Am Sonntagabend (Ortszeit) werden in Los Angeles zum 92. Mal die Oscars verliehen. Und sie könnten spannend werden wie nie. Erstmals sind unter den 20 nominierten Schauspielern neun nicht-weißer Hautfarbe, als bester Hauptdarsteller könnte der im August gestorbene Chadwick Boseman geehrt werden, es wäre erst der dritte Oscar, der posthum verliehen wird. Unter all den Nominierten finden sich dieses Jahr 70 Frauen, so viele wie nie. Erstmals sind auch gleich zwei in der Kategorie Regie nominiert, die Britin Emerald Fennell und die in Peking geborene Chloé Zhao, letztere ist sogar die erste nicht-weiße Regisseurin mit Oscar-Chance.

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In der 92-jährigen Geschichte waren bislang überhaupt erst fünf Frauen in dieser Sparte nominiert, und nur eine hat je reüssiert: Kathryn Bigelow 2010 für ihren ziemlichen Männerfilm „Hurt Locker“. Und nach dem Triumph von Bong Joon-hos „Parasite“ im Vorjahr ist mit „Minari – Wo wir Wurzeln schlagen“ erneut ein südkoreanischer Film gleich mehrfach nominiert, und mit Lee Isaac Chung ein zweiter Filmemacher mit asiatischen Wurzeln unter den Regie-Kandidaten.

Ein Erfolgsgespannt: Die chinesischstämmige Regisseurin Chloe Zhao (l.) mit ihrer Hauptdarstellerin Frances McDormand beim Dreh ihres Films „Nomadland“.
Ein Erfolgsgespannt: Die chinesischstämmige Regisseurin Chloe Zhao (l.) mit ihrer Hauptdarstellerin Frances McDormand beim Dreh ihres Films „Nomadland“. © dpa | Unbekannt

Hollywoods Film Academy, die den begehrtesten Filmpreis der Welt verleiht, hat also gelernt aus den Debatten der Vorjahre um #OscarsSoWhite und MeToo. Seither wurde die Mitgliederzahl aufgestockt und jünger und diverser aufgestellt, so dass die Körperschaft nun annäherend dem Proporz der amerikanischen Gesellschaft entspricht.

Und dann war 2020 trotz Corona-Krise ein ziemlich gutes Filmjahr, bei dem einmal nicht große Studioproduktionen wie „Tenet“ den Ton angeben, sondern kleinere, ambitionierte Filme mit sozialkritischen Tönen: wie Zhaos „Nomadland“ über eine ältere Frau (Frances McDormand), die als Wirtschaftsnomadin von einem Job zum nächsten fährt. Wie Fennells „Promising Young Woman“ über eine junge Frau, die Rache an einem Vergewaltiger nimmt. Oder Chungs „Minari“ über das Los armer koreanischer Migranten in den USA. „Judas and the Black Messiah“ handelt von der Tötung des Black-Panther-Führers durch das FBI und ist damit im Jahr des Mordfalls George Floyd hochaktuell.

Er könnte als dritter Schauspieler der Geschichte nach Peter Finch und Heath Ledger postum mit einem Oscar ausgezeichnet werden: Der im August gestorbene Chadwick Boseman.
Er könnte als dritter Schauspieler der Geschichte nach Peter Finch und Heath Ledger postum mit einem Oscar ausgezeichnet werden: Der im August gestorbene Chadwick Boseman. © dpa | Jordan Strauss

Und „The Trial vs. the Chicago 7“ verhandelt zwar einen realen Prozess während der Bürgerrechtsbewegung, reflektiert aber auch die angeheizte politische Stimmung und den tiefen Riss, der derzeit durch die USA geht. All diese Filme, die wie in paritätischem Gleichklang alle sechs Mal nominiert sind, spiegeln die amerikanische Gegenwart, legen Finger in offene Wunden. Diese Filme demonstrieren aber auch: Hollywood ist wieder da.

