Claudia Michelsen stammt aus Dresden und erhielt ihre Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch" in Berlin. Im "Polizeiruf 110" aus Magdeburg spielt sie Hauptkommissarin Doreen Brasch. Wir haben mit ihr über die Schauspielerei, ihre Verbindung zu Ostdeutschland und ihren Blick auf den Polizeiberuf gesprochen.
Berliner Morgenpost: In Ihrem neuer “Polizeiruf” gerät Kommissarin Doreen Brasch in eine Extremsituation. Als Zuschauerin fällt es mir ehrlich gesagt schwer, Szenen anzusehen, in denen Frauen gequält werden. Wie geht es Ihnen?
Claudia Michelsen: Ich denke, das sollte normal sein, dass es Ihnen schwer fällt, sich dem auszusetzen. Mir geht es auch so. Die Geschichte ist an einen tatsächlichen Fall angelehnt. Es gab dieses Paar, und Gewalt an Frauen gibt es jeden Tag. Trotzdem ist es ja immer noch ein Film, eine Geschichte, ein Krimi, den wir hier erzählen.
Berührt es Sie anders, solche Szenen zu drehen?
Natürlich sind solche Szenen anders emotional. Aber im Gegensatz zu einem echten Opfer weiß ich ja vorher, dass Brasch sich am Ende wehren kann und wird. Es greift mich an, es reißt mich emotional aber nicht komplett weg, am Ende geht es um Handwerk. Da bin ich zu sehr Ernst-Busch-Schülerin. Man steigt ein in solch eine Geschichte, und dann steigt man auch wieder aus, wenn es im besten Falle gut erzählt und im Kasten ist.

Gab es in Ihrer Karriere Szenen in Drehbüchern, die Sie nicht drehen wollten, weil es Ihnen zu extrem gewesen wäre?
Nein, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, vielleicht habe ich es auch verdrängt, wer weiß. Diese Geschichte hier war jedenfalls seit Langem die intensivste. Wenn ich etwas ablehne, dann liegt es eher an den Rollenmustern. Wenn ich zum dritten Mal eine Frau angeboten bekomme, deren Kinder verschwunden sind, dann kann ich nichts Neues mehr beisteuern. Es interessiert mich eigentlich, in Extreme zu gehen. Und da geht es natürlich nicht um Brutalität. Auch Caterina Schöllack aus der Ku'Damm-Reihe ist in gewisser Weise extrem in ihrer Strenge.
Wie gelingt es, mit der gleichen Figur nach sieben Jahren immer wieder etwas Neues zu erzählen?
Ich habe große Freude an dieser Figur. Ich hänge an der Brasch, weil ich das Gefühl habe, man kann mit ihr noch ein paar Runden drehen. Das ist ein bisschen wie in einer guten Beziehung. Man entwickelt sich zusammen weiter. Im besten Falle natürlich zum Guten. Dazu braucht es natürlich immer wieder starke Geschichten, ohne das kommen wir beide auch nicht weiter. Die Geschichte ist der Hauptdarsteller und Brasch die Gastgeberin.
Sylvester Groth, mit dem Sie als Kommissarenteam gestartet sind, sah das offensichtlich anders. Er hat den “Polizeiruf” verlassen, weil es ihm zu sehr um das Privatleben seiner Figur ging…
Ja, leider. Da gab es tatsächlich mal eine Phase, da wurde tiefer in das Leben der Charaktere eingetaucht. Damals wurde Drexler extrem privat erzählt, da ging es um seine Beziehung zu einem Mann, das ging emotional sehr weit. Wenn die Brasch ein Verhältnis hat, dann nimmt sie sich das und fertig. Das ist bis dato meistens etwas trockener, aber auch da gibt es natürlich private Momente der Figur. Sylvester ist mein bester Freund, und Brasch und ich haben schon manchmal Sehnsucht nach der Verschrobenheit des Drexlers. Aber ich verstehe, dass das für ihn vielleicht zu weit ging und es eine Notwendigkeit oder eben auch ein Grund war zu gehen.
Haben Sie damals überlegt, auch aufzuhören?
