Interview

Aylin Tezel: „Wir sind noch nicht da, wo wir sein sollten“

| Lesedauer: 9 Minuten
Peter Zander
Aylin Tezel vergleicht sich mit einem Baum: „Die Äste wachsen in verschiedene Richtungen, aber die Wurzel kommt ja irgendwoher.“

Aylin Tezel vergleicht sich mit einem Baum: „Die Äste wachsen in verschiedene Richtungen, aber die Wurzel kommt ja irgendwoher.“

Foto: Marijan Murat / picture alliance/dpa

Schauspielerin Aylin Tezel über den Reiz am Neuen und den langsamen Wandel im deutschen Film, was Frauenrollen und Diversität angeht.

Es ist noch keine drei Monate her, da hat Aylin Tezel in der Jubliäumsfolge zu 50 Jahren „Tatort“ das Ermittlerteam in Dortmund mit einem Paukenschlag verlassen. Nun meldet sich die Schauspielerin mit einer eigenen Krimiserie zurück: Im Sechsteiler „Unbroken“ spielt sie wieder eine Kommissarin, darf aber eine deutlich größere Bandbreite an Gefühlen spielen: Ihre Figur ist knallhart, trainiert im Boxstudio, kann auch lachen, wird dann aber hochschwanger entführt, erwacht blutüberströmt – und ermittelt in ihrem eigenen Fall, was mit ihrem Baby geschehen ist. „Unbroken startet am Dienstag auf ZDFneo – nur zwei Tage, nachdem der „Tatort“ aus Dortmund mit ihrer Nachfolgerin ausgestrahlt wird. Wir haben die 37-Jährige gesprochen, corona-bedingt nur am Telefon.

Darf ich fragen, wo wir Sie gerade erreichen? Sie leben in Berlin, pendeln aber viel nach London.

Aylin Tezel: Gerade bin ich in Berlin und warte, dass sich die Virussituation etwas entspannt, bevor ich mich wieder Richtung UK auf den Weg machen kann. Aber man geht ja gerade ein bisschen mit dem Fluss. Was vielleicht eh die Normalität sein sollte. Und einem durch Corona vor Augen geführt wird: dass man bewusst Tag für Tag lebt. Und aufhört, sich einzubilden, man könnte ein Leben planen.

Sind Sie vielleicht ganz froh, gerade in Deutschland zu sein und nicht in Großbritannien - angesichts der dort grassierenden, sehr viel aggressiveren Mutation?

Diese Mutation wird sich auch in Deutschland ausbreiten. Wir brauchen nicht so naiv sein, zu glauben, da könnte man ein paar Wochen die Grenzen schließen. Ich fürchte, mit der Corona-Situation müssen wir jetzt einfach alle bestmöglich umgehen. Ich bin aber der Hoffnung, dass sich der Großteil der Menschen achtsam und sehr bewusst verhält und wir das, auch durch die neue Impfsituation, bald in den Griff kriegen.

Gerade erst sind Sie aus dem „Tatort“ ausgestiegen, da kommt schon „Unbroken“. Wie kam das so schnell danach zustande – oder wurde das gar schon davor gedreht?

Den ersten Teil der „Tatort“-Doppeljubiläumsfolge, die ja meine Ausstiegsfolge war, haben wir im November und Dezember 2019 gedreht. Parallel hatte ich aber schon Kickboxtraining für die Rolle in „Unbroken“, und im Januar ging es schon los mit der etwas anderen Kommissarinnen-Rolle. Da ging wirklich das eine in das andere über.

Beim Dortmunder „Tatort“ haben ja alle Kommissare immer nur einen Ton: schlecht gelaunt bis wütend. In „Unbroken“ dürfen Sie eine ganze Klaviatur spielen – von glückselig bis völlig verzweifelt. Ist das ein Geschenk, eine solche Bandbreite zu spielen?

Ja, absolut. Das ist ein Riesengeschenk, wenn man eine solche Rolle mit so vielen Nuancen spielen darf. Und dann war ich auch in fast jeder Szene der Serie dabei. Am Anstrengendsten bei Dreharbeiten finde ich immer die Wartezeiten. Die hatte ich diesmal aber gar nicht. Im Gegenteil: Manchmal musste ich von einem Set zum anderen rennen. Das ist aber schön, weil man immer auf einem hohen Energielevel bleibt. Und man nicht, wie das sonst oft der Fall ist, stundenlang im Trailer sitzt und nicht weiß, wie man die Zeit überbrücken und dabei in der Energie der Rolle bleiben soll.

Die Rolle in „Unbroken“ war sehr fordernd, auch körperlich, aber vor allem, was das Nervenkostüm angeht. Streift man so eine Extremrolle abends einfach ab wie andere?

Die Rolle hatte etwas komplett Einnehmendes. Durch ihr Trauma und ihren Überlebensinstinkt wird diese Kommissarin eigentlich ununterbrochen von einer treibenden Energie durchflossen. Es gab da nicht einen Moment der Ruhe. Ich hatte gar nicht die Wahl, ob ich mich da ein bisschen reinschmeiße oder sehr stark. Entweder schmeißt du dich komplett rein oder es funktioniert nicht. Als Schauspielerin ist das eigentlich ein Traum. Natürlich war ich an jedem Abend unglaublich müde, aber das hat meinen künstlerischen Hunger gesättigt.

