Staatsoper Unter den Linden

Matthias Schulz: Wir haben um jede Vorstellung gekämpft

| Lesedauer: 9 Minuten
Volker Blech
Intendant Matthias Schulz in der Staatsoper.

Intendant Matthias Schulz in der Staatsoper.

Foto: Sergej Glanze / FUNKE Foto Services

Staatsopern-Intendant Matthias Schulz zieht Bilanz und spricht über Daniel Barenboim, Anna Netrebko und Christian Thielemann.

In der Staatsoper Unter den Linden finden am Wochenende die letzten Vorstellungen dieser Saison statt. Es war eine in mehrfacher Hinsicht ereignisreiche, auch dramatische Spielzeit, wie sich im Gespräch mit Intendant Matthias Schulz (45) herausstellt.

Herr Schulz, was war für Sie das prägendste Ereignis der zurückliegenden Saison?

Matthias Schulz: Vielleicht sind wir das einzige Opernhaus Europas, das keine einzige Vorstellung abgesagt hat. Das ist schon ein Erfolg. Nachdem die große Welle vorbei war, wurde „Die Sache Makropolus“ in einer komplex ausgearbeiteten Inszenierung zum besonderen Erfolg. Auch weil es eine technisch anspruchsvolle Umsetzung erforderte. Ich möchte daran erinnern, dass wir vor fünf Jahren in die rekonstruierte, aber in vielen Details noch unfertige Staatsoper einzogen sind. „Makropolus“ war jetzt die Inszenierung, bei der ich sagen kann, dass wir endgültig angekommen sind. Darüber hinaus haben wir um jede Vorstellung gekämpft, weil es uns auch wichtig war, das Vertrauen beim Publikum zurück zu gewinnen. Einmal gab es die krasse Situation, dass bei einer „Ariadne“-Aufführung siebzig Prozent des Sängerensembles ausgetauscht werden musste. Es war gleichzeitig eine tolle Erfahrung, weil man erlebte, wie flexibel ein Opernhaus sein kann.

Die „Staatsoper für alle“ zum Saisonende war das erste wirklich offene Bebelplatz-Open-Air. Haben Sie eine Stimmung wie vor der Pandemie wahrgenommen?

Das Publikum ist enthusiastisch, weil diese Möglichkeiten wieder bestehen, aber es ist zugleich zögerlich. Im Moment finde ich den Begriff der blockierten Gesellschaft treffend. Es kommt nicht nur durch zweieinhalb Jahre Pandemie, sondern auch durch den Ukraine-Krieg, der Europa in Atem hält. Trotzdem war es schön, den Platz wieder voll zu sehen. Es vermittelt Hoffnung auf Normalität.

Beim Mittagskonzert auf dem Bebelplatz ist auch Generalmusikdirektor Daniel Barenboim nach mehrwöchiger Genesungszeit ans Pult zurückgekehrt. Die nächste Saison beginnt mit einem kompletten „Ring des Nibelungen“-Zyklus und den Feierlichkeiten zu seinem 80. Geburtstag. Wie gehen Sie damit um, dass der GMD auch einmal ausfallen kann?

Bei seiner Rückkehr auf dem Bebelplatz hat man gemerkt, dass es ihm deutlich besser geht. Wir haben den Eindruck, dass es stetig weitergeht. Ich bin zuversichtlich, dass er die „Ring“-Premierenwoche Anfang Oktober bewältigen wird. Es ist ein „Ring“, für den wir jahrelang so gekämpft haben. Daniel Barenboim war letzte Woche wieder auf einer Probe für den „Ring“, er ist wieder Teil des ganzen Prozesses.

Was sind die konkreten Planungen zu Daniel Barenboims 80. Geburtstag?

Daniel Barenboim kann man kein größeres Geschenk machen als ein „Ring“ mit seinem künstlerischen Partner Dmitri Tcherniakov als Regisseur. Am Geburtstag selbst, am 15. November, wird er mit seinem engen Freund Zubin Mehta ein Konzert geben, bei dem er am Klavier sitzen wird. Darüber hinaus haben wir eine Asien-Tournee mit der Staatskapelle geplant.

Ein überraschendes Debüt gab es kürzlich am Pult der Staatskapelle, als Christian Thielemann kurzfristig für den erkrankten Herbert Blomstedt einsprang. Daniel Barenboim saß im Publikum, obwohl sich die beiden Stardirigenten offenbar mehr als zwei Jahrzehnte aus dem Wege gingen. Was passiert da gerade?

Wir haben mit Christian Thielemann in der Spielzeit 2023/24 ein Abonnementkonzert geplant. Daniel Barenboim kennt ihn lange, auch ich bin seit vielen Jahren mit ihm in Kontakt. Bei dem Programm mit Wagner und Bruckner hatte ich ihn gefragt, ob er nicht einspringen kann? Daniel Barenboim hat sich darüber gefreut. Jetzt hat alles gepasst. Wir wollten ihn zur Staatskapelle bringen, weil es bislang ja nie zu einem Debüt kam.

Mitten in der Saison haben Sie mitgeteilt, als Intendant die Staatsoper in Richtung Zürich zu verlassen. Elisabeth Sobotka wurde als Ihre Nachfolgerin ab 2024 bereits vorgestellt. Bedeutet es, dass Sie jetzt zunehmend in Zürich unterwegs sind und in Berlin lieber Eis essen gehen?

