Kitsch, Wunderkind, Bohrmaschine und Schadenfreude – was haben diese Wörter gemeinsam? Sie alle sind ausgewanderte Wörter. Deutsche Wörter, die im Englischen, Spanischen und Bulgarischen ein neues Zuhause gefunden haben. Tatsächlich sind das nur vier der insgesamt 80 Auswanderer, denen Matthias Heine auf den Grund gegangen ist. Matthias Heine ist Germanist, Autor und Journalist – genauer gesagt: Kulturredakteur der “Welt”. Er hat bereits mehrere Bücher über die deutsche Sprache geschrieben. Auf sein 2020 erschienenes Buch über eingewanderte Wörter, die im Deutschen benutzt werden – eigentlich aber aus dem Englischen, Französischen oder auch Italienischen kommen – folgt nun der Blick in die Gegenrichtung. In alphabetischer Anordnung deckt Heine die Wörter und ihre Hintergrundgeschichten auf. Geschmückt sind die Erzählungen von hübschen Illustrationen.

So bunt wie das Cover, so unterschiedlich sind auch die Auswanderungsgeschichten der Wörter. Wer hätte gedacht, dass der Busfahrer oder die Busfahrerin in Finnland kaffepausi macht? Dass die Polen an Silvester fajerwerki zünden? Oder, dass in Nordlabrador eine stunti 60 minuti hat? Die meisten deutschen Wörter lassen sich eindeutig im Englischen finden. Allgemein bekannte Klassiker sind „Kindergarten“, „Rucksack“, oder auch „Schnitzel“. Besonders beliebt scheint auch die deutsche Präposition „über“ im Englischen zu sein. Restaurants werben mit „über-pasta“, das Essen ist „über-tasty“ und die Dachgeschosswohnung ein „über-luxury Penthous“. Alles, was „über“ ist, ist offenbar einfach das Beste. Tatsächlich hat dies seinen Ursprung in der Philosophie. Nietzsches „Übermensch“ wurde im Englischen zu „Superman“ übersetzt. Doch nachdem in den 1930er-Jahren der Comic „Superman“ erfunden wurde, benutzte man in akademischen Kreisen doch lieber „Übermensch“ – „Superman“ wurde zu peinlich. Das ist nur eine der faszinierenden Geschichten, die Heine erzählt.

In Namibia wurde ein „o“ vor die Wörter gestellt

Missionare entpuppten sich vor allem in Afrika und dem südpazifischen Raum als besonders erfolgreiche Verbreiter deutscher Bezeichnungen. Auch deutsche Kolonien säten ihre deutschen Begriffe. So war es auch in Namibia der Fall. In der ehemaligen Kolonie haben sich erstaunlich viele deutsche Wörter erhalten, wenn auch mit starken Abwandlungen. Interessanterweise wurde offenbar meist ein o-Laut vor das Wort gesetzt: So verzauberte sich „Radio“ in „oladiyo“, „Brot“ zu „omboloto“ und „Kartoffel“ zu „okatofola“.

Nicht aber etwa „schadenfreude“. Dieses deutsche Wort wurde im Englischen doch tatsächlich durch die US-amerikanische TV-Serie „The Simpsons“ bekannt. „Wenn Homer Simpson Deutsch lernt, dann lernt gleich ganz Amerika ein neues Wort“, eröffnet Heine das Kapitel. Als Homer sich wieder mal freut, weil sein Nachbar an etwas scheitert, erklärt ihm seine Tochter Lisa, dass es im Deutschen ein Wort für dieses Gefühl gibt. Nachdem diese Folge 1991 ausgestrahlt wurde, haben auf einmal alle das Wort benutzt. So ließe sich wohl ein konstanter Anstieg von „schadenfreude“ im schriftlichen Sprachgebrauch nachweisen.

In Deutschland spricht man manchmal lieber Englisch

Skurril wird es dann, wenn deutsche Wörter im Ausland verwendet werden, die wir durch einen Anglizismus ersetzt haben. Während man in Frankreich „Krach“ sagt, benutzen wir lieber „Crash“, um einen Börsensturz auszudrücken. Was wir in der Computer-Sprache „Firewall“ nennen, heißt in Russland „brandmauer“. Im Englischen sagt man keinesfalls „Shitstorm“ zu massenhafter Kritik oder Beleidigungen gegenüber einer Person online, sondern „flak“ (Flugabwehrkanone).

Matthias Heine: Ausgewanderte Wörter. Dumont, 136 S., 20 Euro.
Matthias Heine: Ausgewanderte Wörter. Dumont, 136 S., 20 Euro. © Verlag | Verlag

All diese Wörter haben eine aufregende Geschichte zu erzählen, die Matthias Heine informativ und mit garantiertem Aha-Effekt darlegt. Amüsant wird es, wenn man herausfindet, dass die slowakische Bezeichnung für Lakritze („pelendrek“) doch tatsächlich vom deutschen „Bärendreck“ entspringt. Wie das nur passiert ist? Heine klärt auf.

Spätestens als Heine über „Bormaschina“ informiert, wird es etwas zahlenlastig. Es geht weniger um den Grund, warum dieses Wort im Bulgarischen vorzufinden ist, als um die Bohrmaschine selbst. Das erste elektrische Werkzeug – erfunden vom Deutschen Emil Fein. Heine huldigt den deutschen Erfindergeist und wird nicht müde, technische Details zu beschreiben: Angetrieben von 110 Volt Gleichstrom, eine Leistung von 50 Watt, 1200 Umdrehungen pro Minute, wog die Bohrmaschine sieben Kilogramm und „musste mit zwei Händen gehalten werden“. Viele Jahreszahlen, Namen oder Daten später kommt einem ein vertrautes Gefühl hoch, wenn auch leicht abgeschwächt: Man befindet sich wieder im Klassenzimmer und starrt auf einen langen Absatz im Geschichtsbuch, den man schon mehrmals gelesen hat, während nichts hängen geblieben ist. Aber das sind nur kleine Stolpersteine in einem sonst sehr unterhaltsamen, erhellenden Buch.

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