Berliner Ensemble

„Hexenjagd“: Ein Mädchen mit nachtdunkler Seele

| Lesedauer: 6 Minuten
Ulrike Borowczyk
Lili Epply (26) steht sie seit vielen Jahren für Film und Fernsehen vor der Kamera. Auch im „Tatort“ war sie bereits mehrfach zu Gast.

Lili Epply (26) steht sie seit vielen Jahren für Film und Fernsehen vor der Kamera. Auch im „Tatort“ war sie bereits mehrfach zu Gast.

Foto: Reto Klar

Lili Epply spielt am Berliner Ensemble Abigail Williams – die weibliche Hauptrolle in Arthur Millers „Hexenjagd“.

Die flauschige altrosa Winterjacke ist eigentlich viel zu warm für den frühherbstlichen Nachmittag. „Eine Vorsichtsmaßnahme für Abigail“, verrät Lili Epply. Denn die junge Schauspielerin will so kurz vor ihrem Debüt am Berliner Ensemble auf gar keinen Fall krank werden. Diese Sorge bedeutet natürlich noch zusätzlichen Stress. Aber Lili Epply kann damit umgehen. Genauso wie mit dem hohen Erwartungsdruck, der auf ihr liegt. Die Österreicherin ist schließlich ein aufstrebender Schauspiel-Star. Und spielt nun bei ihrem Einstand Abigail Williams. Die weibliche Hauptrolle in Arthur Millers Zweiakter „Hexenjagd“, der an diesem Donnerstag in der Regie von Mateja Koležnik Premiere feiert.

Abigail ist eine auf den ersten Blick unschuldig wirkende 17-Jährige. Allerdings mit nachtdunkler Seele. Aufgrund ihrer haltlosen Beschuldigungen werden Menschen zum Tode verurteilt. „Eine Figur, die man von außen schnell ver- und beurteilt. Mein Anspruch war es, sie erst einmal verstehen zu wollen“, sagt Lili Epply. Zur Erinnerung: Miller nimmt in seinem Drama Bezug auf die historischen Verbrechen der Hexenprozesse 1692 in Salem, Massachusetts. Seinerzeit tanzten Mädchen nachts um ein Feuer, wurden vom puritanischen Pfarrer dabei erwischt. Um nicht selbst der Hexerei beschuldigt zu werden, behaupteten sie, von anderen Dorfbewohnern verhext worden zu sein und nannten Namen. 140 Menschen wurden angeklagt, 19 erhängt.

Bei Miller gibt es eine historisch nicht belegte Liebesaffäre zwischen Abigail und John Proctor, der sie verlässt. Um Rache zu üben, bezeichnet sie Proctors Frau Elizabeth als Hexe. Mit tödlichen Folgen. Ein ambivalenter Bühnencharakter. Eine innere Verbindung zu Abigail sieht Lili Epply in der Liebe, für die man über die eigenen Grenzen geht: „Ich denke, beim Thema Liebe können wir alle connecten. Ich habe mich aber auch damit befasst, wie es sich wohl anfühlt, in einem System zu leben, das einen unterdrückt und das sich nicht richtig anfühlt. Insofern finde ich Abigail stark und mutig. Weil sie dieses System, das auf Missgunst und gegenseitigem Verrat basiert, ad absurdum führt.“

Gleichnis auf jede Art von Massenwahn

Arthur Miller hat „Hexenjagd“ 1953 bekanntlich auch als Kommentar auf die Kommunistenhatz der McCarthy-Ära und als Gleichnis auf jede Art von Massenwahn geschrieben. Heute in Politik und Gesellschaft nicht weniger gefährlich als in der puritanischen Religion der Kolonialzeit. Auch die Inszenierung beschäftigt sich damit, weiß Lili Epply: „Gesellschaft ist etwas, womit sich Mateja Koležnik in ihren Arbeiten stets befasst. Wir haben uns auch die Mechanismen dahinter genau angeschaut. Und die Frage, wann ein System kippt. Das ist nicht nur gerade, sondern immer wieder aktuell. Genauso wie die Frage, wie schaffen wir es, als Demokratie verschiedene Meinungen auszuhalten und im Gespräch zu bleiben.“ Für die 26-Jährige liegt auf der Hand, dass ein System, wie es Miller beschreibt, nur funktionieren kann, wenn eine Gesellschaft gegeneinander arbeitet und nicht an einem Konsens interessiert ist.

Man spürt, wie intensiv sich Lili Epply mit ihrer Bühnenfigur und dem Stück auseinandergesetzt hat. Sie wählt ihre Worte dabei so klug aus wie ihre Rollen. Denn einen ebenso düsteren Charakter wie Abigail hat sie bereits 2016 in ihrem ersten großen Kinofilm „Mein Fleisch und Blut“ gespielt. „Mir macht es großen Spaß, die Antagonistin zu spielen. Wie auch Menschen und Ambivalenzen zu erzählen. Ich glaube, in unser aller Unterbewusstsein liegt viel Verborgenes. Und die Bühne ist ein guter Ort dafür, um sich selbst auszuleben“, sagt Epply.

Ein Auftritt bei James Bond

Mit ihren 26 Jahren kann die gebürtige Wienerin übrigens schon auf eine beeindruckende Laufbahn zurückschauen. Steht sie doch seit vielen Jahren für Film und Fernsehen vor der Kamera – unter anderem hatte sie 2015 einen kurzen Auftritt im James-Bond-Film „Spectre“, auch im „Tatort“ war sie bereits mehrfach zu Gast. Hinzu kommen die Bühnen renommierter Schauspielhäuser. Ursprünglich wollte sie mal Tänzerin werden. Bis sie 16 war, hat sie eine Tanzausbildung an der Ballettschule der Wiener Staatsoper gemacht. „Dann gab es den Moment, an dem es mir gereicht hat und ich keinen Spaß mehr daran hatte, weil es so stark um Perfektionismus geht“, erklärt sie. Dann entdeckte sie mit der „Jungen Burg“, dem Jugendtheaterclub des Burgtheaters Wien, die Schauspielerei für sich. „Mein Herz ist aufgegangen. Da wusste ich, das ist es. Plötzlich hatte ich das Gefühl, ich kann alles machen. Nachdem es beim Tanz immer darum ging, diesen einen Weg zu finden, diesen einen Schritt zu perfektionieren, war auf einmal alles offen. Das Tolle beim Spielen ist die Varianz, dass man in alles eintauchen kann“, schwärmt sie.

Seit dieser Spielzeit ist Lili Epply festes Ensemblemitglied des Berliner Ensembles. Dafür ist sie von Wien nach Berlin gezogen. Ein Schritt, den sie nicht gewagt hätte, wenn sie keinen festen Ort in der Stadt hätte. Einen Ankerpunkt, den sie als ihr zweites Zuhause bezeichnen kann. Im Berliner Ensemble hat sie ihn offenbar gefunden: „Es ist tatsächlich das Theater. Das wird es auch gerade immer mehr. Ich freue mich auf die bunte, tolle Spielzeit, die vor mir liegt.“

Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1 in Mitte, Tel. 28 40 81 55. Premiere: an diesem Donnerstag (7. Oktober 2021) um 19.30 Uhr.