Berlinale

Die Jury beim Berlinale-Chef auf der Psycho-Couch

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Peter Zander
Carlo Chatrian (r.) im Talk mit den Juroren Ildikó Enyedi,  Mohammad Rasoulof, Adina Pintilie (o., v.l.), Jasmila Žbanić und Nadav Lapid. 

Carlo Chatrian (r.) im Talk mit den Juroren Ildikó Enyedi, Mohammad Rasoulof, Adina Pintilie (o., v.l.), Jasmila Žbanić und Nadav Lapid. 

Foto: Peter Himsel www.himsel.de

Verpatzte Gelegenheit: Carlo Chatrian lädt seine Juroren zum Talk, redet aber nicht über das digitale Festival, sondern übers Träumen.

Der große Nachteil dieser ersten, digitalen Phase der Berlinale ist nicht nur, dass die Filme unter Ausschluss der Öffentlichkeit gestreamt werden, das war ja von vornherein klar. Sondern vor allem, dass dass sich alle Beteiligten deshalb zurückhalten und auf das Publikums-Event im Sommer warten. Kaum ein Filmschaffender gibt ein Interview. Maria Schrader war die einzige, die eine Pressekonferenz für ihren Wettbewerbsfilm hielt. Aber auch das war nicht die Entscheidung des Festivals, sondern ihre eigene. Und wo sind eigentlich die Berlinale-Chefs? Auch die überlassen die erste Hälfte des ja von ihnen so geplanten Doppel-Festivals komplett dem Markt.

Eine Abteilung immerhin belässt es nicht dabei. Die Sektion „Berlinale Talents“, die von jeher vom Austausch von Filmschaffenden lebt, hat in den vergangenen Tagen Veranstaltungen geboten. Nur eben nicht vor kleinem Publikum im Saal, sondern virtuell im Netz, dafür kostenlos für alle Interessierten.

Nie zeigt sich die Jury einmal vollzählig

Am Mittwoch Abend tauchte dort doch auch mal der Programmleiter der Berlinale, Carlo Chatrian, persönlich auf. Im Talk mit seiner Internationalen Jury, die in diesem Jahr bekanntlich aus gleich sechs Goldbären-Gewinnern besteht. Nur vier davon sind leibhaftig in Berlin: die Bosnierin Jasmila Žbanić (Preisträgerin 2006), der Italiener Gianfranco Rosi (2016), die Ungarin Ildikó Enyedi (2017) und die Rumänin Adina Pintilie (2018).

Der Israeli Nadav Lapid (2019) konnte nicht, der Iraner Mohammad Rasoulof (2020) durfte nicht ausreisen, beide sind aber virtuell zugegen. Nun hat sie der Mann, der sie in die Jury berief, zum einstündigen Talk eingeladen. Aber auch hier sind sie nicht vollzählig: Rosi hat schon einen anderen Termin.

Chatrian nimmt im Berlinale-Studio auf einem Regiestuhl Platz, vor einer großen Leinwand, auf der die fünf Gäste zugeschaltet sind. Die Plauderrunde beginnt mit einer dicken Panne. Im Live-Stream sind alle Beteiligten für jeden User zu hören, doch ausgerechnet Chatrian hört seine Gäste nicht. Das hätte man vorher üben können, ist aber auch irgendwie ein Sinnbild für diese Berlinale, in der nichts so ist, wie es sein sollte.

Man hätte die Runde nutzen können, um zu diskutieren, ob ein digitales Festival wirklich ein Signal für die Filmbranche ist und Streamen die richtige Form, in der Regisseure ihre Werke zeigen mögen. Man hätte die Runde auch nutzen können, um über die desolate Lage der Kinos zu sprechen, die wegen des Lockdowns seit Monaten nicht öffnen dürfen. Stattdessen stellt Chatrian die Begegnung unter das Motto „Dream On“ und spricht allen Ernstes über Träume. Alle müssen dafür ein Bild vorstellen und erklären. Ein bisschen Traumdeutung wie bei Dr. Freud. Die Jury beim Berlinale-Chef auf der Psychocouch.

Das Fazit des Abends bleibt ernüchternd

Chatrian selbst erklärt kurz, dass er noch nicht wisse, ob diese Berlinale nun ein Traum ist (weil sie überhaupt stattfindet) oder doch ein Alptraum. Aber dann hält er stur am einmal gewählten Thema fest. Und die Befragten weichen aus (Lapid etwa träumt nicht, weil er Schlaftabletten nimmt) oder suchen bemühte Bilder (Žbanić rätselt, ob man Träume wie Speisen schmecken kann).

Das wirkt reichlich abgedreht und realitätsfremd. Und beweist eigentlich nur eins: dass der Programmleiter offenbar in einem verkopften Elfenbeinturm lebt, fernab der Realitäten. Schade um die verpatzte Gelegenheit, über die derzeitige Form der Berlinale zu diskutieren. Schade auch um diese starke Runde, die durchaus anderes zu sagen hätte. Das Fazit des Talks bleibt ernüchternd: Träumen Sie weiter, Herr Chatrian.