Theater

Gefangen im Puppenheim: Eine grandiose „Maria Stuart“ am DT

Ein letztes Ach, dann geht das Licht aus: Anne Lenks grandiose „Maria Stuart“, die letzte Theaterpremiere vor dem erneuten Lockdown.

Keiner kann aus seiner Haut heraus: Franziska Machens, hier mit Puppenkopf, als Maria Stuart, die Vasallen und Galane drumherum.

Keiner kann aus seiner Haut heraus: Franziska Machens, hier mit Puppenkopf, als Maria Stuart, die Vasallen und Galane drumherum.

Foto: Sebastian Gabsch/PA / Geisler-Fotopress

Was für ein Bühnenbild! So einfach, so schlicht und streng. Und doch: wie verspielt, wie vielschichtig und assoziationsreich. Einen riesigen Setzkasten hat Bühnenbildnerin Judith Oswald für Anne Lenks „Maria Stuart“-Inszenierung auf die Bretter des Deutschen Theaters gewuchtet. Ein einfaches Holzgehäuse mit elf unterschiedlich großen Zellen, in denen die Figuren fast durchgängig alleine sind. Zwar miteinander kommunizieren, aber immer durch Wände getrennt.

Das Konzept hat sich Anne Lenk während des Lockdowns ausgedacht, und natürlich nimmt es direkten Bezug auf diese globale Ausnahme-Erfahrung. Das erforderliche Hygienekonzept ist hier listig gleich zur Dramaturgie erhoben worden. Keine Kontakte. Der Abstand bleibt stets gewahrt. Kein Spreader möglich.

Der Klassiker als Zoom-Konferenz

Sofort muss man bei diesem Anblick an eine Zoom-Konferenz denken, die neue Form der Kommunikation, mit der wir alle umzugehen haben lernen müssen, aber auch an Quarantäne und häusliche Isolation. Oft wird nur eine oder werden zwei Zellen grell beleuchtet. Je nachdem, welche Figur in welcher Szene auftritt. Der Rest ist Dunkel.

Aber über diese nahe liegenden Parallelen hinweg: Wie bringt Anne Lenk mit dieser fast minimalistischen Inszenierung den Schiller auf den Punkt. Der sattsam bekannte Widerstreit von Maria Stuart, der Königin aus Schottland, mit Elisabeth I, auf deren Thron sie Anspruch stellt, dieser Krieg zweier Frauen in einem Umfeld voller feindlich gesinnter Männer, in denen sie noch Verbündete hätten sein können, hätten sein müssen. Und doch Rivalinnen bleiben und von ihren männlichen Schranzen dazu getrieben werden.

Zur Queen muss man wirklich aufschauen

Maria Stuart ist schon gleich anfangs tief gefallen. Sitzt in ihrem Kerker in der zweiten Zelle von links. Weißes Kleid, weißes Haar, gepudertes Gesicht. Noble Blässe, aber auch eine gespensterhafte Albina, die schon lange im Kerker sitzt, die schon lange kein Licht mehr gesehen hat. Und gerade noch aufrecht stehen kann in ihrer Zelle, aber doch stets Gefahr läuft, sich den Kopf anzuhauen. Franziska Machens gibt sich in dieser Rolle so gar nicht königlich, gar nicht „standesgemäß“. Im Gegenteil, sie zieht Grimassen, äfft nach, bricht mit allen Rollenbildern. Und hält die Form nur mit ihresgleichen, also Elisabeth, der Königin von England, ein.

Die haust über ihr, im Zentrum und größten Raum. In den vorderen Zuschauerreihen muss man schon ganz schön untertänig zu ihr aufschauen. Der Zentralstern dieses Universums, aber auch eine Spinne in ihrem Netz. Julia Windischbauer muss einem als Queen anfangs ziemlich leid tun. Sie trägt einen überdimensionierten Pappmaché-Kopf. Eine Puppe, ein Holzkopf, eine Marionette ohne Strippen? Vor allem eine Frau der Öffentlichkeit, die immer ihre Rolle, ihr Gesicht zu wahren hat. Und lange nicht ihr wahres Gesicht zeigt.

Die Männer kreisen wie Satelliten um den Zentralstern

Drumherum lauter Männer ohne festen Raum, die wie die Satelliten um den Zentralstern kreisen, die von allen Seiten Einfluss nehmen wollen und je nachdem, ob sie gerade in der Gunst stehen, mal ins obere Stockwerk aufsteigen dürfen oder wieder unten ankommen oder wieder ganz unten sind. Mortimer, Marias Liebhaber, den Jeremy Mockridge herrlich als lächerlich zappelnden 80er-Jahre-Popper gibt, Graf von Leicester, Elisabeths Galan, den Alexander Khuon als schwärmerischen, aber machtlosen 70er-Jahre-Softie anlegt. Und schließlich Baron von Burleigh (Enno Trebs), der mit toxischer Männlichkeit Fakten schafft. Lauter Alphamännchen, die schwärmen, toben, aufbegehren, auch mal gegen die Wände schlagen. Aber doch nie ins Zentrum gelangen.

Nur zweimal darf Maria aufsteigen und in der großen Zelle stehen. In der einzigen Szene, in der die beiden Frauen aufeinandertreffen, was in Wahrheit ja nie geschehen ist, aber in keinem Stuart-Drama fehlen darf. Dafür wird auch fast das Kontaktverbot des Stücks aufgehoben. Und doch kommen sich die beiden nie nahe. Und ein letztes Mal darf die Stuart nur in das Zentrum, um vors Fallbeil zu treten. Da zieht denn auch sie sich einen Pappmaché-Kopf auf, ein „öffentliches Gesicht“, eine Fassade. Der übergroße Kopf, der rollen muss.

Maria Stuart klagt auch Angela Merkel an

Anne Lenk sagt uns durch diese Inszenierung auch viel über den heutigen Politikbetrieb. Wo keiner aus seiner Position, aus seiner Haut raus kann. Und über die Blase, in der Entscheidungsträger sitzen, das beschränkte Umfeld, das sie wahrnehmen, die Verengung des Blicks, der daraus resultiert. Als Elisabeth Marias Todesurteil unterzeichnet, macht Windischbauer auch mal ganz kurz, fast kaum wahrzunehmen, die Merkel-Raute. Ein klarer Seitenhieb.

Auch das Deutsche Theater hat doch alles getan, um den strengen Sicherheitsvorkehrungen zu entsprechen. Und Anne Lenk hat alles darauf abgestimmt: Schillers langes Drama auf zweieinviertel Stunden ohne Pause reduziert und das reichliche Personal auf acht Figuren zusammengestrichen. Doch ihre Inszenierung, die den ersten Lockdown verarbeiten wollte, darf jetzt gerade noch Premiere feiern, dann muss der Kulturbetrieb schon wieder herunterfahren.

Der bittere Vorwurf von Maria Stuart an Elisabeth: „Ihr habt an mir gehandelt, wie nicht recht ist“, er wird auch zur Klage der Kulturbranche an die Regierung. Wohl auch deshalb wird am Ende länger als üblich geklatscht. Aber ein letztes „Ach“, von Maria Stuart gehaucht, und das Licht wird ausgeknipst.

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte. 28441 234. Termine: 31.10. und 1.11 (ausverkauft). Der Spielplan für Dezember wird voraussichtlich Ende nächster Woche erstellt.