Deutsches Theater

Stephan Kimmigs „Wildente“ im Deutschen Theater

| Lesedauer: 4 Minuten
Von links: Hjalmar Ekdal (Paul Grill), Dr. Relling (Peter René Lüdicke), Gina (Judith Hofmann) und Hedvig (Linn Reusse)

Von links: Hjalmar Ekdal (Paul Grill), Dr. Relling (Peter René Lüdicke), Gina (Judith Hofmann) und Hedvig (Linn Reusse)

Foto: ARNO DECLAIR

Eine Familienaufstellung im White Cube: Ibsens familienpsychologisches Experiment in sehenswerten anderthalb Stunden

Die Bühne ist ein schneeweißer Guckkasten mit gerundeten Türöffnungen, LED-Strahlern an der Decke und Öffnungen für Ventilatoren links und rechts, ihre Schatten zeichnen sich auf dem Boden ab. Ein Pausenraum für die Stormtrooper aus Star Wars könnte das hier sein, aber das treffendere Bild ist wohl ein medizinisches Labor. Bühnenbildnerin Katja Haß, die seit vielen Jahren mit Regisseur Stephan Kimmig zusammenarbeitet, lässt dessen „Wildente“ in einem White Cube der Wissenschaft spielen. Die Beleuchtung kann schlagartig so hochgepegelt werden, dass es im Zuschauerraum taghell wird.

Hier wird, soviel ist klar, in schlanken anderthalb Stunden etwas seziert – und zwar zweierlei: die Verwerfungen zwischen den Generationen zweier Familien und Ibsens 1895 uraufgeführtes Stück selbst. Der alte Konsul und Großhändler Werle taucht in dieser Inszenierung nicht auf und ist doch, in der Rede der Protagonisten, fast permanent anwesend. Er ist zu erheblichem Reichtum gekommen, aber die Gespenster wehen durch seine Vergangenheit. Da ist zum einen die verstorbene Ehefrau, die er während ihrer Krankheit mit dem damaligen Hausmädchen Gina (Judith Hofmann) hintergangen hat. Und da ist zum anderen der ehemalige Geschäftspartner Ekdal, der wegen einer Betrugssache ins Gefängnis musste. Inzwischen lebt Gina mit Ekdals Sohn Hjalmar (Paul Grill) zusammen, sie betreiben ein Fotoatelier und haben eine Tochter, Hedvig (Linn Reusse). Hedvig hat ein Augenleiden. Auch der alte Konsul hat eines.

Ein Scheinwerfer wird eingeschaltet

In dieses Arrangement, mit dem sich alle halbwegs abgefunden haben, platzt nun Gregers Werle, der Sohn des Konsuls, der bei Kimmig eine Frau namens Gerdis ist. Sie ist nach vielen Jahren Arbeit in der abgelegenen Fabrik des Vaters zurückgekehrt. Anja Schneider gibt ihr genau die aufklärerische Schärfe, die diese Figur braucht – ein Mensch, der sich mit Geheimnissen und Verdruckstheiten nicht abfinden will und daran glaubt, dass Rettung nur möglich ist, wenn die Lügen aus der Welt kommen – auf dass der „Sumpf“, der hier oft genüsslich zitiert wird, austrockne. Ist es nicht so, dass der alte Werle ein schlechtes Gewissen gegenüber seinem Kompagnon hat, der nach der Haftstrafe im Alkohol versunken ist? Finanziert Werle deshalb dieses verlogene kleine Familienidyll mit Hjalmar, Gina und Hedvig? Und wann ist Hedvig noch einmal geboren? Ist sie überhaupt das biologische Kind Hjalmars?

Was und wem hilft Aufklärung? Das sind zwei der Kernfragen hinter der psychoanalytischen Dramatik Henrik Ibsens, hier wird sie besonders nachdrücklich formuliert. In der titelgebenden Wildente, die Linn Reuses somnambule Hedvig in der schauspielerischen Glanzleistung dieses Abends betreut, findet er das Symbol für ein gezähmtes Leben jenseits der ursprünglichen Möglichkeiten. Denn das Tier wurde einst von Werle auf der Jagd flügellahm geschossen und muss nun gepflegt werden.

Der Schmerz enttäuschter Freude

Hedvig zieht sie hinter sich her, in einem kleinen Aquarium auf Rädern, das Licht ist versöhnlich blau gedimmt. Sie freut sich auf die Köstlichkeiten, die ihr Vater von Werles großem Festessen mitzubringen versprochen hat – und wird bitter enttäuscht werden. Denn Paul Grills Hjalmar ist ein verzettelter Träumer, linkisch zu Anfang, mehr mit sich selbst als mit der Welt beschäftigt. Und seiner Frau Gina verleiht Judith Hoffmann sehr wohldosiert die mütterliche Sorge um das Aufreißen alter Wunden.

Es ist eine so präzise wie radikale Familienaufstellung, die Stephan Kimmig hier präsentiert, bis zum bitteren Ende. Die Schauspieler sprechen oft gezielt voneinander weg und reiben ihre Wünsche und Enttäuschungen manchmal so heftig aneinander, dass es schmerzlich wird – da kann dann der Untermieter Dr. Relling (Peter René Lüdicke) mit seiner lustigen Verachtung aller Konventionen für Entlastung sorgen. Die Treue zur Vorlage ermöglicht es auch, Schwächen in Ibsens Stück auszumachen, etwa in der plakativen Ausbuchstabierung seines Leitmotivs. Dennoch: ein eindringlicher, sehenswerter Abend über Fragen, die alle etwas angehen.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. Nächste Vorstellungen 24. und 25.6. Informationen zu Tickets und Besuch unter deutschestheater.de