Deutsche Oper

„Es ist nichts mehr selbstverständlich“

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Volker Blech
Intendant Dietmar Schwarz (links) und Regisseur Tobias Kratzer im Foyer der Deutschen Oper.

Intendant Dietmar Schwarz (links) und Regisseur Tobias Kratzer im Foyer der Deutschen Oper.

Foto: Maurizio Gambarini / Funke Foto Service

Dietmar Schwarz kündigt die neue Spielzeit der Deutschen Oper an und spricht über den Umgang mit russischen Künstlern.

Die Opernhäuser brüsten sich schon immer gerne, mit Wagner, Verdi oder Strauss große und gewichtige Themen der Gesellschaft auf die Bühne zu bringen. Bei vielen Premieren entpuppt sich die politische Brisanz als leere Worthülse, weil letztlich immer die künstlerische Exzellenz im Vordergrund steht. Reisende Künstler prägen die Opernwelt. Aber nach zwei Jahren mit Pandemiezwängen und vor allem durch den Ukraine-Krieg sind Künstlern und Machern neue Grenzen gesetzt worden, was nun auch verschiedene Auswirkungen auf die Opernpläne haben wird. Die Deutsche Oper kündigte bei der Jahresvorschau am Freitag beispielsweise eine Premiere von Giuseppe Verdis „Simon Boccanegra“ für den 29. Januar 2023 an, in der es um Machtmissbrauch ginge. Die Inszenierung wird Vasily Barkhatov, ein 38-jähriger Theaterregisseur aus Moskau, machen. Er werde die Opernhandlung, hieß es am Montag, in eine moderne politische Machtzentrale verlegen. Man ahnt, dass es Putins Zentrale sein soll.

Auf die Nachfrage, ob sich der Regisseur schon entschieden habe, künftig im Westen zu leben, und wie man überhaupt mit russischen Künstler umgehen werde, bestätigte Intendant Dietmar Schwarz, dass es gegenwärtig eine Mobilitätsfrage sei. Er sprach von den ersten Erfahrungen mit russischen Sängerinnen und Sängern, die über Istanbul oder Abu Dhabi eingeflogen werden mussten. „Wir sind mit dem Team Barkhatov in Kontakt“, sagte der Intendant: „Der Bühnenbildner kann kein Geld mehr abheben. Er muss jetzt aus Moskau herkommen, weil die Werkstätten mit der Produktion beginnen wollen. Dazu braucht es die Kontrolle der Künstler.“

Der Regisseur nimmt auf seine Mutter in Moskau Rücksicht

Der Regisseur, so Schwarz, habe gerade mit dem Chefdramaturgen telefoniert. Der Intendant verweist auf Barkhatovs Biografie. „Wir würden sagen, nutze die Chance und hau ab. Aber er hat Familie, seine Mutter, in Moskau. Das sind die Zwänge, unter denen Künstler momentan stehen.“ Chefdramaturg Jörg Königsdorf wollte keine privaten Beweggründe einzelner Künstler ausbreiten. „Aber es ist klar, dass jeder in Abhängigkeiten steckt“, so Königsdorf, „und die Lage wird in Moskau auch nicht einfacher.“ Was mache man mit einer hilfsbedürftigen Mutter? „Ich hüte mich davor, öffentliche Positionierungen zu verlangen. Manches steht uns auch nicht zu.“

Intendant Dietmar Schwarz fügte hinzu, dass er den Russland-Ukraine-Konflikt in der gegenwärtigen künstlerischen Zusammenarbeit noch nicht spüre. Und dann sprang er seinem Chefdramaturgen bei. „Teilweise von russischen Künstlern eine politische Positionierung zu verlangen, finde ich auch nicht unproblematisch.“ Denn festzuhalten bleibt, dass dem deutschen Opernbetrieb deswegen bereits die russische Soprandiva Anna Netrebko abhanden gekommen ist. Das Staatsballett, das seinen Sitz in der Deutschen Oper hat, verkündete dieser Tage, dass sich 200 Tänzerinnen und Tänzer aus der Ukraine und aus Russland bei der Berliner Compagnie beworben haben. Es ist gerade vieles in Bewegung.

Regisseur Tobias Kratzer macht einen Richard-Strauss-Zyklus

„Es ist nichts mehr selbstverständlich“ sagt Dietmar Schwarz auch mit Blick auf die nächste Saison. Es werden durch die Pandemie verschobene Premieren angekündigt, und Riccardo Zandonais „Francesca da Rimini“ war bereits im Stream zu erleben und wird jetzt am 19. Mai 2023 erstmals vor Publikum gezeigt. Im Opernsprachgebrauch nennt man das heute eine Publikumspremiere. Die Premierensaison wird am 25. November mit Beethovens „Fidelio“ in der Regie von David Hermann eröffnet. Am Pult steht Generalmusikdirektor Sir Donald Runnicles, der am 18. März 2023 auch die Premiere von Strauss’ „Arabella“ dirigieren wird.

Regisseur Tobias Kratzer saß bei der Saisonvorschau am Freitag mit auf dem Podium. Kratzer ist inzwischen das, was man einen Starregisseur nennt. Er wird in den nächsten drei Jahren jeweils eine Strauss-Oper inszenieren. Der kündigte schon mal im fröhlichen Schnellsprech an, was ihn an den konservativen Strauss-Opern interessieren wird. Arabella habe demnach ein Frauenbild, dass man „nicht als Top of the Pops im 21. Jahrhundert ansehen würde“. „Intermezzo“, was als zweites Stück gezeigt wird, sei eine „behagliche Familiengeschichte um einen Skandal“, über den sich heute keiner mehr aufregen würde. Es geht um einen fehlgeleiteten Brief und Eifersucht. „Frau ohne Schatten“, die dritte Produktion, werde als Propagierung des Kinderglückes als allein seligmachende Sache auch nicht mehr von jedem Berliner und jeder Berlinerin unterschrieben. Kurz: Kratzer wird uns seine Gegensichten vorführen.

Der Spielbetrieb beginnt wegen Baumaßnahmen im November

Bachs „Matthäus-Passion“ soll in der szenischen Umsetzung von Benedikt von Peter am 5. Mai 2023 Premiere haben. Als Uraufführung wird am 9. Juni 2023 Giorgio Battistellis „Il Teorema die Pasolini“ gezeigt. Wegen Baumaßnahmen im Orchestergraben wird die Deutsche Oper erst im November ihren Spielbetrieb im Haus aufnehmen. Ersatzweise will man Ende August/September auf dem Parkdeck die beliebte „Greek“-Produktion zeigen. Musikalische Ausflüge sind im Konzerthaus („Eine florentinische Tragödie“), in der Philharmonie (Mahlers Zweite und „Epitaph“ von Charles Mingus) oder auch im Haus der Berliner Festspiele („Semiramide“) vorgesehen.