Star-Interview

Hans-Werner Meyer: „Meine Söhne finden das total langweilig“

| Lesedauer: 11 Minuten
Peter Zander
Ärgert sich über Corona-Hilfen für Künstler, die nicht ankommen: Schauspieler Hans-Werner Meyer.

Ärgert sich über Corona-Hilfen für Künstler, die nicht ankommen: Schauspieler Hans-Werner Meyer.

Foto: picture alliance / Eventpress

Der Schauspieler feiert zehn Jahre „Letzte Spur Berlin“. Wie es ist, wenn ein Mensch verschwindet, musste er kürzlich selbst erfahren.

Am 12. März startet die zehnte Staffel der ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“. Im Laufe dieser langen Zeit hat sich sowohl vor als auch hinter der Kamera eigentlich das ganze Team runderneuert. Nur zwei sind von der ersten Klappe an dabei: die Schauspieler Jasmin Tabatabai und Hans-Werner Meyer. Wie ist das, über eine so lange Zeit zusammen zu spielen? Und hat man heute noch Angst, damit in einer Schublade zu landen? Oder ist man gerade in Corona-Zeiten ganz froh über eine solche Dauerrolle? Darüber haben wir mit Hans-Werner Meyer gesprochen, der sich im Bundesverband Schauspiel auch ehrenamtlich für seine weniger privilegierten Kollegen einsetzt.

Sie dürfen ein Jubiläum feiern: „Letzte Spur Berlin“ geht in die 10. Staffel. Wie fühlt sich das an?

Hans-Werner Meyer: Gut natürlich. Das ist auch nicht unerwartet. Als wir damals angefangen haben, hatte der damalige Produzent Ronald Gräbe, der die Serie entwickelt hat, prophezeit, dass sie mindestens zehn Jahre laufen könnte. Insofern ist das die Bestätigung, aber auch Ansporn, dass es so weiter geht.

Nach zehn Jahren: Macht die Serie immer noch Spaß? Oder gibt es zwischendurch auch mal Ermüdungserscheinungen?

Es macht Spaß. Weil alle dasselbe Bedürfnis haben, diese Serie frisch zu halten. Es kamen ja auch ständig neue Leute hinzu, neue Hauptdarsteller, Autoren, Redakteure, innovative Regisseure. Eigentlich wurden alle schon mal ausgewechselt, außer Jasmin und mir. Auf diese Weise kam immer wieder ein Energieschub und wir mussten unsere eigene Sicht überprüfen und erneuern. Das hält frisch. Ich habe jetzt die ersten Folgen gesehen. Die wirken alles andere als alt.

Gleich in der ersten Folge werden Sie angeschossen. Muss man befürchten, dass Sie eines Tages auch mal richtig aus der Serie hinausgeschossen werden?

(lacht) Irgendwann stirbt jeder. So lange es mir weiter Spaß macht, so lange die Geschichten spannend bleiben und die Ideen nicht schal sind, sehe ich aber keinen Grund dazu.

Jasmin Tabatabai ist wie Sie von Anfang an dabei. Entsteht über eine so lange Zeit auch Freundschaft – oder ist man bloß Kollege?

Da entsteht auch eine Freundschaft. Das betrifft aber nicht nur Jasmin, sondern auch die anderen beiden, Aleksandar und Josephin. Wir sehen uns ja auch ständig. Allerdings entstehen auch regelrechte Entzugserscheinungen, wenn wir uns mal eine Woche nicht am Set begegnen.

Früher hieß es, einmal Kommissar, immer Kommissar. Dann steckte man in einer Schublade und es kamen keine anderen Angebote mehr. Ist das heute immer noch so?

Ich glaube und hoffe nicht. Ich habe ja schon, bevor die Serie begann, sehr viel gemacht. Und gerade letztes Jahr habe ich wieder zwei andere Rollen gespielt, einen schmierigen Pharmavertreter und einen homosexuellen Lehrer. Beides wird im Frühjahr zu sehen sein. Das ist relativ weit entfernt vom Kommissar.