Nein, das war keine Option. Aber es war schwer, sich aus diesem Keller wieder herauszubewegen. Alles musste neu sortiert werden. Das ist wie in Beziehungen, Brasch hat nun schon mehrere Verluste erlitten, wie im echten Leben. Und im besten Falle wächst man daran und lernt.

Sie sind in Dresden geboren. Spüren Sie aufgrund Ihrer Biografie eine besondere Verbindung zum Osten oder wären Sie auch in München Kommissarin geworden?
München ist schön, aber die Verbundenheit zum Osten und dessen Menschen kann ich natürlich nicht leugnen. Ich komme bald auf ein Jahr Lebenszeit, das ich bisher in Magdeburg verbracht habe. Ich bin sehr gerne dort. Durch Magedeburg fließt die Elbe, für mich der schönste Fluss Deutschlands. Ich komme aus Dresden, auch eine Station der Elbe. Viele Jahre habe ich mich nicht wirklich mit meiner Herkunft beschäftigt, aber vielleicht liegt das auch am Alter, dass man es jetzt erst tut. Aber vielleicht war ja einfach auch nur lange kein Raum dafür.
Sie meinen, die eigene Geschichte wurde nach der Wiedervereinigung weggeschoben?
Ich glaube schon. Man musste erst mal mit diesem neuen System klarkommen. Kapitalismus, freie Marktwirtschaft: Was heißt das eigentlich? Wie geht das?
Glauben Sie, der Identitätsverlust, den Sie beschreiben, ist die Ursache für die Probleme, die der Osten heute hat?
Ja, auch. Aber ich glaube, dass es eher damit zu tun hat, dass versäumt wurde, die Menschen wirklich abzuholen. Was entsteht aus Existenzangst? Hilflosigkeit und Wut. Und dann Hartz IV, der schlimmste Fehler der vergangenen 20 Jahre. Zweiklassengesellschaft. Ich bin der „Arche“ sehr verbunden. Ich kann nur jedem empfehlen, die Bücher von Bernd Siggelkow und Wolfgang Büscher zu lesen, dann weiß man, was Realität ist. Und das in einem Land wie Deutschland, wo sich viel um die Deutsche Bahn und Fluggesellschaften gekümmert wird, wo aber einfach die Mehrheit unserer Kinder massiv auf der Strecke bleibt, und inzwischen auch Selbstständige und unzählige Künstler und Veranstalter…
Das ist vor allem derzeit ein Problem ...
Die meisten von uns haben keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, obwohl wir Jahrzehnte dafür eingezahlt haben. Man darf in den meisten Fällen sofort Hartz IV beantragen, muss aber seine kompletten Finanzen offenlegen. Wenn man also 60 ist und sich ein bisschen was zurückgelegt hat, dann braucht sich das jetzt auf. Und noch einmal, das sind Menschen, die ihre Sozialabgaben über Jahre gezahlt haben. Wir haben eine Ausnahmesituation, also brauchen wir auch Ausnahmeregelungen. Ich bin sprachlos ob dieser Ignoranz. Warum ist es nicht möglich, dass Kulturschaffende und Freiberufler wenigstens für diese Zeit ein bedingungsloses Grundeinkommen bekommen?
Ist der Job für Sie dennoch alternativlos, weil er eben mit so viel Herzblut verbunden ist?
Ich habe immer gedacht, wenn es nicht mehr gut läuft, mache ich etwas anderes. Wenn ich das Gefühl habe, dass die Zuschauer irgendwann keinen Spaß an mir haben oder wenn die Nachfrage nachlässt, dann werde ich mich anderen Dingen widmen.
Hat sich Ihr Blick auf den Polizeiberuf verändert, seitdem Sie TV-Kommissarin sind?
Ich glaube, es ist ein sehr harter Beruf. Ich habe großen Respekt vor den Kollegen der Polizei. Natürlich sieht die echte Polizeiarbeit nochmal anders aus, aber so ist das nun mal mit dem Film. Die Geschichten erfordern manchmal andere Erzählweisen. Aber sicherlich gab es schon den einen oder anderen Moment, einer Ahnung von der Belastung, den dieser Beruf auch mit sich bringt.
Polizeiruf 110: Der Verurteilte", 27.12., 20:15 Uhr, das Erste



