Literatur

Verstörend und aufregend: „Die Gäste“ von Katharina Hacker

| Lesedauer: 6 Minuten
Felix Müller
Katharina Hacker lebt als freie Autorin in Berlin. 2006 wurde ihr Roman „Die Habenichtse“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Katharina Hacker lebt als freie Autorin in Berlin. 2006 wurde ihr Roman „Die Habenichtse“ mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet.

Foto: Andreas Labes

Ein Berlin mit Scharfschützen auf den Dächern und ein Refugium mit Abgründen: Katharina Hackers neuer Roman scheut das Risiko nicht.

Im Jahr 1915 verfasste Franz Kafka seine Erzählung „Blumfeld, ein älterer Junggeselle“. Sie blieb unvollendet, aber das Fragment reicht aus, um in der titelgebenden Figur einen jener Sonderlinge kennenzulernen, wie sie für Kafka typisch sind: Blumfeld ist einsam und überlegt, sich einen Hund anzuschaffen, während er eines Abends zu seiner Wohnung im sechsten Stock hinaufsteigt. Doch anstelle eines Tieres tritt plötzlich, er hat gerade die Tür aufgeschlossen, etwas anderes in sein Leben. Er traut seinen Augen nicht: „Das ist ja Zauberei, zwei kleine, weiße blaugestreifte Zelluloidbälle springen auf dem Parkett nebeneinander auf und ab; schlägt der eine auf den Boden, ist der andere in der Höhe, und unermüdlich führen sie ihr Spiel aus.“

Eine späte Erbschaft und ein neues Leben

Zwei Tischtennisbälle in selbstständiger Bewegung, die Blumfeld nun in seiner Wohnung springend verfolgen und sich von dem ruhebedürftigen Junggesellen auch nicht austricksen lassen: Unversehens ist hier das physikalisch Unmögliche und damit das Fantastische in die Handlung eingetreten. Davon geht eine ebenso komische wie verunsichernde Energie aus, von der schnell die gesamte Erzählung in Beschlag genommen wird.

Diese Geschichte kommt der Hauptfigur in Katharina Hackers neuem Roman gleich zu Beginn in den Sinn. Friederike ist eben 50 Jahre alt geworden, arbeitet in einem „Institut für schwindende Idiome“ und lebt allein. Ihr Partner Daniel hat sie verlassen und eine Forschungsstelle in den USA angetreten, ihr 20-jähriger Sohn Florian hat ihr nach seinem 18. Geburtstag den Rücken gekehrt, weil er erfuhr, kein leibliches Kind, sondern adoptiert zu sein. Friederike erinnert sich, wie sie mit Florian einmal in ihrer Küche eine Maus beobachtete, die jetzt „auch eine Gesellschaft wäre“, wie sie denkt, wenngleich Blumfelds Tischtennisbälle wohl die bessere Idee wären. Denn „sie wären zwar laut und übermütig gewesen, aber immerhin hatten sie weder Nahrung gebraucht noch Spuren im Mehl hinterlassen.“

Es ist davon abzuraten, das literarische Werk einer Schriftstellerin allein aus den Imaginationswelten eines anderen zu erklären – dafür ist Katharina Hackers Erzählkunst viel zu eigenständig, auf viel zu andersartige Weise seltsam und aufregend. Und außer Kafka stehen in diesem Roman auch noch die Romantiker mit ihren Realitätsfluchten, Robert Walsers heitere Dunkelheit und weitere alte Bekannte am Wegesrand. Aber den fast schlafwandlerische Gleichmut, mit dem Kafkas Figuren das Übernatürliche hinnehmen, als wäre nicht schon die Tatsache seines Erscheinens ein Grund zum Zusammenbruch, den teilen sie mit dieser Friederike.

In den kurzen, oft nur eine halbe Seite langen Szenen dieses Romans erfahren wir, dass sie 17 Jahre nach dem Tod ihrer Großmutter ein Café in der Pohlstraße vererbt bekommen hat, mitten im halb bürgerlichen, halb heruntergekommenen Kiez rund um die Kurfürstenstraße in Tiergarten. Es ist ein Berlin der nicht allzu fernen Zukunft, dass uns hier vorgestellt wird: Hin und wieder fällt schwarzer Regen vom Himmel, auf den Dächern sorgen Scharfschützen für allgegenwärtige Todesangst, und die Pandemien sind mit immer bedrohlicheren Erkrankungen zu einem widerwillig hingenommenen Teil des Alltags geworden. Eine dystopische Kulisse also, in der sich das Café befindet, das seinerseits mit vielen Seltsamkeiten aufwartet. Unter einer Bodenluke entdeckt Friederike eine Zivilisation ganz eigener Art: „Graue Ratten, größer als alle, die ich auf der Straße gesehen hatte, und eine noch einmal größer, fast dreißig Zentimeter hoch, mit einem schwarzen Umhang und einem Stock in der Pfote. Sie gingen aufrecht, einige barfuß, andere hatten halbhohe Stiefel an. Der Anführer schaute zu mir und lüpfte, mit blödem Lächeln, seinen Hut.“

Friederike kann diese Ratten bei ihren Verrichtungen beobachten, die sogar eine Exekution durch den Strang einschließen. Sie bleibt die einzige Zeugin dieser Vorgänge – weder ihre Putzfrau Kasia, der Handwerker Stislaw noch der Kioskbesitzer Herr Lehmann nehmen Anteil daran, was auch für die seltsamen Vorgänge gilt, die sich im zum Café gehörenden, verfallenen Remise abspielen, wo sich Hase, Fuchs, Rabe und Wildschwein aufhalten. Irgendwann wird sich auch ein weißer Hund an ihrer Seite einfinden, der sprechen kann und auf den mythologisch aufgeladenen Namen Pollux hört – „wie Licht aus Polen“, sagt lustigerweise der ebenfalls von dort stammende Stislaw.

Ein Mann schließt immerzu Verträge ab

„Die Gäste“ sind bei all dem eine zwar schnelle, aber doch keineswegs leichtgängige Lektüre. Wer an den allgegenwärtigen Realismus neuerer Literatur gewöhnt ist, wird sich von den Ausflügen ins Märchenhafte immer wieder unsanft gebremst sehen – aber dabei auch mit der Frage konfrontiert, ob sich der eigene Lesehorizont gegenüber dem Möglichkeitsraum der Literatur nicht wieder einmal weiten sollten, ins Romantische zum Beispiel.

Sich darauf einzulassen, ist hier die Herausforderung. Die „Gäste“ spendieren dem Roman dabei nicht nur den Titel, sondern auch sein Thema: Friederike entdeckt ihr Glück in den vorüberziehenden und in einigen Fällen auch wieder erscheinenden Menschen, die an ihrem Café Gefallen finden. Letztere können finstere Gestalten sein wie der selbstgewiss-laute Benedikt, der mit jungen Frauen Verträge schließt – ein Zuhälter, wie man lange meint, doch er ist etwas Schlimmeres. Oder es sind Menschen, die ihr Herz höher schlagen lassen, „ein seltener Gast“ mit langem Mantel zum Beispiel – Robert zählt eigentlich Bären in den Karpaten oder anderswo, wird aber immer wieder zu ihr zurückkehren.

Es ist ein Panoptikum des Absonderlichen, mit dem man es hier zu tun bekommt. Eines, das lange im Gedächtnis bleibt und einlädt zu Reflexionen über die Frage, was es eigentlich heißt: bei jemandem zu Gast zu sein. Es ist ein vorübergehender Zustand, wie das Leben. Und schön, das ist er auch.