Film

Berlin vorm Balkon: Wolfgang Kohlhaase zum 90.

| Lesedauer: 6 Minuten
Peter Zander
Wolfgang Kohlhaase beherrscht die Kunst des Drehbuchschreibens wie kein Zweiter, versteht seine Werke aber bescheiden nur als „endgültige Zwischenprodukte“.

Wolfgang Kohlhaase beherrscht die Kunst des Drehbuchschreibens wie kein Zweiter, versteht seine Werke aber bescheiden nur als „endgültige Zwischenprodukte“.

Foto: David Heerde

Niemand hat so viele und schöne Filme über die Stadt gemacht wie Wolfgang Kohlhaase. Am 13. März wird der Drehbuchautor 90 Jahre alt.

Er ist der Filmchronist Berlin. Viele Regisseure haben große Berlin-Filme gedreht. Aber keiner so viele und schöne wie er: Dabei drehte Wolfgang Kohlhaase nie selbst. Aber er schrieb die Drehbücher dazu. Und Dialoge, von denen sie leben: Defa-Klassiker wie „Eine Berliner Romanze“ (1956), „Berlin Ecke Schönhauser“ (1957) „Berlin um die Ecke“ (1965) – lauter Titel, die ihre heimliche Hauptfigur schon im Titel tragen – oder „Solo Sunny“ (1980), für den Renate Krößner als erste Schauspielerin der DDR einen Berlinale-Bär gewann.

Aber auch nach der Wende, als viele Defa-Künstler einen tiefen Einbruch erleben musste, machte er ungebrochen weiter. Mit Erfolgen wie „Sommer vorm Balkon“ (2005) oder zuletzt „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2017). Längst ist Kohlhaase eine lebende Legende, fast seit 70 Jahren im Filmgeschäft und mit zahlreichen Preisen geehrt, darunter dem Ehrenbär der Berlinale und der Ehren-Lola des Deutschen Filmpreises.

Den Berlinern auf die Schnauze und ins Herz geguckt

„Berlin um die Ecke“: So könnten fast alle seine Filme heißen. Warum immer wieder diese Stadt? Die Antwort ist ganz einfach. Und ganz bescheiden: „Es ist halt meine“, verriet er uns mal im Interview: „Und die Freiheit, etwas zu schreiben, entsteht erst, wenn du zehn Mal mehr weißt, als du brauchst.“ Manche glauben ja, die Geschichten lägen auf der Straße, man müsse nur rausgehen und sie aufheben. Aber, so Kohlhaase: „Das Bücken macht schon viel Arbeit.“

Kohlhaase hat immer in dieser Stadt gelebt. Hat quasi Berlin vorm Balkon. Und schaut deren bekanntlich immer sehr direkten Einwohnern auf das, was man gemeinhin die Berliner Schnauze nennt. Man darf sich das aber nicht so vorstellen, dass er ständig Notizbücher aufklappe und Bonmots notiere. „So funktioniert das nicht“, so der Autor.

Man dürfe dem Berlinischen auch nicht nacheifern. Weniger ist mehr, eine alte Filmweisheit, die auch für Drehbücher gilt. Mehr – und wahrhaftiger. Von der typischen Melodie und diesem Sprachwitz leben Kohlhaases Filme. Weil er den Berlinern nicht nur auf die Schnauze schaut, sondern direkt ins Herz.

Früh eckten seine Filme an

Kohlhaase, 1931 in Adlershof geboren, wollte immer schreiben, kam aber zum Kino wie die Jungfrau zum Kinde. Er schrieb zunächst für Zeitungen, weil der Filmkritiker mal wieder krank war, musste er raus nach Babelsberg, zur Defa. Dort schnupperte er die Welt des Films. Und blieb. Zunächst 1950 als Dramaturgie-Assistent. Dann zwei Jahre später schon als Drehbuchautor. Seine ersten Filme drehte er mit seinem Freund, dem Regisseur Gerhard Klein. Ungeschönte Geschichten aus dem Alltag wie in den neorealistischen Filmen aus Italien. Generationenporträts junger Menschen der jungen DDR, Revoluzzer und Halbstarke, was den SED-Oberen übel aufstieß. „Berlin Ecke Schönhauser“ (1957) mit dem rebellischen Ekkehard Schall wurde eine zu negative Sichtweise vorgeworfen, „Berlin um die Ecke“ 1965 auf dem berüchtigten XI. Plenum des Zentralkomitees der SED, wie fast die gesamte Jahresproduktion der Defa, verboten – er wurde erst 1987 vollendet.

Nach dem Verbot zog Kohlhaase sich kurz aus dem Filmgeschäft zurück und verlegte sich auf die Schriftstellerei. Doch schon bald arbeitete er wieder eng mit einem anderen Regisseur zusammen: Konrad Wolf, mit dem er weitere Klassiker drehte wie „Ich war neunzehn“ (1968), „Der nackte Mann auf dem Sportplatz“ (1974) oder eben „Solo Sunny“ (1980), bei dem Kohlhaase auch Ko-Regie führte.

Filme, die nichts von ihrer Kraft verlieren

Wieder ein Film über eine rebellische Jugend, die sich nicht in die Planpolitik des Arbeiter- und Bauernstaats fügen wollte. Nun war der Revoluzzer auch noch eine Frau, die sich allein gegen die Männergesellschaft behauptete. Noch heute hat der Film nichts von seiner Kraft verloren. Auch wegen der Bilder, in denen immer wieder Altbauten gesprengt werden, um Plattenbauten zu weichen. Aus diesem Film stammen auch die berühmten Worte, die Kohlhaases Sprachkunst so pointiert auf den Punkt bringen. Renate Krößner als selbstbestimmte Frau nimmt da einen Mann nachts zum Sex mit nach Hause. Schmeißt ihn aber am nächsten Morgen raus. „Ist ohne Frühstück“, meint sie, und, nach dessen vorsichtigen Widerworten: „Ist auch ohne Diskussion.“

Nach der Wende schrieb Kohlhaase für Volker Schlöndorff „Die Stille nach dem Schuss“ (2000) und für Andreas Dresen „Sommer vorm Balkon“ (2005) und „Als wir träumten“ (2015). Wie groß seine Kunst ist, zeigte sich schmerzlich auf der Berlinale 2020, als „Persischstunden“ lief: Ein Film nach einer Erzählung, aber leider nicht nach einem Drehbuch von ihm. Das war in jeder Szene zu spüren, da konnten auch die Darsteller nichts retten.

Große DVD-Edition zum 90. Geburtstag

Wie ist das eigentlich, wenn man so wohlfeile Dialoge schreibt, das Drehbuch dann aber abgeben und schauen muss, was Regisseure daraus machen? Auch da ist Kohlhaase ganz bodenständig. Es gibt viele Kollegen, die sich grämen, was beim Drehen aus einem Skript wird. Für ihn ist ein Drehbuch ein „endgültiges Zwischenprodukt“. Der Film lebe von dem, was danach beim Dreh passiert. Man muss auch loslassen können.

Zu seinem 90. Geburtstag ist nun eine große DVD-Edition mit seinen Defa-Klassikern in den Handel gekommen. Und der RBB zeigt am 13. März „Solo Sunny“, aber im Nachtprogramm versteckt. Ansonsten – Fehlanzeige, keine weitere Ehrung. Wie schade für einen der ganz Großen des deutschen Films. Ans Aufhören denkt der Jubilar dennoch nicht. Er würde gern noch einen Film machen, deutet er an. Aber der „müsste hinten ran passen an alles, was ich gemacht habe. Es darf nichts Beliebiges sein.“