Waldbühne

Spanische Nacht in der Waldbühne

| Lesedauer: 6 Minuten
Mario-Felix Vogt
West-Eastern Divan Orchester unter Daniel Barenboim, Lang Lang am Flügel.

West-Eastern Divan Orchester unter Daniel Barenboim, Lang Lang am Flügel.

Foto: Monika Rittershaus

Großer Beifall für das West-Eastern Divan Orchestra unter Daniel Barenboim und für Pianist Pianist Lang Lang in der Waldbühne.

Der Wettergott war gnädig. Trotz dichter dunkler Wolkendecke bekamen die meisten Besucher des Waldbühnen-Konzerts mit dem West-Eastern Divan Orchestra am Sonnabend nur wenige Tropfen ab. Wer den Regenschirm zuhause gelassen hatte, konnte also aufatmen – und dies ganz ohne Maske. Denn glücklicherweise waren dieses Jahr alle Hygienemaßnahmen aufgehoben, somit konnten sich die Besucher unbedeckt um Mund und Nase sowie ohne Abstand zum Vordermann in die langen Schlangen einreihen. Die entstanden nicht von ungefähr, denn dieses Jahr sind sage und schreibe 20.000 Karten für das Konzert von Daniel Barenboims arabisch-israelischem Orchester verkauft worden.

Bis diese Besucherströme abgefertigt worden waren, dauerte es seine Zeit, aus diesem Grund verschob sich vermutlich auch der Start des Konzerts ein wenig, da zum offiziellen Beginn um 19 Uhr noch längst nicht alle Gäste ihren Platz erreicht hatten. Unter den Konzertbesuchern fanden sich auch eine Reihe prominenter Gäste, etwa Franziska Giffey, die Regierende Bürgermeisterin von Berlin, ihr Vorgänger Michael Müller, Bausenator Andreas Geisel sowie der ehemalige Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble.

Wegen Rückenproblemen hatten der Dirigent Konzerte abgesagt

Nicht wenige Konzertgänger dürften sich gefragt haben, wie es denn um den Gesundheitszustand von Daniel Barenboim bestellt ist. Der Maestro, der diesen November seinen 80. Geburtstag feiert, hatte bereits letzten Herbst einige Konzerte wegen Rückenproblemen absagen müssen. Im Mai dieses Jahres wurde dann bei ihm eine entzündliche Gefäßkrankheit diagnostiziert, erneut fielen eine ganze Reihe Konzerte aus. Nun scheint er wiederhergestellt zu sein. Vielleicht lief Barenboim in der Waldbühne ein bisschen langsamer als früher? Er musste sich jedoch nicht abstützen.

Als Thema für das diesjährige Waldbühnen-Konzert hieß „Spanische Nacht“. Das größte Land der iberischen Halbinsel, seine Menschen, seine Landschaften und seine vielfältige Folklore haben Komponisten immer wieder zu ausdrucksstarken Werken inspiriert, in Spanien selbst, vor allem aber auch in Frankreich. Die beiden bedeutendsten französischen Komponisten des frühen 20. Jahrhunderts, Claude Debussy und Maurice Ravel, haben beide mehrere Kompositionen geschaffen, die deutlich von spanischer Musik beeinflusst sind. Zwar hatte Debussy Spanien nur einmal besucht, doch diese Reise hinterließ offenbar einen bleibenden Eindruck. Und Ravel verfügte sogar über eine familiäre Verbindung nach Spanien, denn seine Mutter stammte aus dem Baskenland. Als er noch Kind war, habe sie ihn immer mit baskischen Liedern in den Schlaf gesungen, erzählte er.

