Porträt

Dirk Kummer: „Wir müssen viel diverser werden“

| Lesedauer: 8 Minuten
Peter Zander
Regisseur Dirk Kummer

Regisseur Dirk Kummer

Foto: ARTE/BR/kineo/cinemanegro/Frédéric Batier

Damit schreibt er Filmgeschichte: Dirk Kummer hat mit „Herren“ den ersten deutschen Film nur mit Schwarzen in den Hauptrollen gedreht.

An diesem Mittwoch wird deutsche Filmgeschichte geschrieben. Und nicht etwa auf der großen Leinwand, sondern im Fernsehen, dem man ja sonst wenig Wagemut attestiert. Doch nun strahlt die ARD zur besten Sendezeit, „Herren“ aus, den ersten deutschen Film, in dem ausschließlich schwarze Schauspieler die Hauptrollen spielen. Das Ganze ist nicht, wie so oft, ein erdschwerer Problemfilm, sondern eine Komödie, wenn auch mit sozialkritischen Tönen. Vor allem aber müssen die Darsteller, die in Deutschland geboren sind und ihre Heimatsprache entsprechend tadellos sprechen, hier einmal nicht mit starkem Akzent spielen.

Regie führte Grimme-Preisträger Dirk Kummer, der im vergangenen Jahr mit der RBB-Serie „Warten auf’n Bus“ einen Überraschungshit landete. Es war gar nicht so einfach, diesen Film zu besetzen. Die Produktion hat sämtliche Casting-Agenturen des Landes bemüht, wen es da überhaupt gebe. Als Kummer die Schauspieler dann kennenlernen durfte, erzählten sie ihm, was sie sonst so spielen würden: meist in Krimis - und eben mit gebrochenem Akzent. Solche Rollten wie in „Herren“ hat man ihnen noch nie angeboten.

Liebevolle Hommage an das Berliner „Café Achteck“

„Herren“ wird als „Großstadtkomödie“ angekündigt, da könnte man Skurrilitäten und Absonderlichkeiten des männlichen Geschlechts erwarten. Der Titel ist aber wörtlich zu verstehen: „Herren“ spielt – auf dem Herrenklo. Der Jamaikaner Ezequiel (Tyron Ricketts), der seinen Job als Capoeira-Lehrer verloren hat, meldet sich auf eine Stellenanzeige, in der es vermeintlich um Denkmalschutz geht. Tatsächlich aber landet er in einer Brigade für Denkmalhygiene – und muss öffentliche Toiletten reinigen.

Nicht eben das, was er sich als „ehrenhaftes“ Leben vorstellt. Aber bei seinen allnächtlichen Putzaktionen lernt Ezekiel eine neue Solidarität kennen. Und mit diesem Film erhält man einen seltenen Einblick, wie schwarze Mitmenschen in der Gesellschaft leben und verankert sind. Auch mit ironischen Seitenhieben, mit Roberto-Blanco-Schlagern und einem schwarzen Gartenzwerg.

Der Film basiert auf „Gents“, einer literarischen Vorlage aus Großbritannien, wo Minderheiten wie Schwule und Neonazis sich auf einem öffentlichen Klo „bekämpfen“ – und dazwischen jamaikanische Klomänner putzen. Der Stoff war gar nicht so leicht auf deutsche Verhältnisse zu übertragen. Nicht, dass es hier keine Minderheiten gebe, keine Ausgrenzung oder Jobs, die sonst keiner machen will. Das Problem war nur: Es gibt kaum noch Toiletten im öffentlichen Raum. So kam man in Berlin auf die letzten „Cafés Achteck“, die tatsächlich unter Denkmalschutz stehen.

Beim Filmfest in Baden-Baden sorgte der Film für einen Eklat

Der Film kommt genau zur rechten Zeit, nach der Black-lives-Matter-Bewegung in den USA und der Rassismusdebatte, die sich damit auch in Deutschland entzündet hat. Wie sorglos und unreflektiert man auch hierzulande mit dem ganz alltäglichen Rassismus umgeht, das zeigte gerade erst wieder die WDR-Talkshow „Die letzte Instanz“ Ende Januar, als ausschließlich weiße Gäste wie Thomas Gottschalk sich über Rassismus unterhielten, obwohl sie noch nie mit dem Problem zu tun hatten, und sich um Kopf und Kragen redeten. „Vielen“, meint Kummer, „ist gar nicht bewusst, was sie so reden.“ Nach der Sendung hagelte es Kritik in den sozialen Medien.

Einen Eklat gab es freilich auch bei „Herren“. Der Film wurde zwar bei den Biberacher Filmfestspielen 2019 als Bester Fernsehfilm ausgezeichnet. Beim Fernsehfestival in Baden-Baden im November 2020 aber versuchte die öffentliche Jury in einer Diskussion das Thema zu umgehen und verhedderte sich dabei regelrecht in rassistischen Formulierungen. Ein zusammengeschnittener Clip über die Jury-Sitzung, der noch immer auf dem Instagram-Account von Hauptdarsteller Tyron Ricketts zu finden ist, machte dann viral die Runde. Und löste einen Shitstorm aus. Die Jury entschuldigte sich zwar im Nachhinein. Aber nicht etwa auf 3Sat, wo die Diskussion ausgestrahlt wurde, sondern bloß auf Instagram, wo man sie erwischt hatte. Was Kummer ziemlich dürftig findet.

