Das Publikum beim Musikfest in der gut besetzten Philharmonie rückt gleich zu Beginn auf die Stuhlkante. Magdalena Kožená atmet und macht diesen Atem mit ihren Armen sichtbar. Der Komponist Ondřej Adámek hat den Hauch Gottes in seinem Stück für Orchester und Stimme „Where are you?“ auf den Körper und die Stimme der berühmten Mezzosopranistin geschrieben. Deshalb erklingen die biblischen Worte aus dem archaischen Ersten Buch der Könige bei diesem Gastspiel des London Symphony Orchestra in Berlin auch in tschechischer Sprache, der Muttersprache der Sängerin und des Komponisten. Es erheben sich Wind und Feuer, aber der Herr ist nicht im Sturmwind, nicht im Donner, nicht im Feuer. Eine weitere Musikwerdung dieser erratischen Schilderung der Bibel seit Mendelssohns „Elias“.

Donnerstag

Der Wochenend-Newsletter der Berliner Morgenpost

Bestellen Sie hier den wöchentlichen Newsletter mit Tipps zum Wochenende in Berlin

Mit meiner Anmeldung zum Newsletter stimme ich der Werbevereinbarung zu.

Am Pult steht Simon Rattle, zurzeit Chefdirigent beim angereisten London Symphony Orchestra. Beim Bayerischen Rundfunk wurde Adámeks Stück vom göttlichen Hauch im vergangenen März uraufgeführt – in Berlin ist es die erste vor Livepublikum. Erst so kann man die unerhörte Plastizität von Adámeks Komposition, ja diesen klanglichen Abglanz göttlicher Erhabenheit wirklich erfahren. Filmmusikalische Tonmalerei? Und wenn schon. So geräuschhaft die Klänge sind, so handwerklich gediegen konservativ ist doch eigentlich Adámeks Orchestersatz: Ja, manchmal dürfen auch die Orchestermusiker mit Kožená mitschnaufen oder durch irgendwelche Öffnungen ihrer Mundstücke pusten, aber eigentlich gewinnt der Komponist seine atemberaubende klangliche Farbpalette aus traditionellen Kombinationen heraus – die gleichwohl meisterhaft vor- und ausgehört sind, als orchestrale Verlängerung von Koženás Stimme in den Raum hinein. Die bringt ihr komödiantisch-schauspielerisches Talent auf eine einmalig zurückgenommene Art in den Gesang mit ein – und der darf an diesem Abend vor allem bassig tief sein, auch bei den jüdischen und mährischen Volksliedern, die Adámek köstlich humoristisch in sein Stück einbaut. Irgendwie scheint diese ganze Komposition dem musikalisch sehr flexiblen und dabei sehr humorvollen Ehepaar Rattle-Kožená auf den Leib geschrieben.

Und ebenso dem London Symphony Orchestra, das an diesem Abend bei Weitem kein Standard-Gastspiel abreißt. In Beethovens Pastoral-Sinfonie – zugegeben eines von Rattles Lieblingsstücken – kann man Stellen hören, wie man sie nur mit großer Liebe, Ruhe und Geduld entwickeln kann. Fagott-Soli blühen in unendlicher Zartheit, Geigen finden ohne Anstrengung zu zauberhafter Zurückhaltung. Das ist echtes orchestrales Selbstbewusstsein, das ist Spielkultur. Erstaunlich bei einem britischen Orchester, das im Zuge von Brexit und Covid-19 Traumatisches erlebt haben dürfte.