Str. 50, Tiergarten. Tel. 266424242 Di.-Mi. 10-18 Uhr, Do. 10-20 Uhr, Fr-So 10-18 Uhr. Bis 8. Januar