Das ist, als würde man ein Flugzeug in der Luft bauen“

Aber ach, all das ist in der kommenden Oscar-Nacht doch nur zweitrangig. Denn in diesem Jahr geht es vor allem um die Frage, wie die Verleihung überhaupt stattfinden wird. Trotz Verlegung in den späten April kann die Show nicht wie üblich über die Bühne gehen. Keineswegs aber soll der Oscar so ablaufen wie kürzlich der Golden Globe, wo die Sieger zugeschaltet wurden. Dankesreden auf dem heimischen Sofa und Auftritte im Schlabberpulli soll es nicht geben. Deshalb hat man sich für einen Oscar light entschieden, eine abgespeckte Show, aber eben doch: eine Show. Mit realen Auftritten. Und bitte in chic.

Regisseur Steven Soderbergh hat 2011 mit „Contagion“ ein früh warnendes Drama über eine inszeniert. Jetzt darf er die Oscar-Show in Coronazeit gestalten.
Regisseur Steven Soderbergh hat 2011 mit „Contagion“ ein früh warnendes Drama über eine inszeniert. Jetzt darf er die Oscar-Show in Coronazeit gestalten. © dpa | Guillaume Horcajuelo

Diese Entscheidung hat der Academy durchaus auch Kritik eingebracht, wo die Corona-Politik doch fordert, Kontakte weitestgehend zu reduzieren. Doch die Veranstalter wollen beweisen, wie kreativ die Traumfabrik sein kann. Und hat an ihre Spitze Regisseur Steven Soderbergh gesetzt. Der war zwar 2000 bei seinem Oscar-Triumph für „Traffic“ nach eigener Aussage betrunken, gilt aber auf andere Weise als Spezialist, hat er doch mit „Contagion“ 2011 einen früh warnenden Film über Epidemien gedreht, der denn auch zu Beginn der Corona-Pandemie reichlich zitiert wurde.

Eine Oscar-Show unter Pandemiebedingungen zu organisieren, das sei, gab Soderbergh zu, „als ob man ein Flugzeug in der Luft bauen würde“. Dennoch verspricht er eine emotionale Show. Erstmals findet die Verleihung auch nicht an einem Ort statt. Als neue Bühne wird die Union Station, der Bahnhof von Los Angeles, umfunktioniert, zu der etwa 170 Gäste geladen werden. Und Nominierte, die im Ausland weilen, werden aus speziellen „Hubs“ zugeschaltet: in London aus einem Kino des British Film Institute und in Paris aus dem Studio von Canal Plus. Und auch wenn nun bereits zum dritten Mal in Folge kein Moderator durch den Abend führt, versprechen die Macher ein echtes „Movie-Erlebnis“.

Sie gehört mit Kollegen wie Brad Pitt oder Harrison Ford zu den Präsentatoren des Abends: Schauspielerin Halle Berry.
Sie gehört mit Kollegen wie Brad Pitt oder Harrison Ford zu den Präsentatoren des Abends: Schauspielerin Halle Berry. © dpa | Richard Shotwell

Ein Wermutstropfen aber bleibt. Wegen der Corona-Krise und der geschlossenen Kinos kennen selbst versierte Cineasten die meisten der nominierten Filme gar nicht. Auch wenn einige inzwischen digital gestartet sind. Eine solche Premiere reicht nun aus für eine Oscar-Einreichung. Eine neue Reglung, die vermutlich bleiben und die Konkurrenz der Streamingportale weiter stärken wird. Auch diesmal sind Netflix und Amazon stark vertreten mit insgesamt 47 Nominierungen.

Aber selbst Filme wie „Tenet“, der seit kurzem auf Amazon läuft, oder David Finchers Netflix-Film „Mank“, der als großer Favorit mit zehn Nominierungen ins Rennen geht, haben nach Umfragen nur ein Bruchteil der User gesehen. Es könnte also durchaus sein, dass die Oscar-Show 2021 eine der spannendsten seit Jahren ist, aber dennoch so wenig zuschauen wie nie.