Die Gläser dort hatte sie damals für Silvester gekauft, bei Woolworth. Und für das Kaffee-Set mit Goldbeschichtung hat sie mal 120 Mark bezahlt. Stück für Stück nimmt sie das Geschirr, das zu ihren Füßen auf dem Boden der ansonsten leeren Altbauwohnung ausgebreitet ist, in die Hand. Sie hatte es in Berlin gelassen, als sie damals zurück in die Türkei ging. Nicht alle Sets sind noch vollständig, und bei einer Glasschale ist der Fuß abgebrochen. Die Zeit hat bei dem fragilen Material Blessuren hinterlassen. Das gilt auch für die Menschen in Hakan Savaş Micans Stück „Berlin Kleistpark“, das jetzt am Maxim Gorki Theater zu sehen ist und bei dem er selbst Regie führte.
Die Frau, die wir hier in einer Filmsequenz sehen, ist Micans Mutter. Die Aufnahmen stammen aus einer Videoinstallation, die er 2017 drehte. Auch weitere Szenen aus früheren Filmen finden Eingang, aber auch neu gedrehtes Material. Und natürlich das Schauspiel live auf der Bühne. Dazu kommt von einer fabelhaften vierköpfigen Live-Band eingespielte Musik. Das alles verwebt Mican zu einem warmherzigen und auch sehr persönlichen Abend, für den er geschickt Fiktionales mit Dokumentarischem verknüpft, Film mit Theater und Musik mit Emotionen.
Das Ankommen ist das Problem
„Berlin Kleistpark“ ist Teil seiner Stadt-Trilogie. Teil eins hieß „Berlin Oranienplatz“ und hatte im letzten Jahr Premiere am Gorki. „Berlin Karl-Marx-Platz“ feierte jüngst Premiere an der Neuköllner Oper. Und nun also der Kleistpark. Das ist der Ort, an dem Micans Eltern wohnten, als sie Anfang der 70er-Jahre als Arbeitsmigranten nach Berlin kamen. Migration macht natürlich etwas mit Menschen. Und mit Familien. Beidem spürt Mican in seiner Inszenierung nach. Was er dabei vor allem erzählt, ist eine Liebesgeschichte. Genau genommen sogar zwei. Beide sind kompliziert. Weil diejenigen, die einander lieben wollen, Probleme mit dem Ankommen haben. Dem eigenen und dem der anderen. Das hat auch mit ihren Lebensgeschichten zu tun.
Zu Beginn lernen wir auf der Bühne Adem (Taner Şahintürk) kennen und seine Freundin, die israelische Jüdin Moira (Sesede Terziyan). Sie planen gerade, sich gemeinsam eine Eigentumswohnung anzuschaffen. Was ihrer Beziehung eine gewisse Ernsthaftigkeit verleihen würde, derer sich aber beide nicht allzu sicher sind. Während die Zukunft noch im Konjunktiv steht, taucht die Vergangenheit auf. In Gestalt von Meryem (auf der Bühne: Çiğdem Teke, im Film: Sema Poyraz), Adems Mutter, die angereist ist, um den Sohn in Berlin zu besuchen. Auch dies ist eine Liebesgeschichte, aber ebenfalls keine unbelastete. Meryem hat selbst gestrickte Babysöckchen im Gepäck. Und ein schlechtes Gewissen. Weil sie ihre Kinder damals, als sie in Deutschland in der Fabrik arbeitete, zuhause in der Türkei bei Verwandten untergebracht hatte. Jetzt hat Meryem Krebs, sie wird bald sterben. Sie hat die Haselnussplantage in der Türkei verkauft und schlägt mit einem Batzen Bargeld in Berlin auf. Weil sie immer noch will, dass ihre Kinder es einmal besser haben sollen.
Das alles ist wahrlich eine Menge Stoff, interkulturelle Beziehungskonstellationen, Mutter-Sohn-Konflikt vor migrationsgeschichtlicher Folie, verknüpft mit jeweils individuellen Emanzipationsbestrebungen. Tatsächlich gerät die eine oder andere Szene ein bisschen pathetisch, aber das ist nicht weiter tragisch, was Hakan Savaş Mican nämlich wirklich gut kann, ist: Beziehungen zwischen Menschen zu erzählen, die Zwischentöne, die Untertöne, die Verletzungen. Auch die Verlorenheit ohne oder sogar in diesen Beziehungen. In den Filmsequenzen sind diese Menschen fast immer unterwegs, manchmal allein, manchmal zu zweit, im Auto, zu Fuß, vorbei an den Spätis, Dönerbuden und beleuchteten Fenstern dieser Stadt. Am Ankommen arbeiten sie noch. Es ist keine ganz leichte Arbeit.
Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Kartentel.: 20 221 115. Nächste Termine: 17.12., 18.12.,13.01.