Von Debussy wählte Barenboim den Mittelsatz „Iberia“ aus den drei „Images“ für Orchester aus und kombinierte diesen mit zwei Werken von Ravel: der „Rapsodie espagnole“, Ravels erstem großen Orchesterstück, und seinem berühmten „Bolero“. Da es jedoch ziemlich seltsam wäre, einen „spanischen Konzertabend“ zu veranstalten, ohne ein Werk eines spanischen Komponisten einzuplanen und außerdem sowieso noch ein Stück für einen Solisten mit Orchester fehlte, nahm man noch die „Nächte in spanischen Gärten“ für Klavier und Orchester von Manuel de Falla ins Programm auf.

Die spanischen Stücke wirken sehr filigran und farbenreich

All diese Werke bis vielleicht auf den „Bolero“ verbindet miteinander, dass sie nicht dem entsprechen, was man üblicherweise von spanischer Musik erwartet: Klänge von perkussiver Direktheit, wie man sie etwa im Flamenco findet, kraftvoll und dramatisch. Stattdessen wirken die Stücke sehr filigran und farbenreich, selbst de Fallas „Nächte in spanischen Gärten“ sind eher impressionistisch geprägt, denn sein Vorbild war Debussy und nicht die andalusischen Flamenco-Gitarristen.

Barenboim und sein Orchester haben diese Aspekte bedacht und starteten mit Ravels „Rapsodie espagnole“. Klanglich wunderbar ausgewogen mit schönen Solopassagen der Celesta und des Fagotts interpretierten sie den ersten Satz, rhythmisch und federnd die „Malagueña“, ein andalusischer Volkstanz, überschwänglich und ausgelassen die „Feria“.

Anschließend betrat Lang Lang die Bühne. Der mittlerweile 40-jährige chinesische Starpianist mit Wohnsitzen in Peking und Hongkong hat eine ziemliche Wandlung durchgemacht, sein Spiel ist deutlich reifer geworden. Tendierte er früher dazu, manche Stücke durch übertriebene Tempowechsel und Rubato-Exzesse zu verzerren und bisweilen beinahe zu karikieren, spielt er nun wesentlich strenger und schlichter, ohne dabei seine romantisch-subjektive Spielweise ganz aufzugeben.

Starpianist Lang Lang steuerte einen warmen Klavierton bei

Glasklar wie kühlende Wasserfontänen in einem sommerlich erhitzten Garten begann er seinen Solopart. Glücklicherweise versuchte Lang Lang gar nicht erst, ein Klavierkonzert aus den „Nächten in spanischen Gärten“ zu machen, indem er permanent solistisch auftrumpfte, denn das gibt das Werk nicht her. Vielmehr stellt es eine Art Zwitter aus Sinfonie und Klavierkonzert dar, da die Klavierstimme oft eng mit dem Orchesterpart verzahnt ist. So verschmilzt der warme Klavierton des chinesischen Pianisten immer wieder mit dem Orchesterklang, dabei ist das Zusammenspiel sehr synchron und organisch. Für diese Leistung gab es zu Recht viel Applaus, Lang Lang bedankte sich mit einer hochvirtuosen Klavierbearbeitung des rituellen „Feuertanzes“ aus de Fallas Ballett „El amor brujo“ (deutsch: Liebeszauber).

Nach der Pause stand Debussys Stück „Iberia“ auf dem Programm, welches das West-Eastern Divan Orchestra sehr klangsinnlich und rhythmisch federnd darbot. Vor allem den kultivierten Blechbläsern zuzuhören war dabei ein Genuss, sie haben eine großartige piano-Kultur entwickelt. Als Rausschmeißer gab es schließlich Ravels „Bolero“, ein Werk, über das dessen Schöpfer sagte, es enthalte „leider keine Musik“. Wie viel Musik in diesem Stück tatsächlich steckt, bewiesen Barenboim und sein Orchester an diesem Abend mit ihrer rhythmisch sehr präzisen und dynamisch fein abgestuften Interpretation. Trotz großen Beifalls verzichtete das Orchester auf eine Zugabe. Dennoch: ein großartiger Konzertabend in einer Umgebung, die einen immer wieder bezaubert.