Fernsehen

Max und Moritz und die Nazis: „Schatten der Mörder“ im ZDF

Wie kann man „Inglourious Basterds“ toppen? Mit Wilhelm Busch. Diese Trümmerberlin-Serie ist die Antwort des ZDF auf „Babylon Berlin“.

Schatten der Mörder - Shadowplay 

Schatten der Mörder - Shadowplay 

Foto: Stanislav Honzik / ZDF und Stanislav Honzik

Nazis jagen und ihnen ihren Hass und ihre Grausamkeit mit gleicher Münze zurückzahlen: Dieser Erlösungsfantasie hat Quentin Tarantino schon in seinem oscar-gekrönten Kinofilm „Inglourious Basterds“ mit Lust gefrönt. Wie soll man das noch toppen? Die internationale Serie „Schatten der Mörder – Shadowplay“ macht es vor: indem man es mit „Max und Moritz“ kreuzt, jener berühmten, ur-deutschen Bildergeschichte von Wilhelm Busch, dem Vater aller Comics. Und so brachial, wie die bösen Buben darin brave Bürger traktierten, werden hier Hitlers willige Schergen gerichtet.

Es ist gerade mal ein paar Tage her, dass die dritte Staffel „Babylon Berlin“ in der ARD zu Ende ging, da antwortet das ZDF mit dieser neuen Berlin-Serie, die nicht am Ende der Weimarer Republik spielt, sondern direkt nach Kriegsende. Als Schauwert fällt die Stadt damit aus, hier werden keine berühmten Ecken ausgestellt. Hier gibt es nur Trümmer und Ruinen. Und als ein ahnungsloser Amerikaner einmal nach dem Weg fragt, wird nur verständnislos der Kopf geschüttelt. Auch Straßen gibt es nicht.

An jeder Ecke sieht man, dass nicht in Berlin gedreht wurde

Es ist eine sehr verwegene Geschichte, die sich der schwedische Regisseur und Autor Mans Marlind („Die Brücke“) da ausgeheckt hat. Die in vier Sektoren zerteilte Stadt ist ein rechtsfreier Raum und nicht nur wegen der Sommerhitze aufgeladen.

Ausgerechnet ein Polizist aus New York, Max McLaughlin (Taylor Kitsch), wird vom US-Konsulat angefordert, um dort eine funktionierende Polizei und sowas wie Recht und Ordnung aufzubauen. Die Wache, so muss der frisch Eingetroffene erkennen, ist in einem zerstörten Casino einquartiert, der Geldtresor dient als Verhörraum. Und die Ordnungshüter bestehen nur aus einem schwachen Häuflein von Frauen und Waisen, angeführt von der resoluten Elsie Garten (Nina Hoss).

„Schatten der Mörder - Shadowplay“: der Trailer zum Mehrteiler

Dabei stellt das Verbrechenspotenzial anno ’46 das von „Babylon Berlin“ bei weitem in den titelgebenden Schatten. Russische Soldaten erschießen unliebsame Deutsche. Amerikanische GIs vergewaltigen deutsche Fräuleins. Und ein dubioser Arzt (Sebastian Koch), der von allen nur „Engelmacher“ genannt wird, hilft den Vergewaltigten erst mit Abtreibungen – und instrumentalisiert sie dann für seine eigenen kriminellen Zwecke.

Irgendwann bespitzelt jeder jeden

Gut und Böse verschwimmt hier permanent. Denn auch Elsie und ihr Team werden von allen Seiten erpresst. Alle haben hier mit Schatten und Dämonen zu kämpfen, alle führen eigene Kriege. Und irgendwie bespitzelt jeder jeden und macht sich irgendwie schuldig. Da kann man schon mal den Überblick verlieren.

Als wäre das noch nicht genug, ist auch der aufrechte New Yorker noch aus einem anderen Grund in der Stadt. Er sucht nach seinem Bruder Moritz (Logan Marshall-Green), der als Soldat das KZ Dachau befreit hat, danach verschwunden ist – und nicht auf die gerade beginnenden Nürnberger Prozesse hofft, sondern in der ehemaligen Reichshauptstadt einen ganz persönlichen, sadistischen Rachefeldzug gegen Alt-Nazis startet.

Dass die Brüder Max und Moritz heißen, ist eine fast schon zu aufdringliche Metapher. Und dann zerrinnen im Vorspann nicht nur Blutspuren zu den Max-und-Moritz-Bildern, es werden auch immerzu Buschs Knittelverse zitiert, mit denen ganze Generationen aufgewachsen sind und die sie auch mitsprechen können: „Ach was muss man oft von bösen / Buben hören und auch lesen“.

Bei der aufwändigen kanadisch-schwedisch-französisch-deutschen Koproduktion spielen deutsche Stars wie Nina Hoss und Sebastian Koch und Newcomerin Mala Emde, die gerade auch im deutschen Oscar-Kandidat „Und morgen die ganze Welt“ im Kino glänzt, neben US-Größen wie Taylor Kitsch oder Michael C. Hall („Dexter“). Und alle, Besatzer wie Besetzte, sprechen dabei ihre eigene Sprache, ein einziges Sprachengewirr, das den Namen Babylon Berlin eigentlich redlich verdient hätte.

Das babylonische Sprachengewirr aufgelöst

In der Fassung, die das ZDF an vier aufeinander folgenden Abenden ausstrahlt, geht das leider verloren, weil alles synchronisiert wurde. Da muss ein Russe dann mit besonders hartem Akzent sprechen und Nina Hoss kräftig balinern. Astreines Hochdeutsch spricht hier nur – der Zugereiste aus New York. Man sollte den Achtteiler daher besser in der ZDF-Mediathek ansehen. Dort kann man auch das Original mit Untertitel anwählen.

Aber nicht nur die Synchronfassung schmälert die Freude an dieser Serie. Und nicht nur die in diesen Mangeljahren überraschend makellos gekleideten und frisierten Figuren. Man kann auch keinem Berliner weismachen, dass die Serie in Berlin spielt. Kein Wahrzeichen der Stadt ist zu sehen, nicht mal ein ramponiertes. Gedreht wurde vielmehr in Prag, wobei viele Trümmer als Kulissen gebaut wurden und andere computertechnisch ergänzt wurden.

Bomben- und Logikkrater

Viele Szenen spielen aber auch in riesigen Hallen und Sälen, die wundersamerweise vom Bombenkrieg verschont blieben und dem zumindest architektonisch eher bescheidenen Preußen weit weniger entsprechen als den mondänen Kaffeehäusern Prags. Für ein internationales Publikum mag das als Berlin durchgehen. Deutschen Zuschauern, die gerade durch „Babylon Berlin“ ganz andere Standards gewohnt sind, wird das eher sauer aufstoßen.

Das Berlin der direkten Nachkriegstage ist noch immer untererzählt. Nach den Trümmerfilmen der späten 40er-Jahre, die notgedrungen in den Ruinen spielten, weil es sonst nichts gab, gab es in jüngster Zeit nur wenige Filme wie „Phoenix“ oder „Anonyma“ - übrigens beide mit Nina Hoss, die damit fast zu einem Gesicht dieser Ära mutiert. Aber irgendwie hat man bei „Schatten der Mörder“ das Gefühl, dass nicht nur die Stadt, in der sie spielt, sondern auch die Serie selbst in Trümmern liegt. Mit zahlreichen Logikkratern dazwischen.

„Schatten der Mörder - Shadowplay“: Achtteiler in 4 Doppelfolgen, ZDF, 30. + 31. Oktober, je 20.15 Uhr, 1. und 2. November, je 22.15 Uhr