Hauptrolle Berlin

„Berlin um die Ecke“: Später Triumph eines Verbotsfilms

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Der Film hätte ihn zum Star gemacht, wäre er nicht im Giftschrank gelandet: Dieter Mann (l.) und Kaspar Eichel in „Berlin um die Ecke“.

Der Film hätte ihn zum Star gemacht, wäre er nicht im Giftschrank gelandet: Dieter Mann (l.) und Kaspar Eichel in „Berlin um die Ecke“.

Foto: © DEFA-Stiftung/Heinz Wenzel

Der Zoo Palast und die Morgenpost zeigen noch einmal den Defa-Klassiker „Berlin um die Ecke“ – mit dem jüngst verstorbenen Dieter Mann.

Sie lümmeln gern auf einem Dach herum. Und gucken hinauf in den Himmel über Berlin. Das ist durchaus symbolisch zu verstehen: Die beiden jungen Männer schauen zuversichtlich in die Zukunft. Fühlen sich auch etwas über den Dingen. Und werden doch immer wieder von dem Staat, in dem sie leben, auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. „Berlin um die Ecke“ wagte 1965 einen neuen kritischen Blick auf die Wirklichkeit der jungen DDR. Doch der Blick war allzu kritisch. Weshalb der DEFA-Film verboten wurde.

Erst 25 Jahre später sollte er seine Uraufführung erleben. Heute ist „Berlin um die Ecke“ ein Zeit-Bild, das viel über den Ostteil Berlins so kurz nach der dramatischen Zäsur des Mauerbaus erzählt. Und doch ist der Film wie die Gedächtniskirche: unvollständig, ein Fragment, das auch so belassen wurde, als Mahnmal, „dass die Wunden seiner Entstehung deutlich sichtbar bleiben“, wie Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase das einmal genannt hat.

„Berlin um die Ecke“: Noch im Rohschnitt von der Zensur kassiert

Nun ist „Berlin um die Ecke, der vierte der legendären Berlin-Filme von Regisseur Gerhard Klein und Autor Kohlhaase, noch einmal zu sehen – in der Filmreihe „Hauptrolle Berlin“, in der die Berliner Morgenpost gemeinsam mit dem Zoo Palast an jedem ersten Dienstag im Monat einen genuinen Berlin-Film zeigt. Damit wird auch Dieter Mann gewürdigt, der große Berliner Schauspieler, der kürzlich, am 3. Februar, mit 80 Jahren gestorben ist: In dem Film spielte er seine erste Kinorolle, mit der er ein Star hätte werden können, ja müssen. Wäre der Film nur ins Kino gekommen.

„Berlin um die Ecke“ handelt von Olaf (Dieter Mann) und seinem Kumpel Horst (Kaspar Eichel), die in der Jugendbrigade eines Metallbetriebs in Schöneweide arbeiten. Sie gelten ein bisschen als Halbstarke, vor allem Olaf mit seiner Lederjacke – und dem Cowboyhut, den er demonstrativ beim Malochen trägt. Beide sind zunehmend verbittert über die Zustände in ihrer Fabrik, weil es hier ständig an Material mangelt, weil sie an veralteten Maschinen arbeiten müssen und als Lehrlinge auch noch übers Ohr gehauen werden. Sie begehren auf und ecken damit an, bei der Betriebsleitung, aber auch bei älteren Kollegen.

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Daneben gibt es noch eine zarte Liebesgeschichte: Olaf umwirbt Karin (Monika Gabriel), die tags in einer Werkskantine arbeitet, abends aber als Barsängerin auftritt. Es gibt sogar eine kleine Romeo-und-Julia-Einlage, wenn Olaf eine Hausfassade hinaufklettert, nicht auf einen Balkon (es gibt hier keinen), aber doch an ihr Fenster. Die Angehimmelte weist ihn aber lange ab, denn sie ist noch verheiratet und will sich von ihrem herrischen Mann scheiden lassen.

Gerhard Klein, der 1946, in ihrem Gründungsjahr, zur DEFA kam, machte sich hier schnell einen Namen mit seinen Berlin-Filmen, die in reportagehaftem Stil vom Leben kleiner Leute erzählten, und immer auch von der Stadt, in der sie lebten: 1954 in „Alarm im Zirkus“, 1956 in „Eine Berliner Romanze und 1957 in „Ecke Schönhauser“. Letzterer eckte auch schon an und löste massive Diskussionen aus. Weil er Halbstarke in Ost-Berlin zeigte (ähnlich wie „Die Halbstarken“ mit Horst Buchholz im Westteil der Stadt) und von der Obrigkeit wegen seiner negativen Darstellung ostdeutscher Lebenswirklichkeiten erst mal abgelehnt wurde, kam er nur mit Mühe ins Kino.