Das deutsche Fernsehen ist voller Krimis. Viele finden, es gibt zu viele, und viele relevante Themen werden nur noch in diesem Format behandelt. Geht es Ihnen auch so?

Ich bin schnell gelangweilt, wenn ein Format und eine Erzählweise überhandnimmt. Aber letztlich kommt es darauf an, wie man sie nutzt und wofür. Das gilt auch für die „Spur“, eine spezielle Form des Krimis, die wir uns immer wieder bemühen, neu zu erfinden.

Orkun Ertner, der Erfinder der Serie, hat das mal „Hoffnungskrimis“ genannt. Ein Alleinstellungsmerkmal?

Es geht bei uns nicht um Sühne, nicht darum, einen Schuldigen, sondern Menschen zu finden, die verschwunden sind. Und es besteht auch Hoffnung, dass sie lebend gefunden werden. Dadurch ist die Dramaturgie eine ganz andere. Meine Söhne haben mal eine Folge gesehen und fanden die total langweilig. Das zeigt mir, dass es wohl eher was für Erwachsene ist. Und für Menschen, die nicht festgelegt sind auf die klassischen Krimis. Wenn man schon genug Whodunits im Leben gesehen hat, ist das, was wir zu bieten haben, eine spannende Variante. Das Reservoir an Geschichten über Verschwundene ist unerschöpflich. Das merkt man, weil wir schon 118 Folgen gedreht haben und die Fälle nie langweilig werden. Und ich habe gerade selbst einen Vermisstenfall erlebt, einen Jugendlichen im Bekanntenkreis, und erfahren müssen, wie sich das anfühlt.

Aber es gab hoffentlich ein Happy End und die entsprechende Person wurde gefunden?

Ja. Die meisten Jugendlichen, die verschwinden, haben einfach genug, hauen ab und tauchen kurze Zeit später wieder auf. So auch hier. Aber da man das in dem Moment nicht weiß, lebt man erst mal in der Hölle der Ungewissheit, in der die Uhr tickt. Man weiß ja, dass nach 24 Stunden die Wahrscheinlichkeit, jemanden zu finden, exponentiell sinkt.

Wie waren denn die Dreharbeiten zu dieser besonderen Staffel? Das war zwar die Jubiläumsstaffel, aber es gab auch erschwerte Bedingungen unter Corona-Auflagen.

Es war erst mal eine Herausforderung. Aber irgendwann setzt der Gewöhnungseffekt ein. Wir haben halt alle Masken getragen und wurden regelmäßig getestet. Natürlich schwebt dieses Damoklesschwert ständig über einem, aber das vergisst man mit der Zeit. Irgendwann war das wie ein normaler Dreh.

Man freut sich wahrscheinlich überhaupt, dass man arbeiten kann? Im ersten Lockdown mussten viele Projekte ja verschoben oder mitten im Dreh abgebrochen werden.

Ich habe im letzten Jahr alles gedreht, was gedreht werden sollte, nur zu einem anderen als dem geplanten Zeitpunkt. Ich hatte diesbezüglich beim Drehen bisher – ich klopf auf Holz – totales Glück.

Lernt man in Corona-Tagen so eine Serienrolle noch mal anders schätzen? Weil sie auf Dauer in Lohn und Brot sind? In der Pandemie ist ja deutlich geworden, wie schwierig es gerade für freischaffende Künstler ist.

Absolut! Ich weiß das sehr zu schätzen, auch, aber nicht nur wegen des wirtschaftlichen Aspekts. Die Kontinuität, die Regelmäßigkeit: Das ist schon ein großes – nein, Geschenk will ich gar nicht sagen. Es sollte ja normal sein. Schauspieler zu sein, sollte eigentlich kein solches Lebensrisiko darstellen, wie es momentan der Fall ist. Ich kenne beide Seiten. Ich weiß, wie es ist, wenn man sich von einer Rolle zur nächsten hangelt und nicht weiß, wie es weiter geht, man aber eine Familie zu ernähren hat.

