Vaganten Bühne

Zwischen Tradition und Aufbruch zu neuen Ufern

| Lesedauer: 9 Minuten
Ulrike Borowczyk
Lars Georg Vogel gab 2014 als Regisseur seinen Einstand bei den Vaganten.

Lars Georg Vogel gab 2014 als Regisseur seinen Einstand bei den Vaganten.

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Lars Georg Vogel ist Geschäftsführer und Künstlerischer Leiter der Vaganten Bühne. Ein Gespräch über die Pandemie und die neue Spielzeit

Als Regisseur kennt man Lars Georg Vogel schon lange an der Vaganten Bühne. 2014 gab er dort seinen Einstand mit David Greigs „Gelber Mond“, ein Roadmovie und eine Coming-of-Age-Geschichte, die Vogel atmosphärisch dicht in Szene setzte. Es folgten weitere Inszenierungen wie Kleists „Michael Kohlhaas“ in reiner Frauenbesetzung oder Heinrich Manns „Der Untertan“, der auf der Kaisertreppe vor dem Delphi Kino startete. Aber nicht nur die Regie-Handschrift überzeugte den damaligen Theaterchef Jens-Peter Behrend davon, die Leitung des Hauses 2020 an Lars Georg Vogel zu übergeben. Der 57-Jährige, der seit 15 Jahren in Mitte lebt, ist nämlich Theatermensch durch und durch.

Studiert hat Vogel Jura, Philosophie und Theaterwissenschaft in Mainz und München. Er hat an verschiedenen Stadt- und Staatstheatern als stellvertretender Intendant, Chefdramaturg und freier Regisseur gearbeitet, außerdem Autorenwerkstätten für szenisches Schreiben geleitet. Und er war Lehrbeauftragter für Theater und Musik an verschiedenen Hochschulen. Nach einem schaumgebremsten Start als neuer Geschäftsführer und Künstlerischer Leiter durch die Pandemie, setzt er nun nach und nach seine Ideen für die Vaganten Bühne um.

Berliner Illustrirte Zeitung Die Vorstellungen in der Vaganten Bühne finden im August je nach Wetterlage drinnen oder draußen statt. Im Hof haben gerade mal 30 bis 35 Zuschauer unter den aktuellen Auflagen Platz. Im Haus sind es etwas mehr. Lohnt sich der Aufwand finanziell überhaupt?

Lars Georg Vogel Nein. Aber ein Theater, das nicht spielt und nicht stattfindet, ist einfach nicht vorhanden. Als wir nach sieben Monaten Zwangspause erfahren haben, man darf wieder draußen spielen, haben wir uns in der bald 71-jährigen Geschichte des Hauses erstmals entschlossen, eine Sommerbühne aufzubauen. Und entschieden, wir bespielen das ganze mit einer kleinen Gastronomie am Tisch nach Hygieneregeln. Auch, wenn unsere Außenbühne klein aussieht, war das für uns eine Riesenkraftanstrengung an zusätzlicher Arbeitszeit und an Material, das verbaut wurde. Wir haben alle mit angepackt. Wir wurden sogar seitens des Senats dafür gefördert. Das finde ich toll. In der Pandemie habe ich mit der Berliner Kulturpolitik insgesamt sehr positive Erfahrungen gemacht. Und zum Glück gibt es in den letzten Tagen Lockerungen, die es uns erlauben, bald mehr Plätze anzubieten.

Während der pandemiebedingten Zwangspause haben Sie und Ihr Team zu den ersten gehört, die digitale Formate entwickelt haben. Was werden Sie von diesen virtuellen Zeiten mit in die Zukunft nehmen?

Die Technik wird uns weiter begleiten. Etwa mit Projektionen in Inszenierungen. Allerdings mag ich es nicht, wenn Video übermächtig auf der Bühne wird. Die große Qualität des Theaters liegt schließlich darin, eine Geschichte live mit Schauspielern zu erzählen. Video kann da meiner Meinung nach nur unterstützen.

Sie sind seit Januar 2020 Geschäftsführer und Künstlerischer Leiter der Vaganten Bühne. Kaum hatten Sie Ihre Eröffnungsinszenierung „Lehmann Brothers“ gezeigt, mussten Sie pandemiebedingt schließen. Wie sind Sie damit umgegangen?

Wir können ja seit dem 13. März letzten Jahres unser Repertoire nicht mehr spielen, weil es die Abstandsregeln auf der Bühne nicht mehr erlauben. Wenn man die Produktionen aber coronatauglich machen würde, käme das zum Teil Neu-Inszenierungen gleich. Beziehungsweise hätte es nichts mehr mit den ursprünglichen Arbeiten zu tun. Deshalb haben wir angefangen, kleine, neue Formate zu entwickeln. Dazu gehören Stückentwicklungen, Uraufführungen und Kooperationen, die in den letzten anderthalb Jahren entstanden sind. In den kleinen Formaten können sich junge Regisseure und Regisseurinnen ausprobieren. Die Gagen sind da nicht ganz so hoch. Aber man bekommt von uns eine professionelle Plattform und wird intensiv begleitet.

