Staatsoper

"Ich konnte beobachten, wie meine Kinder aufgeblüht sind"

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Sir Simon Rattle bei einem Konzert auf dem Londoner Trafalgar Square. 

Sir Simon Rattle bei einem Konzert auf dem Londoner Trafalgar Square. 

Foto: Doug Peters / picture alliance / empics

Dirigent Simon Rattle bereitet die Premiere von "Jenufa" an der Staatsoper Unter den Linden vor. Ein Treffen.

Berlin. Über seine Projekte an der Staatsoper Unter den Linden spricht Sir Simon Rattle eigentlich immer gern. Derzeit probt er Janáčeks Oper „Jenufa“, deren Premiere an diesem Sonnabend aber nicht live stattfindet, sondern im Fernsehen auf 3Sat übertragen wird.

Diesmal allerdings war es schwieriger, mit dem in Berlin lebenden Stardirigenten ins Gespräch zu kommen, der möglicherweise in seinem Harmoniebedürfnis nicht allzu viel über seinen Weggang aus London, über den Brexit und die britische Politik reden möchte. Sir Simon wird 2023 vom London Symphony Orchestra (LSO) als Chefdirigent zum Symphonieorchester und Chor des Bayerischen Rundfunks wechseln. In Großbritannien war die Enttäuschung groß, als die Personalie kürzlich bekannt gegeben wurde, während in Deutschland seine Rückkehr bejubelt wurde.

Der Dirigent betont, dass es rein private Gründe hat. „Im vergangenen Jahr haben wir alle eine Art Reset unseres Lebens erfahren“, sagt er: „Ich konnte beobachten, wie meine Kinder aufgeblüht sind, weil meine Frau und ich jeden Tag bei ihnen waren, zu Hause in Berlin. Irgendwann konnte ich mich nicht mehr länger darüber selbst betrügen, dass ein vom Reisen beherrschtes Leben keinen Schaden anrichten würde.“ Das sei einfach zu offensichtlich. Noch bevor die Entscheidung fiel, hatte ihm ein Geiger des Münchner Orchesters einen Plan mit den schnellen Zugverbindungen zwischen Berlin und München kopiert und dazu notiert: „Nicht nur Greta wäre glücklich.“ Ein Hinweis auf die junge schwedische Klimaaktivistin Greta Thunberg.

Sonst belebte Opernkantine schlummert im Halbdunkel

„Mir wurde klar, dass er recht hat“, sagt der international gefragte Künstler: „Wir müssen alle lokaler denken in diesen Zeiten. Berlin ist mein Zuhause. Wenn wir als Familie nach London gezogen wären, wäre es vielleicht anders gekommen. Es sind wunderbare Menschen im LSO, die meine Entscheidung verstehen.“ Er werde mit den Londonern bis zum Ende seiner Karriere weiterarbeiten, sagt Rattle, in Zukunft dann eben nur vier oder sechs Wochen pro Jahr.

Die Staatsoper Unter den Linden ist gespenstig leer, die sonst immer belebte Kantine schlummert im Halbdunkel. An einer Wand hängt ein Monitor, der die hell erleuchtete Bühne zeigt. Leoš Janáčeks „Jenufa“, eine Geschichte über die rigiden Moralvorstellungen einer Dorfgemeinschaft, wird demnach eine moderne Inszenierung sein. Das Gespräch findet aber in einem Probenraum des Hauses statt. Mittendrin klingelt das Handy des Dirigenten. Er wirkt etwas unwillig, dann schaut er aufs Display und ist wie ausgewechselt. Er verlässt den Raum. Einige Minuten später wird er erzählen, dass ihn sein 15-jähriger Sohn angerufen hat. Es ging irgendwie um Mathematik. Sir Simon wirkt zufrieden.

Durch den Lockdown seien wir alle zu kleinen Cyborgs geworden, zitiert Sir Simon einen Bekannten. „Natürlich sind die technischen Möglichkeiten der Kommunikation enorm, aber gleichzeitig sind wir schrecklich isoliert voneinander. Ich hoffe, wenn das alles vorbei ist, können wir etwas von den Schäden wieder gut machen, die die Krise angerichtet hat.“ Normalerweise würden Musiker drei Jahre im Voraus planen. Jetzt ändere sich alles von einer Woche auf die andere. „Wir sind alle Spezialisten im Spielplan-Ändern geworden. Aber ich bin sicher, wir lernen irgendwas aus dieser Krise. Da bin ich optimistisch."

Und dann kommt das Thema noch einmal auf London, wo die Situation seines Orchester eine völlig andere sei. „Im letzten Jahr vor Covid war das Orchester 99 Tage auf Tournee. Können Sie sich diesen Wahnsinn vorstellen? Nur so überleben sie, weil sie nicht subventioniert werden wie hier. Es gibt kein festes Gehalt. Von England aus blickt man mit großem Erstaunen auf die Initiativen, die es in Deutschland gibt, um die Künstler zu unterstützen. Das ist pure sience fiction für uns.“ Die Motivation, die Künste zu unterstützen, sei in England eine andere als hier. „Der Minister of Culture sagte mir mal in einem kleineren Rahmen, es sei wunderbar, dass die Künste in England nicht subventioniert würden wie in Deutschland, weil sie das überlebensstärker und kommerzieller gemacht habe. Das Schlimme ist: Das glaubt er wirklich.“ Aber es stecke natürlich auch ein Stückchen Wahrheit drin. „Wir werden hier als Künstler quasi in der business class geboren, in einem Bett voller Daunen. Aber das bedeutet nicht, dass das Gegenteil besser wäre."

Die Aufführungen gehören zur mentalen Gesundheit

In Rattles Berliner „Jenufa"-Produktion sollte man jetzt vor allem auf die starke Frauenbesetzung achten. Die Titelrolle singt Camilla Nylund, Hanna Schwarz die alte Buryjovka und Evelyn Herlitzius die Küsterin. Damiano Michieletto führt die Regie. „Spielen zu können, ist für alle Musiker und Sänger mittlerweile bereits zu einer Frage der mentalen Gesundheit geworden", sagt Simon Rattle: „Wenn man auf den Plänen immer nur liest ,keine Vorstellung', dann kann es sehr dunkel um einen werden.“ In so einer Situation gäbe es auch keinen Ärger mehr, fügt der Dirigent hinzu, niemand habe einen Wutanfall, niemand spiele die Diva, alle wollen nur, dass es funktioniert.

Regisseur Damiano Michieletto und er hätten irgendwann entschieden, „nicht länger so zu tun, als sei dies eine normale Aufführung. Wir haben aufgehört, auch nur darüber nachzudenken, ob wir den Chor auf die Bühne bringen können. Stattdessen benutzen wir das Auditorium, wo die Choristen wie Zeugen des Geschehens platziert sind. Wir nutzen das ganze Haus, das ganze Haus singt.“ Und bei der dysfunktionalen Familie der „Jenufa“ störe es auch nicht, dass sich die Sänger auf der Bühne nicht nahekommen dürfen. „Man hat ohnehin den Eindruck, dass sie einander umbringen würden, wenn sie sich näherkämen."

Was auch immer Sir Simon in London und München an Konzerten plant, „auf jeden Fall werde ich weiterhin Oper in Berlin dirigieren."

Premiere auf 3Sat am 13. Februar um 20.15 Uhr