Ich bin noch zwei volle Spielzeiten da und freue mich auf jede einzelne Premiere, auf das Jugendprogramm, auf das Experimentelle bei „Linden 21“ und auf die Mitarbeiter, die mir alle ans Herz gewachsen sind. Gleichzeitig werde ich einige Vorbereitungen in Zürich treffen. Dort erwartet mich ein Haus mit vielen Premieren, wo auch das Ballett in meinem Verantwortungsbereich ist und wo viel Wille existiert, eine heutige Oper zu formen.

Das Publikum sei nach der Pandemie wieder konservativer geworden, sagte Ihre Kollegin Andrea Zietzschmann, die Philharmoniker-Intendantin, im Interview. Ist das in der Oper auch zu bemerken?

Ich glaube schon, dass es eine Sehnsucht nach kulturellen Ankerpunkten und nach einem Wertekanon gibt. Vielleicht gibt es mehr den Wunsch, zentrale Werke wieder neu beleuchtet zu erleben. Aber ich würde nicht sagen, dass das Publikum konservativer wird. Es ist auch unsere Aufgabe, für neue Stoffe zu sorgen und das Publikum herauszufordern. Dabei die richtige Balance zu finden, ist eine der wichtigsten Aufgaben von Opernhäusern.

Eine neue, junge Generation ist seit der Pandemie in den Kultureinrichtungen verstärkt zu bemerken. Allerdings soll sich diese Generation erst im letzten Moment festlegen, was sie am Abend besuchen will. Spüren Sie das schon beim Kartenverkauf?

Die Entwicklung, dass das Publikum viel kurzfristiger plant, gibt es bereits seit Jahren. Bei den Jüngeren kann es soweit gehen, dass sie sich alles bis zum Nachmittag offenhalten, weil vielleicht am Abend noch etwas Besseres möglich wäre. Ich hoffe, dass viele merken, wie wichtig die Oper als ein Schutzraum ist, um sich mal ohne Handy auf eine kreative, sinnliche Erfahrung einzulassen. Wir bemerken ja alle den Reflex, dass wir alle paar Minuten aufs Handy schauen wollen. Oper unterstützt echte Wahrnehmung im Moment. Jeder, der sein Handy im Saal ausschaltet, wird es nicht bereuen. Aber Oper bedeutet Commitment, man muss sich ganz darauf einlassen.

Es beginnen bereits die politischen Vorwarnungen auf eine neue Corona-Welle im Herbst. Wie gehen Sie am Opernhaus damit um?

Wir haben ein effektives Testsystem gefunden. Wir haben Schutzgruppen gebildet, wo alle, die auf der Bühne sind, bis zu drei Mal in der Woche PCR-getestet wurden. So konnte man Fälle sehr schnell lokalisieren und isolieren. Seit Anfang Juni machen wir das nicht mehr, was auch zu einer kritischen Situation geführt hat. Bei der zweiten Aufführung der „Turandot“ hatten wir im Chor eine substanzielle Anzahl an Erkrankten und Risikofällen. Wir haben sofort wieder getestet und konnten die Vorstellungen machen. Wir wissen, dass der Virus nicht einfach verschwinden wird. Aber wir hoffen, dass wir einen verantwortungsvollen Weg finden, damit umzugehen.

Ursprünglich sollte Anna Netrebko in der Premiere die Titelrolle der „Turandot“ singen. Weil sich die russische Soprandiva nicht ausreichend gegen Putin und den Ukraine-Krieg positionierte, fand eine Umbesetzung statt. Inzwischen ist der Superstar anderswo wieder erfolgreich aufgetreten. Wann kehrt Sie an die Staatsoper zurück?

Sie ist eine große Künstlerin, mit der wir eine lange künstlerische Partnerschaft haben. Natürlich bedaure ich es, wenn Anna Netrebko dem Publikum vorenthalten wird. Wir hatten uns aber gemeinsam entschieden, diese „Turandot“ in dieser Phase nicht zu machen. Sie hat verzichtet. Ich hatte die Chance, mit ihr persönlich darüber zu sprechen. Inzwischen hat sie sich sehr eindeutig von der Invasion in der Ukraine distanziert. Ihr Reden und ihr Handeln scheinen kongruent zu sein. Ich würde es schon als ein Problem ansehen, wenn sie beispielsweise beim Festival „Weiße Nächte“ in St. Petersburg aufträte. Ich denke, dass wir sie ab der Spielzeit 2023/24 wieder einladen werden. Es ist gut, wenn sie zurückkommt.

Die deutsche Gesellschaft befindet sich gerade in keiner Arbeitgeber-, sondern in einer Arbeitnehmerphase. Fast überall werden händeringend Fachkräfte und Nachwuchs gesucht. Ist auch Ihr Opernhaus davon betroffen?

Dieser Fachkräftemangel macht definitiv auch vor der Staatsoper nicht halt. Gerade in der technischen Abteilung werden viele gute Fachkräfte gebraucht, die bereit sind, zu besonderen Arbeitszeiten am Wochenende und an Feiertagen da zu sein. Man merkt zunehmend, dass Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen zunehmend Wert auf die richtige Balance im Leben legen. Es kommt auch vor, dass manche das bereits verinnerlicht haben, bevor sie richtig gearbeitet haben. Andererseits ist es richtig, weil Gesundheitsaspekte im Leben eine wichtige Rolle spielen müssen. Arbeitgeber werden härter hinterfragt. Wer künftig gute Arbeitnehmer anziehen möchte, muss sich als Arbeitgeber diesen Fragen stellen.