Aber wie hält man es nun mit der Sprachregelung? Ist es schon rassistisch, von Schwarzen zu sprechen? „Ich mache das nicht mehr“, sagt Kummer. „Tyron Ricketts meint, dass Schwarze untereinander sich selbst als Schwarze bezeichnen. So wie ja auch wir Schwule uns schwul genannt haben, als man das noch als Schimpfwort benutzt hat.“ Für den Regisseur gibt es aber momentan kein Wort. „People of Color finde ich auch schwierig. In der Fotografie, in der Malerei und für mich ist Weiß auch eine Farbe. Da wäre ich auch ,Person of Color’.“

Kummer, Jahrgang 1966, der erst als Schauspieler bekannt geworden ist, 1989, in der Nacht des Mauerfalls, in Heiner Carows Defa-Schwulenfilm „Coming-Out“, hat mit Diskriminierung durchaus selbst Erfahrungen gemacht. Als Schwuler. Und als Ossi. Da ging es nie über Äußerlichkeiten. Hautfarbe aber ist sichtbar. Durch „Herren“ und die Arbeit mit seinen Schauspielern hat er gelernt, dass man da jeden Tag aufs Neue von anderen als anders angesehen wird. Und wie sehr Rassismus in der Sprache noch verwurzelt ist, hat er dabei selbst erfahren müssen: „Am Ende der Dreharbeiten habe ich den Schauspielern mal gesagt, dass sie mir den ,Schwarzen Peter’ zuschieben. Da haben mich Tyron Ricketts und Mizrajim Komi Togbonou fassungslos angesehen und meinten: Das hast du jetzt nicht gesagt!“ Das ist Kummer heute noch peinlich.

„Als Weißer bin ich auch Person of Color“

Im deutschen Film ist man gewöhnlich schon stolz, wenn mal ein türkischstämmiger Schauspieler eine Hauptrolle spielt. Oder eine Rolle ohne Migrationshintergrund. Kummer greift sich da durchaus an die eigene Nase.

„Wir fördern eine gewisse Form von Rassismus in unseren Filmen. Weil wir immer eine Begründung dafür liefern müssen, wenn jemand mal anders aussieht: Wo kommt der her, was sind das für soziale Hintergründe? Damit aber unterstreicht man ja diese Vorurteile: Der kommt daher, deshalb muss er so sein.“ Gerade habe er mit Adele Neuhauser und Sibylle Canonica gedreht, die sprechen mit österreichischem und Schweizer Akzent. Damit habe niemand ein Problem. „Aber wenn jemand eine dunklere Hautfarbe hat, dann wird das eins. Deutschland wird aber immer diverser. Da können wir irgendwann gar nicht mehr von ,den Deutschen’ sprechen.“

Der Sender hat sehr gekämpft, dass der Film wurde, wie er ist

Inzwischen gibt es auch internationale Filme wie „David Copperfield“ oder Serien wie „Bridgerton“, in denen explizit „farbenblind“ besetzt wird. Aber selbst wenn man lobend hervorhebt, dass hier nicht zwischen Schwarzen und Weißen unterschieden wird, gibt es wieder welche, die meinen, das dürfe man so nicht sagen. „Das zeigt, wo wir als Gesellschaft momentan stehen“, meint Kummer. „Dass wir es als Problem zwar erkannt haben, aber noch keine Begrifflichkeit dafür haben.“ Genau damit müsse man sich auseinandersetzen. „Vielleicht müssen wir aufhören, immer zu kategorisieren: Männlich, weiblich, homo, hetero, schwarz, weiß.“ Damit bewerte man Menschen ja auch immer, packe sie in Schubladen. „Vielleicht würde es unserer Gesellschaft ganz gut tun, wenn man damit mal aufhört - und schaut, was dann noch übrig bleibt.“

„Herren“ kommt allerdings erst jetzt ins Fernsehen – obwohl er schon 2019, noch vor „Warten auf’n Bus“, realisiert wurde. Ist das Fernsehen da vor seinem eigenen Wagemut zurückgeschreckt? Nein. „Die Verantwortlichen beim Bayerischen Rundfunk haben sehr gekämpft, dass es diesen Film gibt und wir ihn genauso drehen konnten“, sagt Kummer. „Ich glaube dennoch, dass da noch einiges zu tun ist.“ Es reicht nicht, wenn in ,Charité’ eine diverse Krankenschwester zu sehen ist. Ein bisschen Diversität reicht nicht aus.“

„Herren“: ARD, 10.2., 20.15 Uhr