Auf dem Gendarmenmarkt werden 500 Besucher die Liveübertragung von Webers „Freischütz“ aus dem Großen Saal miterleben können, LED-Wände stehen neben der Freitreppe des Konzerthauses Berlin. Christoph Eschenbach (81) dirigiert am 18. Juni die Jubiläumsinszenierung, die auf den Tag genau 200 Jahre nach der Uraufführung der Oper am selben Ort über die Bühne geht. Regie führt die katalanische Theatergruppe La Fura dels Baus, Chefdirigent Eschenbach leitet sein Konzerthausorchester.
Herr Eschenbach, seitlich und nicht in der Mitte der Bühne werden Sie als Dirigent platziert sein?
Christoph Eschenbach Dieser „Freischütz“ spielt auch nicht nur auf der Bühne. Im Großen Saal sind alle Stühle herausgenommen, und das Regieteam La Fura dels Baus will den ganzen Raum zum Event machen. Ich finde es eine gute Idee. Das Konzerthausorchester sitzt zwischendrin. Ich stehe seitwärts, damit ich beide Seiten gut überblicken kann. Es gibt eine besondere Aufstellung für Orchester und Chor.
Was ist Ihre erste Erinnerung an Webers „Freischütz“?
Ich habe die Oper als Kind halb gesehen und halb gehört in einer Freilichtaufführung in Webers Geburtsstadt Eutin. Die Aufführung fand im Schlosspark statt und war halb verregnet. In der Wolfsschluchtszene passierte nicht wirklich viel. Wegen des Regens gab es kein Feuer und es konnten keine Kugeln gegossen werden. Es war eine zwiespältige Aufführung, aber in meinen Erinnerungen ist sie facetten- und farbreich geblieben.
Wann haben Sie die Oper selbst das erste Mal dirigiert?
Ich habe die Ouvertüre und die Arien von Agathe, Max oder Ännchen dirigiert, aber die ganze Oper bisher noch nicht. Es ist für mich jetzt eine Art Debüt, auch wenn ich die Musik sehr gut kenne.
Was ist Ihnen am „Freischütz“ als besonders wertvoll aufgefallen?
Es ist die erste wirklich romantische Oper. Und das Stück ist dramaturgisch deutlich besser gebaut, wenn man es in Deutschland einmal mit Albert Lortzings „Wildschütz“ oder „Zar und Zimmermann“ vergleicht. Die Mischung zwischen Drama und Lyrik ist bei Weber perfekt gelungen.
Haben Sie eine Lieblingsfigur in der Oper?
Agathe natürlich. Sie hat wunderbare Musik und ist gewissermaßen eine Unschuld vom Walde. Man kann mit ihr mitfühlen. Ihre zwei Arien sind herrlich. Ich glaube, die Figur der Agathe lag dem Weber besonders am Herzen.
Der Wald spielte in der deutschen Frühromantik bei Weber eine besondere Rolle, im heutigen Naturschutzdenken gewinnt der Wald auf andere Weise wieder an Bedeutung. Das Regieteam will das Thema Klimaschutz aufgreifen.
Ich halte sehr viel von der Idee, weil sie in die Problematik unserer Zeit passt. Die ökologische Komponente wird in der Regiearbeit deutlich hervortreten. Die Problematik des Waldsterbens und was der Mensch der Natur Schlimmes antut, soll dargestellt werden.
Lange Monate waren wir alle in Lockdowns festgehalten. Sie leben in Paris, sind aber Chefdirigent des Berliner Konzerthausorchesters. Wie haben Sie die internationale Klassikwelt wahrgenommen?
Ja, eben nicht. Es war vieles abgesagt oder verschoben worden, insbesondere für mich in Amerika von der New York Philharmonic bis zum Ravinia Festival. In Europa fand hingegen vieles kleinformatiger statt, wurde aber überwiegend nur gestreamt. Es war kein Publikum zugelassen. Man hat überall Kompromisse über Kompromisse gemacht. Aber wir haben gute Aufführungen zustande gebracht. In Genf wollte ich kürzlich die Zweite von Mahler machen, was aber in der Pandemie wegen des Chors nicht ging. Dann gab es die Furcht, Bläser spielen zu lassen. Zum Schluss war es ein Streicherprogramm.
Wie viele Musiker werden jetzt beim „Freischütz“ beteiligt sein?
Das Orchester wird kaum verkleinert sein, weil wir ja den ganzen Raum zur Verfügung haben. Es sind 46 Orchestermusiker und -musikerinnen, 50 Sängerinnen und Sänger des Rundfunkchors und 13 Solisten. Dazu kommen drei Artisten. Aber da kein Publikum im Saal sein kann, wird die Musik aufgenommen und gesendet – immerhin auch als Liveübertragung auf den Gendarmenmarkt.
Haben Sie sich in den Lockdowns selber Livestreams anderer Orchester angeschaut?
In Paris haben wir den Mezzo-Kanal, der sehr schöne Sachen überträgt. Aber es sind vor allem ältere Aufnahmen. Die Livestreams, die ich wahrgenommen haben, waren die von meinen eigenen Konzerten, die ich mir im Nachhinein angeschaut habe.
Es wird jetzt das 200-jährige Bestehen am Gendarmenmarkt gefeiert. Wann haben Sie erstmals etwas vom Schauspielhaus gehört?
Das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt mit den beiden Kirchen nebenan ist einer der schönsten Plätze von Berlin. Das habe ich bereits früh wahrgenommen. Zum ersten Mal war ich in der 1980er-Jahren im Haus.
Das war noch zu DDR-Zeiten. War man offen oder verschlossen Ihnen gegenüber?
In der DDR-Zeit war ich mehr als Pianist beim Opernorchester engagiert. Hans Pischner, der langjährige Intendant der Staatsoper Unter den Linden, war ein sehr guter Freund meines leiblichen Vaters Heribert Ringmann gewesen. Der hat mich mehrfach als Pianist engagiert. Ich habe auch die Kapelle dirigiert. Ich hatte schon eine Verbindung zur DDR und der Musik, die dort gemacht wurde.
Was sind Ihre Jubiläumspläne im Konzerthaus?
Wir planen vorsichtig. Unsere Planungen gehen zunächst bis Januar. Am 26. August machen wir ein Jubiläumskonzert zur Saisoneröffnung und am 29. August ein „Open Air für Berlin“.
Livestream am 18. Juni um 19 Uhr auf Arte Concert und konzerthaus.de.