In „Unbroken“ wird der Polizeichef von einem türkischstämmigen Schauspieler verkörpert, was aber erfreulicherweise einmal nicht erklärt wird. Auch Sie hatten früher oft Rollen mit Migrationshintergrund. War das schön, dass das mal keine Rolle spielte? Ändert sich da was im deutschen Film?

Schön, dass es Sie freut, dass das einmal nicht erklärt oder auserzählt wird. Aber allein, dass Sie das so herausstellen und wir über diese Frage immer noch sprechen müssen, zeigt ja leider, dass wir noch nicht da sind, wo wir sein sollten. Es ist noch immer nicht egal, welchen Namen man trägt oder ob man braune oder blaue Augen hat. Ich würde mir wünschen, dass solche Fragen irgendwann gar nicht mehr gestellt werden.

Zuletzt waren Sie auch in internationalen Produktionen zu sehen wie „7500“ oder der Serie „Deep Water“. Gehen Sie dem deutschen Film womöglich langfristig verloren?

Nein, auf keinen Fall! Deutsch ist meine Muttersprache. Und ich bin sehr froh, dass ich in dieses Land hineingeboren wurde und von hier aus auch in andere Länder gehen kann. Deutschland ist meine Basis, sowohl beruflich als auch als Mensch. Das ist wie bei einem Baum: Die Äste wachsen in verschiedene Richtungen, aber die Wurzel kommt ja irgendwoher. Ich bin total gespannt, wie sich der deutsche Film entwickelt. Durch Serien wie „Unbroken“ hat man ja wieder große Lust, in der deutschen Filmlandschaft dabei zu sein. Weil jetzt, wenn auch mit etwas Verzögerung, mehr spannende Frauenfiguren konzipiert werden. Das sieht man auch an der Figur von Paula Beer in „Bad Banks“ oder von Liv Lisa Fries in „Babylon Berlin“. Deutsche Produktionen, bei denen es eine tolle weibliche Kraft gibt und die auch international erfolgreich sind. Solange es solche Angebote gibt, würde ich dem deutschen Film nie den Rücken kehren.

Warum haben sie eigentlich aufgehört beim Dortmunder „Tatort“? Das war ja nach Stefan Konarske der zweite Abgang in kurzer Zeit. Ist die Laune da so schlecht, wie es im Drehbuch steht? Oder waren Sie einfach irgendwann krimi-müde und wollten nicht in einer Schublade landen?

(lacht) Oh nein, das war wirklich nicht der Grund. Wir hatten immer viel Spaß am Set. So schlecht gelaunt, wie wir vor der Kamera sein mussten, so viel haben wir hinter der Kamera gelacht. Zumal meine Kollegen auch alle sehr witzig sind. Das war eine großartige Zusammenarbeit über die Jahre. Für mich persönlich ist es aber wichtig, dass ich mich künstlerisch weiter entwickle. Dass ich über mich hinauswachse und dazulerne, was mein Spiel angeht. Und auch wenn ich beim „Tatort“ viel Spaß hatte, war die Weiterentwicklung meiner Figur irgendwann nicht mehr besonders groß. Und ich wollte neue Herausforderungen. Mir war immer klar, dass das ein Teil meines Lebens sein wird, dass ich mich davon aber auch wieder verabschieden werde. Ich hatte das Gefühl, wir waren an einem solchen Punkt. Deshalb war der Abschied sehr organisch, das hat sich ganz natürlich angefühlt, dass es an anderer Stelle weitergehen muss.

Sie haben letztes Jahr einen eigenen Kurzfilm gedreht, „Phoenix“. Das war bereits Ihr dritter. Überlegen Sie auch mal, einen ganzen Langfilm zu inszenieren?

Das überlege ich nicht nur. Das ist schon in der Planung. Es gibt ein Buch, das ich auf Englisch geschrieben habe und das jetzt bei deutschen Produzenten ein Zuhause gefunden hat. Wir sind gerade in der Finanzierungsphase, ich hoffe, dass wir das bald realisieren können und ich mein Langfilmdebüt geben kann.

Die Frage drängt sich auf: Werden Sie dann nur Regie führen oder auch mitspielen?

Ich werde auch die weibliche Hauptrolle spielen.

Haben Sie sich die auf den Leib geschrieben, vielleicht auch aus Mangel an anderen attraktiven Angeboten?

Nein, diese Erfahrung habe ich eigentlich nie gemacht. Natürlich ist es in einer Serie wie „Unbroken“ viel einfacher, sich ausspielen zu können, weil einem dieser Platz gegeben wird. Aber auch wenn man mal kleinere Rollen spielt, die nicht so viel Platz einnehmen, kann man immer viel aus einer Figur rausholen. Und intensive Erfahrungen machen. Ich habe bei allen Filmen, die ich machen durfte, viel gelernt. Ich hatte ein solches Glück, das waren sehr verschiedene Rollen, bei denen ich immer auf die Suche gehen durfte und mich nie gelangweilt habe. Selbst Stoffe und Figuren zu kreieren, ist eher eine organische Weiterentwicklung.

„Unbroken“: ZDFneo, : Dienstag, 23. Februar, und Mittwoch, 24. Februar, ab 21.45 Uhr je drei Folgen.