Über den Sinn und Unsinn, Anton Bruckner mit Alte-Musik-Ensembles aufzuführen, lässt sich leidenschaftlich streiten. Konsens dagegen herrscht bei Claudio Monteverdi: Ohne die historische Aufführungspraxis hätte dieser Komponist gar nicht wiederentdeckt werden können. Ohne die Alte-Musik-Spezialisten wüsste heutzutage keiner, wie Monteverdis Opern früher geklungen haben könnten. Oder auch die Marienvesper von 1610. Jenes Mammut-Werk, das zahlreiche Rätsel aufgibt.
Denn Monteverdi bietet dem Hörer hier ein Füllhorn an musikalischen Ideen, er kombiniert Renaissance-Kontrapunkt mit konzertierendem Barockstil, gregorianische Einstimmigkeit mit prachtvoller Polyphonie, halsbrecherisch virtuosen Gesang mit liedhaft-schlichten Momenten.
Und dann ist da noch die Frage der Instrumente: Wie stark soll der Chor besetzt sein? Welche Begleitinstrumente könnte Monteverdi gemeint haben? Der Belgier Philippe Herreweghe jedenfalls bevorzugt kleine Zahlen an diesem Musikfest-Berlin-Abend. Sein Collegium Vocale Gent kommt 22-köpfig aufs Podium der Philharmonie, inklusive acht Gesangssolisten. Noch übersichtlicher die Instrumentalbegleitung: 14 Musizierende, darunter zwei Basslauten, drei Posaunen und zwei sogenannte Zinke, eine Mischung aus Trompete und Blockflöte.
Großes Bedürfnis nach musikalischer Schönheit
Man ahnt es schon – Herreweghe möchte eine kammermusikalische Marienvesper haben. Eine Marienvesper, die viel Raum für Intimität und Beschaulichkeit lässt. Herreweghes Tempi sind bequem und natürlich, seine Bedürfnisse nach musikalischer Schönheit groß. Das Resultat: 90 Minuten Balsam für die Seele. Selbst den strahlenden Fanfaren-Beginn in D-Dur, ein Zitat aus Monteverdis Oper „Orfeo“, lässt Herreweghe bereits im gemütlichen Konversationston spielen.

Wobei diese Gemütlichkeit weniger mit der Altersweisheit des 75-jährigen Herreweghe zu tun hat. Sondern eher mit seinen allgemeinen Klangvorlieben. Auffällig in dieser Hinsicht auch, wie homogen die Solo-Gesangsstimmen klingen. Hierin unterscheidet sich Herreweghe übrigens fundamental von seinem Alte-Musik-Kollegen John Eliot Gardiner, der vor zwei Wochen mit Beethovens „Missa solemnis“ zu Besuch beim Musikfest Berlin war.
Denn während Gardiner bewusst auf unterschiedliche Stimmen setzt und dadurch Lebendigkeit und Spannung erzeugt, geht Herreweghe einen anderen Weg. Er lässt die Sängerinnen und Sänger gemeinschaftlich schweben, erzeugt ätherische Klangsinnlichkeit. Und löst beim Publikum umgehend Suchtgefühle aus. Besonders betörend: die Sopranistin Dorothee Mields mit ihrer sphärischen Leichtigkeit. Und die innige Zärtlichkeit des belgischen Tenors Reinoud Van Mechelen. Es ist ein Konzertabend, aus dem man mit einem glücklichen Lächeln herauskommt.