Mit einem Streich wurden 1965 zwölf Filme verboten

Nach dem Bau der Mauer 1961 und vor allem nach dem VI. Parteitag der SED 1963 setzte eine kurze, trügerische Phase der Liberalisierung in der DDR-Kulturpolitik ein, wo die Entwicklung einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Staat durchaus gefördert wurde. So entstanden Filme wie Frank Beyers „Spur der Steine“, Jürgen Böttchers „Jahrgang 45“ oder Kurt Maetzigs „Das Kaninchen bin ich“.

Als aber in der Sowjetunion Leonid Breschnew neuer Generalsekretär der KPdSU wurde und einen deutlich konservativeren Kurs als sein Vorgänger Nikita Chruschtschow verfolgte, wirkte sich das auch auf die DDR und ihre Kulturpolitik aus. Auf dem berüchtigten XI. Plenum des Zentralkomitees der SED im Dezember 1965 war plötzlich jegliche Kritik am Staat unerwünscht. Und zwölf Filme – fast die gesamte Jahresproduktion der DEFA – wurden verboten. „Spur der Steine“, der bekannteste von ihnen, war bereits angelaufen und wurde aus den Kinos verbannt. Die anderen kamen gar nicht erst auf die Leinwand oder wurden, wie „Berlin um die Ecke“, noch beim Feinschnitt einkassiert.

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„Da sind Leute durch die Schneideräume gegangen und haben das komplette Material herausgeholt“, erinnerte sich Manfred Renger, der Produktionsleiter der DEFA. Und Drehbuchautor Kohl­haase ist bis heute verbittert: „Jemand hat das herausgesucht aus irgendwelchen Ablagen, fünf hochmerkwürdige Seiten, die wirklich eng beschrieben dem Film eine Summe von 21 Vorwürfen machen oder noch mehr. Es ist grotesk, wenn man das liest: Die Welt ist nicht so, wie sie in diesem Film ist. Die Fabriken sind nicht so, die Arbeiter sind nicht so, die jungen Leute sind nicht so, die alten Leute sind nicht so, die Liebesgeschichten sind nicht so, Berlin ist nicht so – es sollte ein absoluter Gegenentwurf zur Wirklichkeit gewesen sein.“

Die Premiere erfolgte erst 25 Jahre nach den Dreharbeiten

Die betroffenen Produktionen erlangten traurige Berühmtheit als „Keller-“ oder „Regalfilme“, manche schmähten sie gar als „Kaninchenfilme“. Sie alle verschwanden für lange Zeit im Giftschrank. Ein Kahlschlag der Kulturpolitik, der das Filmschaffen der DDR auf Jahre lähmen sollte. „Berlin um die Ecke“ blieb Fragment. Erstmals gezeigt wurde der Film erst 1987, noch in der DDR also, aber nur in der Rohschnittfassung. Der Regisseur konnte das nicht mehr miterleben, er war bereits 1970 im Alter von nur 50 Jahren gestorben.

Aus dem Archiv kamen die Kellerfilme aber erst nach der Wende, wurden dann teils vervollständigt und restauriert und erlebten ihre späte Premiere Anfang 1990 in der Akademie der Künste in Ostberlin und auf der Berlinale. Seither aber gelten sie als Klassiker, als Dokumente ihrer Zeit, und geben ein Bild jener Wirklichkeit, die die Machthaber der DDR nie wahrhaben wollten. Eine Realitätsverweigerung und -leugnung, an der der Staat dann auch zugrunde ging.

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Auch Dieter Mann hatte sein Kinodebüt „Berlin um die Ecke“ erst spät zum ersten Mal gesehen. „Ich war ganz erstaunt, wie ich vor 25 Jahren ausgesehen habe und was ich da so gespielt habe“, gestand er dem Filmjournalisten Knut Elstermann in einem von vielen Interviews mit Defa-Stars, die vor einem Jahr in dem Buch „Im Gespräch“ gesammelt erschienen. War das nicht tragisch für den Schauspieler? Der Film wäre ein Paukenschlag und Dieter Mann vielleicht der ostdeutsche Horst Buchholz oder gar James Dean gewesen– hätte der Film es damals nur ins Kino geschafft.

Doch da war keine Wehmut: Es wäre sicher „ein völlig anderer Start gewesen“. Und er wäre wohl viel früher beim Film gelandet. Aber sein Glück war, dass er zum Ensemble des Deutschen Theaters gehörte, das er später selber viele Jahre leiten und auch erfolgreich durch die Wende führen sollte. „Sonst wäre ich vielleicht in ein furchtbares Loch gefallen“, gab Dieter Mann zu. „So habe ich das wirklich abgehakt.“

Zoo Palast, 3. Mai, 20 Uhr in Anwesenheit von Filmjournalist und Defa-Experte Knut Elstermann. Infos unter https://zoopalast.premiumkino.de/veranstaltung/hauptrolle-berlin