Ein Stück Musiktheater von Sebastian Hartmann und PC Nackt nach Max Stirner verspricht das Deutsche Theater, wo am Sonntag die Premiere von „Der Einzige und sein Eigentum“ erfolgreich über die Bühne ging. Aber nach knapp zwei Stunden weiß man, dass es nicht leicht ist, sich ein Bild vom 1856 in Berlin verstorbenen Philosophen Max Stirner zu machen. Der Mann mit der hohen Stirn, der eigentlich Johann Caspar Schmidt hieß, ist visuell in einer Karikatur von Friedrich Engels überliefert. Offenbar funktionierte der wütende Stirner in seinen Attacken auf alle Moral jenseits des Eigennutzes schon immer als eine Schwarz-Weiß-Folie, auf der sich jeweilige Zeitgeister an Aufklärung und Kapitalismus abarbeiten konnten.

Als „Sankt Max“ hatten ihn Marx und Engels in „Die deutsche Ideologie“ verspottet. Stirners radikaler und von der Gesellschaft abgewandter Egoismus, den er in seinem Hauptwerk „Der Einzige und sein Eigentum“ von 1844 propagierte, erregte ihren Widerspruch. Und die Aufmerksamkeit der Zensur. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sein Buch als Gründungsurkunde des individualistischen Anarchismus verstanden.

Im Deutschen Theater hat Sebastian Hartmann als sein eigener Bühnenbildner großflächig eine weitere Schwarz-Weiß-Folie ausgebreitet. Darauf agieren überdrehte Wesen, die sich gern in belanglosen Aktionen inszenieren und filmen, düster grell schminken, Party machen oder empathielos durch die Gegend schlurfen. Es ist nicht zu übersehen, wer damit gemeint ist.

Es geht nicht um die Obrigkeit, sondern um das haltlose Individuum

Zugleich hat sich damit der Sichtwinkel verschoben, denn anstelle von Stirners Kritik am reglementierenden Obrigkeitsstaat gerät nunmehr das völlig haltlose Individuum in den Focus. Leider verweigert der Regisseur darüber hinaus jede Handlung oder Haltung und belässt den Abend im Sinnesrausch, der vor allem von Live-Kamerabildern und Sound dominiert wird.

Die Live-Kamera spielt im Stück „Der Einzige und sein Eigentum“ am Deutschen Theater eine große Rolle.
Die Live-Kamera spielt im Stück „Der Einzige und sein Eigentum“ am Deutschen Theater eine große Rolle. © Arno Declair

Auf der Drehbühne befindet sich eine überdimensionale Schraube, die sich in die Jenseitigkeit zu drehen scheint. Und zugleich die Fläche für arg viele Filmeinspielungen gibt. Für den Bruchteil einer Sekunde verwirrt das Bühnenbild, denn in der Komischen Oper gab es vor nicht allzu lange Zeit in Jaromír Weinbergers Volksoper „Schwanda, der Dudelsackpfeifer“ etwas ähnliches zu sehen. Bei Opernregisseur Andreas Homoki stiegen die Ankommenden dort hoffnungsvoll in ihre neue Heimat herunter, bei Theaterregisseur Sebastian Hartmann schleppen sich die großartigen Darsteller hinauf in die innere Leere.

In beiden Fällen sind die Menschen altmodisch gekleidet, aus vergangenen Zeiten kommend. Hier tragen sie Hüte und können einem Magritte-Gemälde entstiegen sein. Die Kostüme von Adriana Braga Peretzki sind ein Hingucker. Dazu gehören auch die bunten und Glitzerkleider, in denen es sich zwischendurch wunderbar tanzen lässt.

Es ist ein Theaterabend, der auf Atmosphäre setzt

Der Text bleibt spröde. Die Sprache eines Philosophen in Poesie für die Theaterbühne übertragen zu wollen, ist immer ein Risiko. Ein Textbeispiel: „Ich bin Ich, und Du bist Ich, aber Ich bin nicht dieses gedachte Ich, sondern dieses Ich, worin Wir alle gleich sind, ist nur mein Gedanke.“ Eine Kernaussage bleibt: „Mir geht nichts über mich!“ Anstelle einer Übertitelung, die der Text- und Sinnverständlichkeit dienen könnte, konfrontiert der Regisseur seine Besucher mit einem letztlich unverständlichen Sprachnebel. Das trägt sich auf Dauer nicht.

Es ist ein Abend, der auf Atmosphäre setzt. Dazu gehört auch die Theatermusik von PC Nackt, die irgendwo zwischen Musical und Elektropop angesiedelt ist. Mit dem versierten Berliner Musiker, Komponisten und Performer, der im Deutschen Theater für alle sichtbar am Klavier sitzt, hat Hartmann bereits in Leipzig zusammen gearbeitet.

Ihr gutes Miteinander ist der Inszenierung anzusehen. Die musikalisch imposante Flächigkeit von PC Nackt ist ebenso geschickt in die szenische Darstellung von Hartmann überführt wie die Schauspieler ihre gesprochenen und gesungenen Texte in die Klänge hineinfallen lassen können. Aber dem „Stück Musiktheater“ unterläuft wie manchen zeitgenössischen Kompositionen ein Trugschluss. Mit repetitiven Momenten und Wortwiederholungen lässt sich kaum mehr Sinnfälligkeit erreichen. Dann besser die erwähnte Übertitelung.

Ein Roboter wird aufs Hässlichste ermordet und zu Grabe getragen

Ein gewisses Retro-Gefühl stellt sich ein, wenn man mitten in der Vorstellung die zuvor ausgeteilte 3D-Brille aufsetzt. Seit den 1960er-Jahren ist das Kult, allerdings im Kino, weniger im Theater. Ob es im Jahr 2022 dorthin gehört, darüber wird das Publikum geteilter Meinung sein. Aber der Effekt ist beeindruckend. Man glaubt sich in einer riesigen Raumstation oder einer futuristischen Maschinenanlage zu befinden. Dann taucht plötzlich ein großes Insekt auf. Eine einsame Arbeitsbiene?

In einer anderen Szene tragen die Schauspieler eine Roboterfigur in einem Nebengelass des Theaters zu Grabe. Der Roboter wurde vorher aufs Hässlichste ermordet. Passiert halt. Das Ganze wird natürlich gefilmt. Ein Happening. Das Pfund, mit dem diese Produktion wuchern kann, sind die sechs Schauspieler und Schauspielerinnen. Das Ensemble mit den „Individuen“ Elias Arens, Felix Goeser, Linda Pöppel, Anja Schneider, Cordelia Wege und Niklas Wetzel kann auf sympathische Weise Nähe und Distanz zum Publikum schaffen. Man schaut jedem einzelnen einfach gerne zu. Darstellerisch ist es ein bemerkenswerter Abend.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Tel. 28441225 Termine: 11., 17., 25.9.