Kino

Die Schule, das Leben

| Lesedauer: 2 Minuten
Barbara Schweizerhof
In Herrn Bachmanns Klasse herrscht eine entspannte Atmosphäre.

In Herrn Bachmanns Klasse herrscht eine entspannte Atmosphäre.

Foto: Madonnen FilM

Maria Speths preisgekrönter Dokumentarfilm macht Lust aufs Lernen: „Herr Bachmann und seine Klasse“

Das hessische Stadtallendorf mag aus Berliner Perspektive wie Provinz erscheinen, aber was der Lehrer Dieter Bachmann in seiner Gesamtschulklasse vereint, kann es an Internationalität mit jeder Großstadt aufnehmen. Türkisch, Bulgarisch, Russisch, Arabisch, Italienisch geben seine Schüler als Muttersprache an; die Aufzählung ist keineswegs vollständig.

Ein ganzes Schuljahr verbringt man als Zuschauer in Maria Speths preisgekrönten Dokumentarfilm mit Herrn Bachmanns 6b. Eigentlich passiert nicht viel: Die kecke Steffi wird immer noch kecker, die zurückhaltende Ferhan bleibt zurückhaltend, der smarte Jaimie sagt nur was, wenn er gefragt wird, überrascht dann aber mit Tiefsinn. Gen Ende bekommen die einen eine Gymnasialempfehlung, die anderen werden im Realschulzweig weitermachen. Aber das bildet nur die Hintergrundmusik in dieser faszinierender Studie über das, was Pädagogik ausmacht.

Speth vermeidet jede Art von künstlicher Skandalisierung. Im Vordergrund stehen in ihrem Film die Individuen. Die geduldig beobachtende Kamera ermöglicht auf unaufdringliche Art Einblicke in die unterschiedlichen Temperamente. Zu sagen, dass sie einem ans Herz wachsen im Lauf des Films, ist eine Untertreibung.

Das mag auch daran liegen, dass Speth mit der sechsten Klasse ein ideales Alter gefunden hat: Die Schüler sind keine Kinder mehr, verstecken sich aber noch nicht hinter jugendlichem Gehabe. Wenn Herr Bachmann versucht, sie zum Reden zu bringen, ringen sie oft mit der Antwort. Darin wird so etwas wie der Zauber der Pädagogik sichtbar. In der Interaktion mit dem Lehrer wachsen die Einzelnen, lassen sich zu mehr Selbstbewusstsein und gegenseitigem Respekt überzeugen.

Dieter Bachmann ist ein besonderer Typ, mit Methoden, die völlig unspektakulär sind: Er gibt sich entspannt, das entspannt auch seine Schüler; er nimmt sie ernst; das „Leistungsprinzip“ ist ihm nicht so wichtig. Sein Klassenzimmer gleicht einem Hobbyraum, mit Liege in einer Ecke und Musikinstrumenten. Wenn schon lernen, dann mit guter Laune, suggerieren Raum und Lehrer. Eine Lektion, die man mit ins Leben nehmen kann.


Dokumentarfilm
D 2020
217 min, von Maria Speth