Wenn eine Performance eigens für die Neue Nationalgalerie entwickelt wurde und Architektur, Musik und Tanz zusammen spielen lassen will, dann klingt das nach einem handfesten Konzept und weckt bestimmte Erwartungen. Vor Ort kommt es aber doch anders. Das eigentliche Überraschungsmoment gehört der Tänzerin Anne Teresa De Keersmaeker, wenn sie durch die Besucher hinweg zu ihrem Auftrittsort in der lichtdurchfluteten Halle huscht und ihre Performance abliefert. Oder plötzlich den Mies-van-der-Rohe-Bau verlässt, um mit ihrem Kollegen Cassiel Gaube einmal ums Haus herum zu tanzen und zu laufen. Derweil schaut ihnen das Publikum durch die großen Glasfenster nach oder rennt ihnen hinterher. Wann hat man schon mal die Möglichkeit, einer Tanzikone wie Anne Teresa De Keersmaeker bei der Arbeit so nahe zu kommen.

Die Performance spielt mit Sonne und Schatten im Museumsraum

„Dark Red“ heißt die Performance der belgischen Choreographin Anne Teresa De Keersmaeker, Jahrgang 1960, und ihres Ensembles Rosas, die bis zum Sonntag während der regulären Öffnungszeiten des Museums stattfindet und mit Sonne und Schatten über den Tag hinweg spielt. Eine Aufführung dauert rund 80 Minuten, es gibt mehrere pro Tag zu erleben. Zwölf Euro kostet der Eintritt. Die Performance war wegen der Pandemie dreimal verschoben worden, ursprünglich sollte sie bei der Wiedereröffnung des grundsanierten Museums im vergangenen Jahr gezeigt werden.

Die Performance in der Neuen Nationalgalerie ist Teil der von de Keersmaeker für verschiedene Museumsräume konzipierten Serie „Dark Red“. Andere Teile waren zuletzt im Kölner Kolumba und in der Fondation Beyeler in Basel zu sehen. Die Choreographin erzählte am Mittwoch in Berlin, dass sie sich seit zehn Jahren mit dem Einfluss von Gegenwartskunst auf den Tanz auseinander setze. Viel reden wollte die Tänzerin, die in Brüssel 1983 ihre Kompanie Rosas gegründet hatte, aber lieber nicht, die Performance ist schon körperlich anstrengend.

Der Vorgang des Atmens spielt eine formende Rolle im Tanz

Es sind Improvisationen auf acht Teilstücke von Salvatore Sciarrinos „L’Opera per Flauto“. Die atemvollen Flötenklänge werden von Chryssi Dimitriou beigesteuert. Vor Beginn hat ein Assistent – auf einem kleinen Wagen sitzend – mit Kreide einen großen Kreis in der gläsernen Halle gezogen. De Keersmaekers choreographisches Tun bezieht sich auf formale Prinzipien der Geometrie. In der Vermessung des Kreises werden soziale Beziehungen hergestellt und der Körper dabei in Raum und Zeit versenkt. Der Vorgang des Atmens spielt eine formende Rolle in den Figuren.

Donnerstag

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In den Weiten des Raumes werden zyklisch Schleifen gezogen. Mal mit Musik, mal ohne. Zwischendurch auch im gestischen Dialog mit der Flötistin. Wobei die Charaktere der beiden Tänzerinnen und des Tänzers höchst unterschiedliche Zyklen hervorbringen. Cassiel Gaube bevorzugt das Weitschwingende, er durchdringt den Raum weit ausgreifend. Impulse gewinnt er nur kurzfristig aus der Musik. Soa Ratsifandrihana hingegen holt die Spannung aus ihrem Inneren, ihr Tanz hat etwas Explosives. Im quasi Pas de deux mit Anne Teresa De Keersmaeker zeigt sich, über wie viel Bewegungsökonomie und Musikinnigkeit die alterfahrene Choreographin verfügt. Am Ende ziehen sich die beiden Frauen T-Shirts über und drehen dem Publikum den Rücken zu: „No War“ ist zu lesen. Die Botschaft soll sein.