Comic

Asterix erneut mit Berliner Schnauze

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Peter Zander
Es wird balinat, was die Sprechblasen hergeben: Ein Ausschnitt aus dem neuen Asterix-Band.

Es wird balinat, was die Sprechblasen hergeben: Ein Ausschnitt aus dem neuen Asterix-Band.

Foto: ASTERIX®- OBELIX®- IDEFIX® / © 2021 LES EDITIONS ALBERT RENE / GOSCINNY – UDERZO / ASTERIX®-

Mit „Schwabylon Berlin“ gibt es schon den dritten Asterix-Band in Berliner Mundart. Dabei hat es der Übersetzer fast etwas übertrieben.

Asterix und Obelix treffen auf ein Wildschwein? Das tun sie ja in jedem Comicband, ist doch nichts Besonderes. Die dazugehörige Sprechblase von Obelix aber schon: „Kiek ma, dit is typisch Berlin!“ Im besetzten Gallien im Jahre 50 vor Christ mögen die Borstentiere noch zum natürlichen Umfeld gehört haben, der Seitenhieb zielt aber auf die zunehmende Wildsauenplage in Berliner Außenbezirken.

Denn wieder einmal sprechen Asterix, Obelix und die anderen unbeugsamen Gallier in Berliner Mundart. Und das bereits zum dritten Mal. Nach „Die Platte Jottweedee“ (1998) und „Asterix und det Pyramidenluda“ (2002) folgt nun, nach langer Pause, „Schwabylon Berlin“.

„Gallien in Gefahr“ in deftiger Mundart

Die unbeugsamen Gallier erfreuen sich nicht nur weltweit großer Beliebtheit, sie sprechen auch in allen Sprachen. Und allen Mundarten. Die Comics gibt es auch auf Plattdeutsch, Sächsisch, Schwäbisch, Kölsch, mittlerweile schon in 35 Bänden. Wobei dafür natürlich keine neuen Abenteuer verwertet werden – das nächste reguläre, mittlerweile 39. Band „Asterix und der Greif“ erscheint am 21. Oktober -, sondern alte Ausgaben noch mal durch den Dialekt-Kakao gezogen werden.

„Schwabylon Berlin“ hat trotz des Titels auch nichts mit der 1920er-Jahre-Krimiserie „Babylon Berlin“ zu tun. Auch nichts mit der Schwabenschwemme, die Witze darüber sind ja schon alt. Der dritte „Asterix Mundart Berlinerisch“ knöpft sich vielmehr „Gallien in Gefahr“ vor, der 33. Band der Serie aus dem Jahr 2005 und zugleich der letzte, den der vor einem Jahr verstorbene Zeichner und Texter Albert Uderzo noch selbst gestaltet hat.

Gerade dieser Band aber ist bei den Fans umstritten. Weil er mal nicht mit Sitten, Völkern und Themen der Historie spielt und mit Anspielungen auf die Gegenwart gespickt ist, sondern mit Science-Fiction verknüpft. Da landen gleich zwei Ufos mit Aliens, die sich gegenseitig bekriegen und dafür den Zaubertrank der Gallier, von dem man schon in der ganzen Galaxis gehört hat, stehlen wollen.

Da gibt es Supermänner mit Schwarzenegger-Visagen, Anleihen an Hollywoodfilme wie „Indenpence Day“. Und am Ende werden die unbesiegbaren Gallier wie in „Men in Black“ geblitzdingst, um zu vergessen, dass sie Aliens gesehen haben.

Mit „Berlin Babylon“ hat das Ganze nichts zu tun

Die Fans haben es nicht vergessen. Viele sahen darin einen Verrat am Asterix-Kosmos, andere eine Anbiederung an Science-Fiction und sogar einen Kotau vor der japanischen Manga-Kultur. Denn auch eine Figur aus deren „Gondorak“-Serie wird hier persifliert. Römer, Gallier und Aliens also bilden hier ein universales, babylonisches Sprachgewirr.

Und das Micky-Maus-artige Alien kommt hier nicht, wie im Original, aus „Tadsylweni“ (eine Hommage an Walt Disney), sondern eben aus Schwabylon. Dort spricht man allerdings perfektes Hochdeutsch, während Gallier wie Römer berlinern, was die Kalauern hergeben.

Für reichlich Berliner Schnauze sorgte Martin „Gotti“ Gottschild, der aus Funk und Fernsehen bekannte Dialektübersetzer, der auch Vater und Stimme des „Sandmanns für Erwachsene“ ist und mit Sven van Thom als Comedy-Duo „Tiere streicheln Menschen“ auf Radios Eins zu hören ist. Bis auf das gepflegte Hochdeutsch der Außerirdischen lässt Gotti keine Sprechblase unverändert.

Die Gallier fürchten sich hier nicht davor, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fällt, sondern „uff de Omme knallt“. Römer, die von Obelix vermöbelt wurden, haben danach keinen Filmriss, sondern „ham die Fressen poliert jekriegt“.

Böse Seitenhiebe auf die Berliner Kultur

Bei Gotti gibt’s recht deftige Kraftausdrücke was bei den überregionalen Asterix-Bände nie vorkommt. Der Übersetzer verteilt auch noch mehr, teils auch recht bemühte Seitenhiebe auf die Gegenwart. Wenn etwa das feindliche Raumschiff landet, ruft man nicht „Zu den Waffen“, sondern „Ruft dit Ordnungsamt“ und regt sich über fehlende „Feinstaubfilta“ auf.

Anscheinend ist der Dialektiker Gotti auch kein Freund von Frank Castorf. Ein erzürnter Zenturio befiehlt hier nicht, wie im Original: „Werft die hirnrissigen Säufer ins Urguriolum* (Einzelzelle)“. Hier heißt es vielmehr: „Zua Strafe jibs Kartn füa die Volksbühne.“ Zur späteren Rehabilitierung gibt es auch keine Beförderung: „Euch beide mache ich zu Optiones* (eine Art Unteroffizier)“. Hier heißt es vielmehr: „Ich varingere eure Strafe von ‚Verratens Volk‘ uff ,Hänsel und Gretel‘* (deutlich kürzeres Stück).“

Immun werden mit Asterix

Arme Kulturbranche! Als sei sie von der Corona-Pandemie nicht schon gebeutelt genug, kriegt sie nun auch noch frühhistorische Kritik ab. Immerhin: Als die Aliens dem Barden Troubadix die Baumhütte anzünden, ist ein bisschen Mitleid mit den Berliner Kulturszene zu spüren: „Jetz seita zu weit jejang! Nem soloelbständijen Künstla die Bude abzufackeln.“

Ganz tagesaktuell aber wollte Gotti dann doch nicht witzeln. Corona bleibt außen vor, auch wenn „Gallien in Gefahr“ dafür einiges hergegeben hätte und das kugelartige Raumschiff mit den fremden „Aggro“-Wesen eine schöne Metapher darauf gewesen wären.

Nur einen kleinen Seitenhieb getraut sich der Mundartist. Wenn Asterix meint, der Zaubertrank (hier: „Eierlikör“) mache immun gegen die fremde Macht, kalauert Obelix: „Jetz müssn wia nua noch rauskriegn, wat dit Wort ,immun‘ bedeutet.“ Ein Zaubertrank als Immunmacher, das wäre doch eine hübsche Impfermutigung gewesen. Schade um die verpasste Gelegenheit.

Asterix: Schwabylon Berlin. Egmont Comic Collection, 48 Seiten, 14 Euro. Ab 5. Mai im Handel.