Premiere

„Cyrano“ in der Komödie: Am Ende riesiger Jubel

| Lesedauer: 3 Minuten
Ulrike Borowczyk
Edmond (Philip Butz, l.) formuliert die schönsten Liebesbriefe für Leo (Frédéric Brossier)

Edmond (Philip Butz, l.) formuliert die schönsten Liebesbriefe für Leo (Frédéric Brossier)

Foto: Franziska Strauss

Regisseur Christopher Tölle inszeniert die Entstehungsgeschichte des französischen Bühnenklassikers

Edmond kann sein Glück kaum fassen. Gerade hat Constant Coquelin, der größte Komödiant in Paris, einen Dreiakter bei ihm bestellt. Endlich ein Auftrag nach zwei langen Jahren, der Geld in die blanke Familienkasse spült. Aber es muss unbedingt ein Bühnenhit werden, denn Coquelin will sein Theater vor der Schließung bewahren und sich Kredithaie vom Hals schaffen. Eigentlich eine Win-win-Situation. Wäre da nicht Edmonds Schreibblockade. Jedes Stück weißes Papier lässt ihn vor Angst erstarren, während der Druck auf ihn immer größer wird. Seine Frau Rosemond erwartet nichts weniger als ein Meisterwerk von ihm. Und sein bester Freund, der Schauspieler Léo, eine Top-Rolle. Es muss also dringend eine durchschlagende Inspiration her. Die findet Edmond ausgerechnet in Kostümbildnerin Jeanne, Léos Schwarm. Dadurch bringt er zwar alle in Teufels Küche, ersinnt aber zugleich Frankreichs unverwüstlichen Theaterhelden „Cyrano de Bergerac“.

Ein Kostümrausch mit fliegenden Rollenwechseln

Nun feierte die deutsche Erstaufführung von Alexis Michaliks Pariser Bühnenerfolg „Vorhang auf für Cyrano“ in der Komödie im Schiller Theater Premiere. Regisseur Christopher Tölle hat die fiktionalisierte Entstehungsgeschichte des „Cyrano“ als historisierten Kostümrausch mit fliegenden Rollenwechseln inszeniert. Zwölf Schauspieler spielen 45 Rollen in dieser Hommage an das Theater. Und die Bühne von Heike Seidler mit mehreren schweren, seitlich gerafften Vorhängen zeigt, worauf es im Theater wirklich ankommt: „Der Lappen muss hochgehen“, wie es so schön heißt. Ohne Vorstellung kein Leben in den Bühnentempeln. Wie zuletzt in der Pandemie. Ein Schicksal, das nun Coquelins (Dirk Schoedon) Theater droht.

Erst gibt es Streit, dann ein Auftrittsverbot

Die Komödie lässt das Paris des Jahres 1897 auferstehen. Im Mittelpunkt: Edmond Rostand (Philip Butz), der Schöpfer von Cyrano, dem säbelrasselnden Poeten mit der Riesennase, der unsterblich in die schöne Roxane verliebt ist. Weil er glaubt, mit dem Zinken keine Chance zu haben, leiht er seinem Nebenbuhler, dem kreuzdämlichen Beau Christian, sein lyrisches Talent. Auch Edmond verhilft Léo (Frédéric Brossier) mit zarten Versen zu einem Flirt mit Jeanne (Esther Agricola). Allerdings nicht uneigennützig. Denn die ebenfalls Reime klöppelnde Jeanne sorgt fortan mit Liebesbriefen für die Fertigstellung des „Cyrano“. Allerdings ohne ihr Wissen. Edmond hat den Briefverkehr nämlich ungefragt an sich gerissen und schreibt in Léos Namen. Doch dann droht der Schwindel aufzufliegen und plötzlich geht alles schief. Es gibt Streitereien bei der Besetzung des Stücks, ein Auftrittsverbot und nicht die blasseste Ahnung, wie der „Cyrano“ enden soll. Obendrein droht Edmonds Ehe zu scheitern.

Nach der Pause folgt ein Bühnenwunder

Bis das Stück an Fahrt aufgenommen hat und alle Handlungsstränge anerzählt sind, dauert es fast bis zur Pause. Was zuweilen ermüdend ist. Damit das Publikum auch wirklich zurückkommt, hat Regisseur Tölle aber noch ein Ass im Ärmel. Ein wahrhaft geniale Szene, die hier nicht verraten sei. Nach der Pause wird das Publikum für seine Geduld belohnt. Denn es folgt ein gigantisches Bühnenfeuerwerk. Der Lohn sind zwar nicht vierzig Vorhänge wie bei der Uraufführung von „Cyrano“ seinerzeit in Paris, aber ein fast nicht enden wollender Jubel.

Komödie am Kurfürstendamm im Schiller Theater, Bismarckstr. 110, Charlottenburg, Tel. 88 59 11 88, weitere Termine 15.6., 17.-19.6., 22. 23.6., 29.6.-3.7. um 20 Uhr, 16.6. um 16 Uhr, 20. 27.6., 4.7. um 18 Uhr, 24. 25.6. um 15.30, 26.6. um 15 Uhr, Corona-Hinweise zum Besuch unter www.komoedie-berlin.de