Sie engagieren sich seit bald 15 Jahren – noch ein Jubiläum! - ehrenamtlich als Vorstandsmitglied im Bundesverband Schauspiel und setzen sich in dieser Funktion für all die Kollegen ein, die nicht so gut im Geschäft sind wie Sie. Tun Sie das, weil Sie das auch kannten, aber jetzt in einer Position sind, dass man Ihnen Gehör schenkt?

Klar. Ich gehöre zu den Privilegierten in unserem Berufsstand, die gut leben können. Aber für den Großteil der Schauspielenden gilt das nicht. Ich sehe da viel Missstände in unserem Beruf und möchte die gern beenden. Aber ich bin sowohl in die Gründung als auch in den Vorstand eigentlich eher reingestolpert und dann nicht mehr rausgekommen. (lacht) Erst über die Jahre habe ich richtig verstanden, warum wir das überhaupt machen, machen müssen. Die Verhältnisse mitgestalten zu können, unter denen wir leben und arbeiten, gibt mir inzwischen auch ein Gefühl der Zufriedenheit. Allerdings ist da auch viel zu tun. Jetzt in Corona-Zeiten noch mal um ein Vielfaches.

Die Politik verspricht seit einem Jahr in großen Tönen, Künstler in der Corona-Zeit zu unterstützen. Aber die Hilfen kamen nie an. Jetzt wurde die Neustarthilfe eingeführt. Klappt das jetzt oder ist auch das wieder nur Augenwischerei?

Erst mal: Das ist kein böser Wille vonseiten der Politiker. Unsere Arbeitsverhältnisse sind kompliziert, da wir sozialversicherungsrechtlich befristet Beschäftigte sind, wirtschaftlich gesehen aber wie Selbstständige leben. Das zu verstehen ist nicht leicht, viele von uns verstehen es selbst nicht wirklich. Jetzt scheint der Groschen aber endlich gefallen, und die Neustarthilfe gilt ausdrücklich auch für „kurz befristet Beschäftigte in den Darstellenden Künsten“. Wie das in der Praxis laufen wird, wissen wir noch nicht, es geht ja gerade erst los. Aber was wir jetzt schon sehen: Es ist wieder eine Hürde eingebaut. Die Hilfen gehen von Januar bis Juni. Wer aber im Januar mehr als zwei Tage Arbeitslosengeld bezogen hat, hat schon wieder kein Anrecht auf diese Hilfe. Und das ist natürlich Quatsch, ein Fehler, der sofort geändert werden muss.

Macht Sie das manchmal wütend, dass Künstler mit dem Problem so allein gelassen werden? Den Eindruck hatte man bei den Zoom-Pressekonferenzen, die der Verband zu diesem Thema gegeben hat.

Wut kann eine konstruktive Emotion sein. Aber ich glaube, wir haben uns so lange mit dem Thema beschäftigt, dass wir weit über die Wut hinaus sind. Das Thema beschäftigt uns ja schon Jahre, lange vor der Pandemie. Durch Wahlen kommen immer wieder neue Politiker, denen man es immer wieder erklären muss. Das ist ein wahnsinnig langwieriger Vorgang. Und man kann nicht 15 Jahre lang wütend sein. Wir sind eigentlich sehr pragmatisch. Es gibt aber immer wieder Momente, wo ich wütend werde. Das ging mir so beim „Morgenmagazin“ mit Frau Grütters. Die Krise ist für viele existenzbedrohend, es gab schon Künstler, die sich umgebracht haben. Die Not ist groß. Wenn man das miterlebt, fehlt einem manchmal die Geduld. Aber man muss sich dann immer wieder sagen: Man kann da niemandem etwas vorwerfen oder einen bösen Willen unterstellen. Das ist allenfalls nur Überforderung.

„Letzte Spur Berlin“: 10. Staffel ab 12. März, ZDF, jeweils freitags, 21.15 Uhr