Im Mai 2010 war ich auf Einladung der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) in der Ukraine und konnte der 65-Jahresfeier des Sieges über Hitlerdeutschland beiwohnen. Dieses Jubiläum wurde mit äußerst viel Pomp begangen. Hochdekorierte Militär-Greise mit dunklen Sonnenbrillen winkten schlaff in die Menge, Soldaten in den alten Uniformen der Roten Armee marschierten im Stechschritt an der Ehrentribüne vorbei, gefolgt von einer schier endlosen Schar Veteranenverbänden. Es gab einen Trupp Krankenschwestern, eine Art Blumenmädchen-Aufzug. Dazu dröhnten Militärmärsche.
Dass man sich im Jahr 2010 in Kiew befand, bemerkte man an den vielen Flaggen auf dem Triumphzug: Da gab es nicht nur rote Flaggen (wir sahen Plakate mit Stalin-Konterfei), sondern auch gelb-blaue Fahnen. Gerade noch hatte ein für die gegenwärtige Ukraine typischer Konflikt die öffentlichen Diskussionen beherrscht: Welche Flaggen sollten am „Den Pobedy“, dem „Tag des Sieges“, gehisst werden? Das Parlament in Kiew hat schnell noch ein Gesetz verabschiedet, das die Verwendung der „alten“ Flagge offiziell gestattet. So flatterten bei der großen Parade auf dem Platz der Unabhängigkeit, dem Maidan Nesaleschnosti, an dem auch die Orangene Revolution ausgerufen wurde, rote Flaggen aus sowjetischen Zeiten einträchtig neben den ukrainischen Bannern. Die Feier hatte zweifellos für den Moment etwas Verbindendes für die Bürger des gespaltenen Landes. Was sie auch einte: Hinter der wie aus der Zeit gefallenen operettenhaften Aufführung sah man viele Hinweise auf das postsowjetische Zeitalter: Leuchtende Reklame für Levi’s oder Schilder von McDonald’s.
Der Übersetzer sprach damals bereits von „Putinismus“
In Kiew und Umgebung hatten wir – eine Gruppe von Journalisten – ein dichtes Programm, Treffen mit NGOs, Lokalpolitikern, Medienvertretern, ehe-
maligen Zwangsarbeitern, Gedenkstättenbesuche, Babij Jar, Ort der größten Einzelexekution des Holocausts, an dem zwischen 1941 und 1943 über 100.000 Menschen erschossen wurden, Spuren jüdischer Kultur, Museen. Selbstverständlich besuchten wir das „Nationale Museum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg“. Das Gelände umfasst ein Gebiet von zehn Hektar. Dort steht auch das Monument „Mutter Heimat“, eine kolossale Siegerstatue für die Opfer des Krieges, die höher ist als die Statue of Liberty, ferner die „Flame of Glory“, eine gigantischen Schale, mit einer Tag und Nacht brennenden Flamme. Eines der Museumsgebäude zeigt neben Militärgerät aus dem großen Vaterländischen Krieg auch die Kriegsausrüstung der Sowjetischen Armee nach dem Zweiten Weltkrieg.
Zu unserer Überraschung hatte Vasyl Vojtenko beste Laune. Er gehörte zu den Zwangsarbeitern und somit Empfängern von Geldern, die die Stiftung der EVZ im Auftrag der Bundesregierung vergeben hatte, die wir Medienvertreter im Zuge der Reise treffen und interviewen sollten. Die Bundesregierung hatte Vasyl eine einmalige Zahlung von um die 800 Euro angewiesen, wenn ich mich recht erinnere, für vier Jahre Schuften in Hitlerdeutschland. Vorsichtige Kritik an dieser Summe löste Unverständnis bei ihm aus. Seine Rente beträgt umgerechnet unter 60 Euro im Monat, er zieht sich Gemüse im Garten. Vasyl war nicht der Meinung, zu wenig bekommen zu haben. Er erfüllte aber auch in anderer Hinsicht nicht unsere Erwartung. Wir gingen davon aus, schlimme Geschichten über seine Zeit als Zwangsarbeiter zu hören, lauerten auf eine finstere Geschichte. Aber Vasyl war voll des Lobes. „Sein“ deutscher Bauer, der neun Kinder hatte, hätte selber hart gearbeitet, er hätte ihn nicht schlecht behandelt. Außerdem hatte Vasyl in Deutschland mehr zu essen bekommen als zuvor in der Ukraine. Die schlimmste Zeit seines Lebens war die große, von Stalin verursachte, Hungersnot, der Holodomor. In Deutschland hingegen „gab es zweimal Frühstück!“, freute sich Vasyl. „Ganz in der Frühe und nochmal später“.
