Was für ein Cliffhanger, was für ein Knaller, mit dem der erste Teil der „Tatort“-Jubiläumsdoppelfolge vergangenen Sonntag abrupt endete. Die Dortmunder Kommissare, verstärkt um die Münchner, die in ihrem Revier aufkreuzten, überredeten eine Ehefrau, ihren Mann auszuhorchen, um mafiotische Strukturen aufzudecken.
Doch die Kriminellen bekamen das spitz, und der Gatte Luca Modica (Beniamino Brogi) wurde vor die grausige Wahl gestellt, dass seine ganze Familie ausgelöscht wird, wenn er nicht seine Frau umbringt. Was er denn auch tat. Ein Schock für die Zuschauer, der sich noch potenzierte, weil Kommissarin Dalay (Aylin Tezel) daraufhin den Dienst quittierte. Weil sie sich schuldig fühlte.
Es gab in allen 50 Jahren des „Tatorts“ erst drei Doppelfolgen, und zwei von ihnen wurden kurz hintereinander gesendet. Diesmal musste man eine lange Woche warten, wie es weitergeht. In Teil Zwei von „In der Familie“, nun nicht mehr von Dominik Graf, sondern von Pia Strietmann inszeniert, ist alles anders.

Modica ist mit seiner Tochter Sofia (Emma Preisendanz) und dem Mafioso Mauro (Emiliano De Martino), der ihnen das alles eingebrockt hat, untergetaucht. In München, wo Mauro ja herkam. Dort werden sie von der Mafia gezwungen, schmutzige Handlangerdienste zu verrichten. Etwa einen Baudezernenten einzuschüchtern, um illegal an Bauverträge heranzukommen, mit denen Drogengelder gewaschen werden. Auch die erst 17-jährige Tochter wird dazu gezwungen.
Doch der aggressive Mauro übertreibt es dabei einmal mehr. Der Baudezernent stirbt. Die Münchner Kommissare Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) finden bald eine Spur zu dem schief gelaufenen Fall in Dortmund. Derweil versucht Sofia, die noch immer nicht weiß, was mit ihrer Mutter geschehen ist, diese anzurufen. Deren Handy aber überwacht der Dortmunder Kommissar Faber (Jörg Hartmann), der nach der Ortung in München aufkreuzt. Und den Kollegen vor Ort sofort und wie üblich übelst gelaunt in die Ermittlungen pfuscht.
Ein fatales Drama, fast wie in einer antiken Tragödie
Schauplatz, Tonart, Stimmung: Alles ist anders als im ersten Teil. Verzweifelter, auswegloser. Die Kommissare – diesmal nur noch drei, nicht mehr sechs – geraten offen aneinander. Und Drehbuchautor Bernd Lange geht es noch weniger um einen Krimi als um ein fatales Familiendrama, wie in einer antiken Tragödie.

Sofia und ihr Vater sehen mit neuen Frisuren nicht nur ganz anders aus, sie wirken wie ausgelöscht, wie tot. Vor allem die erst 18-jährige Emma Preisendanz ist eine ganz andere Figur, nicht mehr der freche Teenager, sondern eine allzu früh erwachsen und hart gewordene Frau. Die mehrfach Reißaus nehmen will aus den tödlich-mafiotischen Strukturen.
Von Drogen und Kleinkriminellen wechselt der Fall ins Großbürgerliche zu noch schmutzigeren Immobiliendeals. Mauro, der sich in Teil Eins noch als der große Pate aufgespielt hat, erweist sich hier als lächerlich kleine Nummer. Ganz andere haben die Flüchtenden in der Hand.
Ein echtes Highlight zum Jahresende
Noch eine Familie, um den scheinbar unbescholtenen Consultingberater Paladio (Paolo Sassanelli), der Befehle direkt aus Kalabrien erhält und sich den Ermittlern stets überlegen wähnt. Doch auch diese zweite Familie wird in den Sog dieses Dramas gerissen.
Keine Frage, mit dieser Doppelfolge hat die ARD einen wirklichen Coup gelandet. So packend, so eindringlich und intensiv sind selbst die besten „Tatort“-Folgen selten. Ein echtes Highlight zum Jahresende. Und eine hohe Messlatte für das nächste „Tatort“-Jahr.
„Tatort: In der Familie“: ARD, heute, 20.15 Uhr