Was ist so einzigartig an der Vaganten Bühne, dass Künstler hier wegen des fachlichen Know-hows arbeiten, ihr Geld aber woanders verdienen?

Wir haben ein 35-köpfiges Ensemble, das frei arbeitet. Renommierte Schauspieler, die zum Teil schon lange im Beruf sind. Sie können bei uns mitten in Berlin spielen, was ein Anreiz ist. Und Regisseure können bei uns Herzensprojekte realisieren. Sie bekommen dafür genau die Konstellation von Schauspielern, die Lust auf ein Stück, auf einen Stoff haben. Wir müssen keine Rücksicht nehmen auf Ensemble-Fragen wie sonst im gängigen Spielbetrieb. Ich habe keinen jungen Schauspieler, der auch mal einen Romeo spielen muss. Ich kann wirklich Wunschprojekte umsetzen.

Die Vaganten Bühne hat eine lange Tradition und war lange familiengeführt. Wie wird man dem gerecht?

Ich würde sagen, respektvoll vor der Tradition verneigen und zu neuen Ufern aufbrechen.

Was hat sich mit Ihrer Intendanz verändert?

Es hat, wie bei einem Wechsel üblich ist, leichte Fluktuationen beim Personal gegeben. Manche sind gegangen, andere gekommen. So habe ich Fabienne Dür als Dramaturgin und Produktionsleiterin mit ins Team geholt. Eine junge Autorin, die den Jahrgang „Szenisches Schreiben“ an der Universität der Künste abgeschlossen hat. Mit ihr habe ich eine Reihe von Werkstattlesungen ins Leben gerufen, die wir fortsetzen wollen. Vor allem aber ist es mir ein großes Anliegen, das Haus zu öffnen und zu gucken, wo kommen neue Regie-Handschriften her. Da versuche ich, auch Konstellationen herzustellen. Stellvertretend sei hier unsere Produktion „Fliegende Eier von Sarajevo“ genannt. Eine Familien-Recherche von Senita Huskić und Fabienne Dür. Das Stück hat vor zwei Wochen Premiere gefeiert. Senita ist Spielerin und Bosnierein. Sie hat die Geschichte über eine junge Frau geschrieben, die in Deutschland geboren ist und den Bosnien-Krieg nur aus Erzählungen kennt. Fabienne ist da noch dramaturgisch drüber gegangen. Weil sie den Nerv hatte, etwas szenisch einzurichten, hat sie auch Regie geführt. Das verstehe ich unter Nachwuchsförderung. Gleichzeitig ist es der Versuch, aktuelle Themen von jungen Menschen aufzunehmen und ins Theater zu übersetzen. Dafür soll die Vaganten Bühne ein Forum werden.

In den Vorstellungen sieht man hier tatsächlich oft viel junges Publikum. Zielen Sie mit den Inszenierungen eigens auf die junge Zielgruppe?

Wir machen Theater für jedes Alter. Thematik und Form sollen ein möglichst breites Publikum ansprechen. Wir wollen eine Plattform sein, wo sich viele Menschen wiederfinden. Dieses Theater hat ja kein Branding wie andere Häuser, die für etwas Bestimmtes stehen. Wir decken eine große Spannbreite ab. Das ist auch eine unserer Qualitäten. Wir sind eines der wenigen Privattheater in Berlin, das ein breites Repertoire anbietet. Sonst werden Stücke ja meist en suite gespielt. Zehn mal nacheinander und dann ist es vorbei. Bei uns stehen Stücke mehrere Jahre auf dem Spielplan.

Was muss ein Stück dafür mitbringen?

Ich habe kein Grundrezept dafür. Wenn ich ein Stück finde, schaue ich, wo ich anknüpfen, einen Bogen zum Hier und Jetzt schlagen kann und ob es danach auch noch Bestand hat. An einem Staatstheater kann ich dafür im Zweifelsfall dreißig Leute inszenieren und einen Stoff groß bebildern. Auf unserer kleinen Bühne stellt sich aber immer wieder die Frage, wie gehe ich hier mit einem großen Stoff um. Wie kann ich ihn angemessen präsentieren und trotzdem eine Wirkung beim Zuschauer erzielen. Für mich ist unsere Begrenzung ein Katalysator für Kreativität, der einen im besten Fall dazu antreibt nach neuen Formen zu suchen. Darum leite ich diese Bühne so gerne.

Sie inszenieren an der Vaganten Bühne ja auch selber seit 2014. Gelingt Ihnen das momentan noch neben der Geschäftsführung und der Künstlerischen Leitung?

Aktuell nicht. Ich sehe meine vornehmliche Aufgabe jetzt darin, das große Ganze zu verbessern und zu verändern. Teil meiner Aufgabe ist es, das Haus neu zu strukturieren, neue Reihen ins Leben zu rufen und in Kontakt zu bleiben mit der Universität der Künste. Wir sind eine kleine Truppe, die sehr gut zu tun hat. Corona verdoppelt und verdreifacht unsere Arbeitsgänge. Aber es kommt bestimmt wieder eine Zeit, in der ich inszenieren werde.