Vasyl Vojtenko (Jahrgang 1925) erzählte weitschweifig. Oft erinnerte er sich nicht mehr genau, war der Bauernhof in Bayern oder Niedersachsen? Den Vertretern der Stiftung ist dies uns Medienvertretern gegenüber allen Ernstes unangenehm. Es täte ihnen leid, dass die Zwangsarbeiter so „schlecht vorbereitet“ seien, man hätte sie „coachen“ sollen. Wir hätten ja nun einen straffen Zeitplan und könnten uns nicht so lange mit diesen mäandrierenden Erzählungen aufhalten.

Vasyl war weiterhin bester Laune, die Ungeduld der Deutschen bemerkte er nicht. Als zum Aufbruch gedrängt wurde, weil in Kiew der nächste Termin anstand, griff Vasyl zu seinem Akkordeon. Voller Vitalität schmettert er uns die Geschichte von einem an Armen und Beinen amputierten alten Leutnant entgegen, den seine Familie nach dem Krieg wieder liebevoll zu Hause empfängt. Das hätte ein besonderer Moment zwischen dem Rentner in zusammengeflickter Kleidung in Chervonoarmiijsk (zu deutsch „Rotarmistendorf“) bei Kiew und den deutschen Medien- und Stiftungsvertretern sein können. Doch stattdessen wurde Vasyl eine Hand auf den Arm gelegt: Der Fahrer warte, wir müssten gehen.
Zwei Jahre zuvor war ich auf Lesereise mit dem DAAD in der Westukraine gewesen. In Lemberg hatte ich mit den Schriftstellerkollegen Natalka Snjadanko und Ostap Slyvynski sowie der jüdisch-französischen Autorin Cécile Wajsbrot Friedhöfe besucht. Natalka und Ostap erzählten uns, wer wie begraben worden ist, warum viele der Opfer noch nach ihrem Tod mit Ausgrenzung bestraft wurden, hingegen einstige Sowjetgrößen Prunkgräber erhalten hatten. Es ging wieder viel um die große, von Stalin herbeigeführte Hungersnot, den Holodomor, dem vier bis fünf Millionen Ukrainer zum Opfer fielen. Auch den Kollegen heute war anzumerken, wie es sie schmerzte, dass dieses nationale Trauma bislang nicht wirklich international bekannten geworden ist.
Es gab keinen Wunsch, die Souveränität aufzugeben
Der Germanist, Schriftsteller und Übersetzer Jurko Prochasko, der im Lemberger Kurbas-Theater unsere Lesungen moderierte, sprach schon damals vom „Putinismus“, sagte aber auch, dass die Ukraine sich nicht als ein „Anti-Russland“ verstünde, sondern einfach nur eigenständig sein wolle. Mehr Pluralismus, mehr Demokratie, aber kein Feindbild im Osten, denn die vielen kulturellen und sprachlichen Gemeinsamkeiten mit Russland seien offenkundig und würden nicht geleugnet werden. Was viele Gespräche auch später am „Den Pobedy“, dem „Tag des Sieges“ ergeben hatten: Selbst die russisch sprechenden Ukrainer im Osten des Landes wünschten sich mehrheitlich keinen Anschluss an Russland. Sie sprachen mit Wärme über das „russische Brudervolk“, aber aus ihrer Sympathie und vielen verwandtschaftlichen Beziehungen entsprang nicht der Wunsch, die nationale Souveränität aufzugeben. Selbst in Transnistrien, das de jure nach zur Republik Moldau gehört, aber de facto seit Langem von den Russen kontrolliert wird, wollten die Menschen, die ich dort traf, nicht unter Putins Fuchtel geraten, sondern ihr eigenständiges Miniland Transnistrien hegen und pflegen. Hier scheint ein Grundmissverständnis zu liegen, das jetzt im Jahr 2022 auch die einmarschierenden russischen Soldaten in der Ost-Ukraine betraf, denen vorher gesagt worden war, sie würden dort mit Blumen empfangen werden.
Jetzt frage ich mich oft, wie es ihnen allen geht: Den ukrainischen Kollegen, mit denen ich über die Friedhöfe von Lemberg lief, mit denen ich die seltsame Parade anschaute, mit denen ich für begrenzte Zeit das Zuhause teilte. Ostap Slyvynski, mit den feinen Gesichtszügen und der Nickelbrille, hat vor einem Tag dem „Stern“ gesagt: „Wenn sich die Lage verschlimmert, werde ich kämpfen“. Ich denke an Vasyl, der vermutlich nicht mehr lebt. Der allen Grund gehabt hätte, verbittert zu sein und es nicht war. Dem wir das gemeinsame Singen versagt hatten.


