Fernsehen

Ein knalliger Martin Wuttke in „Heute stirbt hier Kainer“

| Lesedauer: 5 Minuten
Peter Zander
Der Filmtitel wird nicht 100-prozentig eingehalten: Martin Wuttke als Killer Kainer in „Heute stirbt hier Kainer“.

Der Filmtitel wird nicht 100-prozentig eingehalten: Martin Wuttke als Killer Kainer in „Heute stirbt hier Kainer“.

Foto: ARD / HR

In dieser ARD-Komödie sucht ein Mann zum Sterben die Ruhe auf dem Land – und löst dort einen Sturm aus: eine Parodie auf Heimatfilme.

Darf man eigentlich noch von einer schwarzen Komödie sprechen? Ist das politisch korrekt? Aber anders kann man diesen ARD-Film wirklich nicht bezeichnen. „Heute stirbt hier Kainer“ ist nicht nur eine schwarze, sondern eine rabenschwarze Komödie. Und ein Afrodeutscher kommt dabei auch vor und setzt ein paar politisch höchst unkorrekte Pointen.

Es wird gerade viel gestorben in der ARD. Und das wird mitten in diesen Pandemiezeiten auch noch als Komödie gezeigt. Vor drei Monaten war Jens Harzer in „Ruhe! Hier stirbt Lothar“ zu sehen, in wenigen Tagen folgt Heino Ferch mit „Wer einmal stirbt, dem glaubt man nicht“. Und jetzt also Martin Wuttke in „Heute stirbt hier Kainer!“

Ein Heimatfilm, der plötzlich zur Westernparodie wird

Ein Film mit durchaus ambivalentem Titel. Denn die Hauptfigur heißt hier Kainer, Ulrich Kainer, ein Mann, von dem man nicht viel erfährt, außer dass er sehr geschickt mit Waffen aller Art umgehen kann. Aber auch so einer kann alt und Frührentner werden. Und so wird er gleich anfangs in eine MRT-Röhre geschoben und erhält eine sehr endgültige Diagnose. Ein Mann mit Vergangenheit, aber ohne Zukunft.

„Heute stirbt hier keiner“: der Trailer zum Film

Sterben will Kainer aber nicht in der Stadt, sondern in Ruhe und Frieden. Also fährt er aufs Land. Der Zufall bestimmt, wo es hingehen soll. Kainer nimmt bloß einen kleinen Koffer mit, in dem nichts als ein Revolver steckt. Mehr braucht er nicht, um aus der Welt zu scheiden. Denkt er. Doch das Kaff, in dem er landet und das den sprechenden Namen Ober-Öhde trägt, es ist gar nicht so still, wie man denkt. Im Gegenteil, hier schießen schon kleine Buben aufs Federvieh, auch Rindviecher werden zu Buhmännern, und der Bürgermeister und der italienische Restaurantbetreiber liefern sich um Gäste, die sowieso nicht kommen, einen Kleinkrieg, bei dem schon mal gedroht wird, einen Mafiakiller anzuheuern.

Als plötzlich der knarzige Fremde im dunklen Anzug im Dorf steht, geht sofort das Gerücht um: Der Mann ist ein Killer. Und das löst viele Missverständnisse aus, in die nicht nur die örtlichen, tumben Polizisten verstrickt sind, sondern auch ein fieser Kommissar aus der Großstadt (Justus von Dohnányi) und ein paar beschränkte rechte Schlägertypen, zu denen auch ein chronisch masochistischer Schwarzer gehört.

Der Sterbenswillige muss sich dem Leben stellen

Gleichzeitig erlebt Kainer aber noch eine späte Gefühlswallung, als er bei einer alleinerziehenden Bäuerin (Britta Hammerstein) unterkommt, die passenderweise Abel heißt. Als auch sie durch ihn in Gefahr gerät, muss der Sterbenswillige sich noch mal den Realitäten des Lebens stellen. Und es kommt zum knalligen Finale, einem echter Shootdown, von dem man schon in der ersten Szene einen kleinen Vorgeschmack bekommt. Damit auch jedem klar ist, dass dies keine ländliche Liebesschmonzette wird, sondern ein bärbeißiger Western. Mitten im hessischen Odenthal.

Von allen Sendeanstalten der ARD scheint der Hessische Rundfunk die experimentierfreudigste und avantgardistischste. Die Hessen trauen sich was. Das sieht man schon an ihren „Tatort“-Ermittlern in Frankfurt und Wiesbaden, wo stets die schrägsten Folgen der Reihen entstehen, die auch oft Genreparodien sind. Hier nun stellt man dem gerade auch bei der ARD sehr beliebten, gefühlsduseligen Heimatfilm auf den Kopf, indem das ländliche Idyll zu einer modernen Westernkulisse wird.

Der Western ist eigentlich ein typisch männliches Genre, wird hier aber von einer Frau mit Lust gegen den Strich gestriegelt: Maria-Anna Westholzer, die mit Michael Proehl auch das Drehbuch geschrieben hat, gibt damit ihr Langfilmdebüt, das so versiert ausfällt, als ob sie nie etwas anders gemacht hätte, als kinotaugliche Bilder zu realisieren.

„Heute stirbt hier Kainer“ ist ein großer Spaß. Umso größer, als er aus dem üblichen öffentlich-rechtlichen Programmangebot so deutlich herausfällt. Es lohnt allein, Martin Wuttke als einsamen, schmallippigen Revolverhelden zu erleben, der, weil er keine Wechselkleidung mitgebracht hat, auch mal in einem neonbunten Trainingsanzug steckt, in dem er erst recht wie ein einziger Fremdkörper wirkt.

Aber auch so knarzige Charaktergesichter wie Martin Feifel und Christian Redl trumpfen hier in kleinen Rollen auf, und Justus von Dohnányi, der erstmals einen Kommissar spielen darf – und gleich einen der fiesesten Sorte.

„Ungewöhnlich genug, heutzutage“

Das Drehbuch hat Wuttke an „Der letzte Scharfschütze“ erinnert, den letzten Film mit John Wayne: „Selbstbildnis des Künstlers als sterbender Revolverheld, der letzte seiner Art“, wie der Schauspieler meint, der denn auch sofort zugesagt hat: „Ungewöhnlich genug, heutzutage.“ Und Dohnányi schwärmt, die Produktion sei „schwarz, böse, unkorrekt. Ein Film, der so gar nicht in die gängige Fernsehlandschaft passen will.“

Mit ihren Antipoden, die sich unversöhnlich gegenüberstehen, feiern die beiden Mimen auch noch eine ganz besondere Wiedervereinigung: Einst haben sie als Schauspieler gemeinsam am Frankfurter Schauspielhaus begonnen. Nun liefern sie sich auf dem hessischen Land nicht nur Wortgefechte, sondern auch ein ganz buchstäbliches Duell.

„Heute stirbt hier Kainer“. ARD, 21.4., 20.15 Uhr