Der diesjährige Büchner-Preisträger Clemens J. Setz ist nicht nur ein faszinierend schillernder Schriftsteller, sondern auch ein großer Literaturentdecker. Ihm ist es zu verdanken, dass inzwischen wenigstens zwei Romane eines Autors in deutscher Übersetzung vorliegen, der in den USA zu den vielversprechendsten Entdeckungen der letzten Jahre zählt, hierzulande aber bislang weitgehend unter dem Radar geflogen ist . Es handelt sich um den 1978 geborenen und in West Virginia lebenden Scott McClanahan, der in seinen Geschichten oft in den dunkelsten Farben und mit immer wieder auffunkelndem Humor vom Leben mittelalter, weißer Männer erzählt – von ihren privilegierten Nöten, ihrer Bitterkeit, ihrer Verletzlichkeit und ihrem Talent, anderen Wunden zu schlagen.

Donnerstag

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Der Roman „Sarah“, 2020 in der Übersetzung von Setz erschienen, erzählt von einer Scheidung – unter anderem. Er blendet auch szenisch zurück in die verschiedenen Phasen der Beziehung, die der Trennung vorausgingen – und in das Elend, das ihr folgte. Erzählt wird aus der Perspektive eines Mannes, der Scott McClanahan heißt und eigentlich Literatur unterrichtet, aber seine Zeit lieber damit verbringt, Pornos auf dem Handy anzuschauen oder im Auto auf dem Supermarktparkplatz Chicken Wings in sich hineinzustopfen und dabei ein Dosenbier nach dem anderen zu stürzen.

Ein Tanz zwischen Eifersucht und Larmoyanz

Wer „Sarah“ liest, dem wird schnell klar, dass dieser Rausch der schnellen, pointierten Episoden, die man angesichts dieses Erzählers immerzu anzweifeln muss, für eine Bühnenadaption mehr als gut geeignet ist – und dies ist an diesem Abend glänzend gelungen. Regisseur und Intendant Oliver Reese hat mit Marc Oliver Schulze die richtige Wahl für den Monolog getroffen. Schulze wechselt so mühe- und bruchlos zwischen Überlegenheitsattitüde, zärtlicher Väterlichkeit, cholerischer Raserei und stockbesoffenem Stumpfsinn, dass es eine Freude ist und dem bissigen Witz dieses Buches sehr präzise entspricht.

Noch während die Zuschauer Platz nehmen, steht er plötzlich da, ein Typ wie so viele andere Typen. „Ich war der beste betrunkene Autofahrer der Welt“, lautet sein erster Satz, und es folgt eine Geschichte von verstecktem Gin, Kindern auf dem Rücksitz und einer unerwarteten Polizeikontrolle, die um Haaresbreite noch gut ausgeht. Oder die von einer aus Langeweile verbrannten Bibel, die, ins Regal zurückgestellt, von einer Freundin Sarahs entdeckt wird und für unangenehme Gespräche sorgt. Bravourös beherrscht Schulze das Spiel der indirekten Rede, die schon die Vorlage auszeichnet: In mal liebevoll, mal bösartig nachgeäffter Manier haben Sarah, die Kinder, der Großvater, der Saufkumpan und sogar der blinde Hund Gastauftritte in diesem Gesicht, oft bestürzende und oft solche, die zum Lachen zwingen. Zum Lachen über einen Mann, der eigentlich zum Weinen ist, der alles um sich aus Langeweile und Narzissmus in Trümmer schlägt, der sogar aus einem Kinderkreisel eine Waffe machen kann. So sieht sie wohl leider aus, die toxische Männlichkeit. Sehenswert.