Theater

Mateja Koležnik inszeniert „Hexenjagd“ am Berliner Ensemble

| Lesedauer: 5 Minuten
Katrin Pauly
Katharina Beatrice Hierl, Sophie Scherrieble, Lili Epply, Jasha Deppe, Lea Nora Härtel, Marine Madelin, Veit Schubert, Ingo Hülsmann, Marc Oliver Schulze, Philine Schmölzer (v.l.)

Katharina Beatrice Hierl, Sophie Scherrieble, Lili Epply, Jasha Deppe, Lea Nora Härtel, Marine Madelin, Veit Schubert, Ingo Hülsmann, Marc Oliver Schulze, Philine Schmölzer (v.l.)

Foto: Matthias Horn / Berliner Ensemble

In der Druckkammer der Lügen: Die slowenische Regisseurin macht aus Arthur Millers Stück ein klaustrophobisches Kammerspiel

Wie eng hier alles ist! Das Denken, die Verstrickungen untereinander und vor allem der Raum. Man drückt sich aneinander vorbei und versteckt, was es zu verstecken gilt. Oft auch sich selbst. Hinter der massiven Holzsäule zum Beispiel, die ganz vorne am Bühnenrand steht. Die slowenische Regisseurin Mateja Koležnik inszeniert im Berliner Ensemble Arthur Millers „Hexenjagd“ mit einem Großaufgebot von 21 Schauspielerinnen und Schauspielern. Auf bewusst reduzierter Spielfläche. Auf die große Bühne hat Raimund Orfeo Voigt dafür einen leicht erhöhten, engen Guckkasten gebaut mit einem schmalen, gekachelten Vorraum. Zwei Durchgänge mit dunklen, großen, zweiflügeligen Türen führen in einen weiteren, dahinter liegenden Raum, der aber nur eingeschränkt Einblick gewährt. Der dient mal als Turnhalle, mal als Gerichtsraum, man meint den Muff und das Linoleum zu riechen. Oft sieht man nur Ausschnitte des Geschehens oder jemanden vorbeihuschen, man hört sie sprechen, weiß aber manchmal nicht mit wem. Doch man weiß, es braut sich Unheilvolles zusammen in dieser Druckkammer der Kleingeistigkeit.

Die Paranoia greift um sich

Auch jenseits des Raums ist dieser Abend eine hochkonzentrierte Angelegenheit. Mateja Koležnik überfrachtet ihn nicht mit Gegenwart. Im Programmhefttext nennt sie Arthur Millers Stück „eine Retro-Future-Dystopie“ und vertraut auf seine Zeitlosigkeit. Miller veröffentlichte „Hexenjagd“ Anfang der 1950er-Jahre und recherchierte und verwendete dafür einen realen Fall von Hexenverfolgung aus dem 17. Jahrhundert. Für ihn waren es Geschehnisse, die auch parabelhaft für die Kommunistenverfolgungen der McCarthy-Ära in den USA standen. Auch Miller selbst wurde vom „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ verhört.

Und darum geht’s in dem Stück: Eine Gruppe von Mädchen hat nackt im Wald getanzt. Ein paar Rituale waren wohl auch im Spiel. Sie wurden dabei erwischt. Das reicht den streng gläubigen Bewohnern des kleinen Ortes Salem, um zu vermuten, dass hier wohl der Teufel höchstpersönlich am Werk gewesen sein muss. Der hat bekanntlich nicht nur viele Namen, sondern auch viele Hexen. Um selbst einer Bestrafung zu entkommen, bezichtigen sie nach und nach immer mehr Menschen im Ort, mit dem Teufel im Bunde zu sein und sie, die Mädchen, verhext und zu ihrem Tun verführt zu haben. Damit werden die Mädchen von vermeintlich Schuldigen zu Zeuginnen und haben plötzlich eine unheilvolle Macht. Eine Lawine von Verdächtigungen und Denunziationen rollt durch das Dorf. Im Namen des Glaubens werden alte Rechnungen beglichen. Es geht um Land, um Ansehen, Eifersucht und Geld.

Es gibt viel zu verschleiern und zu vertuschen

Arthur Miller zeigt dieses sich zunehmend verbreitende Klima der Angst, das letztlich totalitäre Strukturen verfestigt, an einzelnen Protagonisten Schritt für Schritt auf. Und Mateja Koležnik folgt ihm darin. Mit ein paar zusätzlichen Akzentuierungen. Bei den Mädchen von Salem zum Beispiel, die hier in einheitlichen (Schul)uniformen auftreten, sind eindeutig sexuelle Triebkräfte am Werk. Sie sind auch die, die am körperlichsten agieren an diesem Abend. Sie verdrehen sich und zucken, turnen auf Stühlen herum. Sie, die Jugendlichen, winden sich in dieser Gesellschaft, die von Unterdrückung und Unfreiheit geprägt ist. Gleichzeitig nutzen sie die Lage durchaus für sich aus. Abigail zum Beispiel, die einst eine Affäre mit John Proctor hatte, scheut sich nicht, dessen Frau Elisabeth anzuklagen, um sie aus dem Weg zu schaffen. Der bigotte Pastor Parris kämpft um seine Autorität in der Gemeinde und auch der Oberrichter ist nicht reinen Gewissens. Irgendwann wird ihm klar, dass er mit den vorangegangenen Verurteilungen einen Justizirrtum begangen hat, aber den muss er nun verschleiern und lässt schon deshalb keine Gnade walten. Keiner ist hier wirklich teuflisch und verdorben, aber jeder hat seine Gründe und dabei dient jede Lüge dazu, die vorherige zu vertuschen.

Wer Wahrheit will, muss mit dem Schlimmsten rechnen

Bei Mateja Koležnik baut sich das sehr klar und konzentriert auf, und das Bühnenbild ist dabei extrem hilfreich. Die verschachtelte Enge ist einerseits determinierend für das Spiel und erweitert gleichzeitig die Möglichkeiten für eine Akzentuierung unterschiedlicher Perspektiven, die die Regisseurin ausgiebig nutzt. Nur durch die Positionierung der Figuren in diesem schattigen Setting ergeben sich abwechselnd theatrale Close-ups und Einstellungen der Totale. Für einige der Figuren bleibt trotzdem zu wenig Zeit, es sind letztlich ein paar zu viel für den nur knapp zweistündigen Abend. Andere aber haben sehr starke Momente. Ingo Hülsmann zum Beispiel als getriebener und manipulativer Gouverneursstellvertreter Danforth. Ebenso Bettina Hoppe als Elisabeth Proctor und Marc Oliver Schulze als ihr Mann John in einer anrührenden Szene am Schluss. Sie sind die Wehrhaften in diesem paranoid gewordenen, überhitzten Städtchen. Doch Wahrheit ist hier längst kein Wert mehr, wer Wahrheit will oder verkündet, der bekommt den Tod.

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Kartentel. 284 08 155. Nächste Termine: 10.10., 24.10., 25.10.